Christoph Schlingensief

"Die Verdichtung überlasse ich den Bildern"

Christoph Schlingensief 2008 in Duisburg
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Christoph Schlingensief 2008 in Duisburg

Wer sich mit Christoph Schlingensief unterhalten hat, dem sind seine Thesen wie Pfeile um die Ohren geflogen. Zehn Jahre nach dem Tod des Regisseurs und Konzeptkünstlers erscheinen einige seiner intensivsten Gespräche als Buch

Am 21. August ist es zehn Jahre her, dass die Nachricht kam: Christoph Schlingensief ist tot, gestorben an Lungenkrebs, nicht ganz 50 Jahre alt. Dass er fehlt, sagen alle, die sich in diesem Sommer an ihn erinnern. Schlingensief war schon dran an all den Krankheitssymptomen, die unsere Gesellschaft heute noch zeigt, inszenierte Realityshows mit Flüchtlingen, hüpfte mit Arbeitslosen in den Wolfgangsee, gründete die chaotischste Partei Deutschlands und forderte ein bedingungsloses Grundeinkommen, predigte in seiner "Kirche der Angst" und verwandelte Offenheit und Schwäche in Kraft.

Nach seinem Tod machten manche einen Heiligen aus ihm – das war er nicht. Aber er war auf Sendung, immer, mit seiner ganzen Kraft. Wer jemals ein Interview mit ihm geführt hat, weiß, wie sich das anfühlte: Man wurde gnadenlos zugetextet, die Thesen flogen einem wie Pfeile um die Ohren, ein manchmal absurder, manchmal luzider, immer atemloser Stream of Conciousness, aus dem man sich hinterher hervorkämpfte wie aus einem heftigen Sommerregen, sich schütteln musste und erst beim Abhören des Bandes hoffentlich dahinter kam, was der Mann eigentlich genau gewollt hatte.

Aino Laberenz, seine Witwe und einstige Mitstreiterin, hat jetzt in einem prallen Band eine Auswahl von Gesprächen mit Christoph Schlingensief herausgegeben, ganz unhierarchisch mit Vertretern aller möglichen Medien. Beim allerersten, veröffentlicht im Jahr 1984 in der Jugendzeitschrift "Ortszeit" aus Mülheim an der Ruhr, wird er als "Oberhausener Filmemacher" angekündigt, der gerade seine erste Filmtrilogie veröffentlicht hat. Hier erzählt er, warum in seinen Filmen die roten Fäden immer reißen: Er mache Filme für Leute, die sich als Zuschauer trainieren möchten.

Das letzte Interview führte Max Dax für die "Spex" mit ihm, es erschien postum im September 2010. Es dreht sich über das Schreiben, über Collagieren und Klauen, und kommt dann zu einem Problem, das man sich als Kritikerin mal hinter die Ohren schreiben kann: "dass Chefredakteure zu langsame Autoren in zu schnelle Inszenierungen schicken", woraus dann wirklich kontraproduktive Missverständnisse entstünden.

"Es gibt keine klare Botschaft!"

Für vieles von dem, was Schlingensief wollte und sagte, waren die Journalistinnen und Kritikerinnen, die ihm gegenüber saßen, vielleicht wirklich noch zu langsam. Lustig zu lesen, wie vor allem die "taz" in den 90er-Jahren nicht fassen kann, dass Schlingensief Nazis, Geflüchtete oder das Gladbecker Geiseldrama durch den Fleischwolf seiner Filme und Theaterstücke dreht, und heraus kommt keine eindeutige politische Stellungnahme, sondern Splatter, Chaos, Katastrophe.

Provokateur, Tabubrecher, PR-Talent – über Jahre taucht Schlingensief mit seiner mäandernder Rhetorik unter den Zuschreibungen der Presse hindurch und hämmert seinem Gegenüber ein, worum es ihm wirklich geht: Wenn Provokation, dann die des eigenen Standpunktes. "Es gibt keine klare Botschaft! Wer das für sich in Anspruch nimmt, der lügt."

Wie würde Schlingensief im aufgeheizten Debattenklima von heute wohl bewertet werden? Er, der er Asylbewerber in Container sperrte? Der an der Volksbühne den Schauspieler Alfred Edel wetten ließ, dass er es schafft, innerhalb von zehn Minuten einen Judenstern an ein türkisches Lebensmittelgeschäft zu malen? Hätte er Shitstorms gesammelt ohne Ende? Wäre er überhaupt noch kompatibel gewesen für ein Klima, in dem vermeintlich jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden muss?

Wenn man die Gespräche wiederliest, dann denkt man: Ja. Weil er immer alle Beteiligten aus der Komfortzone der sicheren Meinung gerissen hätte. Und weil er selbst das Gegenteil von dogmatisch war. Er hat eben doch nicht nur gesendet, sondern manchmal auch zugehört – und das Megafon abgegeben, zum Beispiel in seiner späten Arbeit mit afrikanischen Schauspielern und Schauspielerinnen. Er hat nicht nur über Behinderte, Arbeitslose und andere, die keine Stimme haben, gesprochen, sondern vor allem mit ihnen, und sie an die Rampe geschubst, damit sie selbst laut werden. Und er hat sich selbst konstant in Frage gestellt und die Scheinwerfer immer als erstes auf seine eigenen Fehler gerichtet.

Musik als roter Faden

Was Schlingensief wirklich wollte? Nach der Lektüre der vielen Gespräche denkt man: Vor allem ständig etwas anderes. Den Sport, darin doch noch den einen roten Faden zu entdecken, übernimmt in seinem Nachwort der Interpretationsprofi Diedrich Diederichsen. Hinter den wilden Argumentationssprüngen des Christoph Schlingensief stecke letztlich eines: Musik. Theater, Film, Fernsehen, politische Aktionen: alles zusammengehalten von Fragen des Timings, einer grundlegenden musikalischen Kategorie.

Im Gespräch mit Monopol im Januar 2008, ebenfalls in dem Band abgedruckt, nutzt Schlingensief selbst aber doch lieber noch einmal die Filmmetapher, um sein Leben zu beschreiben: "Ich arbeite jetzt 47 Jahre an einer Langzeitbelichtung, und dabei wird vieles überblendet. Ich sehe eine breite Totale. Die Verdichtung überlasse ich den Bildern".