Fotograf Roger Ballen

Die andere Seite der Seele

Der südafrikanische Fotograf Roger Ballen erforscht mit seinen fiktionalisierten Bildern die Schattenseite der Seele. Eine neue Monografie gibt Überblick über sein Schaffen

Am Anfang stand ein Versprechen: Jeder, gleich welcher Hautfarbe, kann von nun an sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. "Ich bin der Herr von meinem Stern, ich bin der Meister meiner Seel’!" So endet das Gedicht "Invictus" von William Ernest Henley, das dem Widerstandskämpfer Nelson Mandela während seiner 27 Jahre langen Haft Trost spendete. Diese Verse ließen sich am Ende der Apartheid auch als Selbstversicherung der noch jungen Nation Südafrika lesen.

Zu dieser Zeit des Umbruchs bekam auch die Fotografie von Roger Ballen eine neue Wendung. Mitte der 90er-Jahre, als Mandela Präsident wurde, begann der in Johannesburg lebende Amerikaner eine Serie, die er später "Outland" nannte. "Ausgangspunkt für sie war das Bewusstsein", sagte Roger Ballen einmal im Monopol-Interview, "dass Chaos die menschliche Existenz bestimmt. Das hatte gewiss auch mit der Verunsicherung vieler Weißer zu tun. Meine Fragen waren jedoch existenzieller."

Die Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen weiße Südafrikaner, die am Rand der Gesellschaft leben. Aber sie beschränken sich nicht auf die Dokumentation. Die Porträtierten werden zu Darstellern, sie posieren vor schäbigen Interieurs in exzentrischen Verrenkungen, präsentieren Gegenstände und Tiere. In "Outland" tauchen auch erstmalig Zeichnungen an den Wänden auf und funktionslose, offensichtlich für das Foto produzierte Objekte. Fiktives bricht in die Bildwelten ein.

In den 80ern fuhr der Geologe durch die Weiten Südafrikas

"Zum ersten Mal habe ich mich als Künstler gesehen, nicht mehr nur als Fotografen", so der heute 69-Jährige. Im New York seiner Kindheit hatte der Sohn einer Galeristin viele Größen seines späteren Metiers persönlich kennengelernt: André Kertész, Paul Strand, Henri Cartier-Bresson, Meister der Street-Photography und der Bildagentur Magnum. Roger Ballen schlug zunächst einen anderen Weg ein und studierte Geologie. Nur nebenbei fotografierte er, denn im Grunde gab es keinen Markt für diese Art Kunst.

1982 zog Ballen – inzwischen promoviert – nach Johannesburg. Die Arbeit führte ihn weit ins Hinterland, und immer hatte er die Kamera dabei. Es folgten die Serien "Dorps" und "Platteland", die einen Eindruck vom Leben der ländlichen burischen Bevölkerung geben und sehr an die sozialen Studien Walker Evans' erinnern. Der Einwanderer, der sich immer als Außenseiter sah, präsentierte ein Bild von verunsicherten, schwachen Weißen, das das Dogma der überlegenen Rasse demontierte. Wie er diese Unterprivilegierten und Missgebildeten in den Fokus rückte, beeindruckte auch viele jüngere Künstler stark: die international beachtete Hip-Hop-Gruppe Die Antwoord etwa, die in ihrer Musik und ihren Auftritten das Groteske und Verdrängte dieses Milieus ausspielt.

Immer wieder wurden auch Vorwürfe laut, der Fotograf beute die Menschen vor seiner Kamera aus, denn sie wüssten nicht, was sie tun. Besonders die Reihen "Shadow Chamber" (2005 als Buch erschienen) und "Boarding House" (veröffentlicht 2009), die in Lagerhäusern entstanden, die von Minenarbeitern, Obdachlosen und anscheinend geistig Behinderten besetzt wurden, provozierten solche Anschuldigungen.

Melancholischen Karneval

Doch Roger Ballen wehrte ab damals im Monopol-Interview ab: "Meine Werke entwickeln sich immer im Austausch mit den Menschen. Ich nehme mir Zeit, vier bis fünf Jahre brauche ich für eine Serie." Am Ende des Prozesses veröffentlicht Ballen Monografien. Sie sind ihm wichtiger als einzelne Ausstellungen: "Jedes Mal, wenn eines meiner Bücher herauskommt, ist es wie eine Rast auf einem Bergplateau. Ein Moment zum Durchatmen." Jetzt erscheint die Monografie "The World According to Roger Ballen", herausgegen anlässlich einer Ausstellung in der Pariser Halle Saint Pierre vom Künstler selbst und dem Kunsthistoriker Colin Rhodes. Es blickt zurück auf die 50-jährige Karriere im Kontext seiner Zeit, einschließlich seiner Verbindungen zur Art Brut.

Überblickt man das Werk fällt auf, wie in den jüngeren Foto-Arbeiten die Menschen mehr und mehr an den Rand rücken. Als würden sie selbst zu Dingen: Totes steht kaum unterscheidbar neben Leben, Hände ragen zwischen Larven aus Kleidung und Decken hervor, und die Zeichnungen greifen von den Wänden auf die Gegenstände über. Ballen inszeniert einen stummen, melancholischen Karneval aus Masken und Mumien, Puppen und Tieren, in denen die menschliche Figur nur noch in Bruchstücken vorkommt. Lässt sich das als Kommentar auf eine immer noch von Ausgrenzung und Misstrauen geprägte Gesellschaft lesen? Roger Ballen lehnt jede politische Interpretation ab: "Gegenstand meiner Arbeit ist die andere Seite der Seele."