Museumsdirektor Bart van der Heide

"Menschen kehren zu frühen Formen des Techno zurück"

Der Corona-Lockdown brachte die Clubkultur zum Stillstand – und zerstörte damit auch den kuratierten Lebensstil der postindustriellen Ära, bei dem Momente hoher Produktivität auf Momente kalkulierter Entspannung folgen. Ein Gespräch mit Museumsdirektor Bart van der Heide, der in einer Ausstellung Techno als Linse auf die Jetztzeit begreift

Bart van der Heide, die Corona-Pandemie hat  massive Auswirkungen auf Techno, die Clubs mussten schließen. Ist Ihnen die Idee für die Ausstellung "Techno" im Museion Bozen während des Lockdowns gekommen?

Ja. Ich wollte schon lange eine Techno-Ausstellung machen, aber es sollte eine Ausstellung sein, die für mich Sinn ergibt. Ich wollte Techno nicht als historisches Phänomen betrachten, sondern als ein Phänomen, das mit aktuellen sozialen und politischen Diskursen verwoben ist. Es gab eine Reihe von Ausstellungen über die Rave-Kultur und Techno, die organisiert wurden, als die jüngere Geschichte der 90er-Jahre immer stärkere Beachtung fand. Aber diese Shows haben mich oft uninspiriert gelassen, weil ich mich nicht in ihnen wiederfand. Für mich kann Techno nicht nur als Jugendkultur dargestellt werden, etwa anhand von Flyern oder der Gestaltung von Plattencovern. Also nicht in einer dokumentarischen Art und Weise. Denn für mich ist Techno von Natur aus anonym, ortlos und fließend. Gleichzeitig prägt er weiterhin die Welt um mich herum. Für diejenigen, die Zugang zum Internet haben, sind Identität, Sexualität und Arbeit heute bereits technologisch vermittelt. Wenn sich dieses Leben weiter in Richtung einer zunehmenden Synthese zwischen Online- und Offline-Welt entwickelt, ist es wichtig, dieses Leben auch in Worten, Objekten oder Bildern zu identifizieren. Die Frage für die Ausstellung lautet also: Inwieweit kann die Techno-Erfahrung zu einer Linse werden, durch die wir die menschliche Verfassung und die soziale Ordnung von heute erfassen können?

Und hat der Lockdown diese soziale und wirtschaftliche Dimension des Techno noch deutlicher gemacht?

Die Techno-Erfahrung hat sich perfekt an die Anforderungen der freiberuflichen Arbeitskräfte des postindustriellen Zeitalters angepasst. Es handelt sich um eine Generation, die einen sehr kuratierten Lebensstil führt, bei dem Momente hoher Produktivität auf Momente kalkulierter Entspannung folgen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Techno stark von anderen Subkulturen, wie etwa Punk. Punk kann man nur 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche sein, jeden Moment seines Lebens. Techno kann man für einen oder zwei Tage haben, und danach kann man aussteigen und sich wieder in die Arbeitswelt der urbanen Klasse einreihen, ohne dass jemand eine Augenbraue hochzieht. Und genau aus diesem Grund hatten die sozialen Einschränkungen der Pandemie solche Auswirkungen auf den mentalen Zustand der Techno-Community, oder im weiteren Sinne der Freiberufler-Community. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man am Ende 24 Stunden am Tag produktiv war. Denn während sich die kommerzielle Arbeit dank zahlreicher digitaler Innovationen leicht an die eingeschränkte Situation anpassen ließ, konnte die Techno-Erfahrung als Sphäre der Befreiung nicht simuliert werden. Man befand sich also die ganze Zeit in diesem Produktivitätsfluss und in dieser Angst, nicht produktiv zu sein, ohne einen Moment der Entlastung zu haben, denn die Clubs waren ja zu. Dadurch wurde wirklich sehr deutlich, wie Techno mit den allgemeinen wirtschaftlichen Strukturen zusammenhängt. Nebenbei: Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um all den DJs, Musikern und Produzenten meinen Respekt auszusprechen, die wirklich versuchen, diese Momente der Kollektivität, der Gemeinschaft und der Liebe aufrechtzuerhalten, die nur der Techno-Club wirklich bieten kann. Freddy Ks tägliche "Krzrzrz"-Sendung hat mich durch den ersten Lockdown gezogen.

So wie Sie darüber sprechen, klingt es, als wären Sie mit Techno aufgewachsen.

Ja. Seit ich 14 Jahre alt war, war ich in der Techno-Szene. Ich bin im Norden der Niederlande aufgewachsen, damals, in den späten 1980er-Jahren, da gab es viel Detroit und Acid, keine Vocals, nur 120 Beats pro Minute.

Die holländische Gabba-Szene erschien damals ziemlich rau, hart, voller Skinheads ... aber das Tolle an Techno ist, dass ein Skinhead ein sehr netter Mensch sein kann, oder?

Ich erlebte die Gabber-Szene als eine sehr androgyne Bewegung. Im Grunde sahen alle Männer und Frauen gleich aus.  Für mich war es eine Bewegung, in der es sehr viel um gemeinsames Glück, Freude und Liebe ging. Wie der britische DJ und Musiker Matthew Herbert im Katalog zu unserer Ausstellung schreibt, löste die Tatsache, dass Techno-Musik nicht mehr von Menschen, von ausgebildeten Musikern abhängig war, einen unglaublichen Geist der Befreiung aus. Man hat sich von all diesen Abhängigkeiten befreit. So habe ich es erlebt, aber natürlich ist diese Marke der Freiheit auch der Punkt, an dem Techno mit einer wirtschaftlichen Ideologie des freien Handels und der Freizügigkeit, der Ideologie der Globalisierung, zusammenkommt.

Und Ihre Ausstellung konzentriert sich auf diesen Moment, in dem sich Techno und Globalisierung überschneiden?

Ganz genau. Der Anreiz der Ausstellung war: Techno außerhalb seiner subkulturellen Definition zu lesen. Wir sprechen also nicht so sehr über die jungen schwarzen und lateinamerikanischen LGBTQ- und Bohème-Gemeinschaften in Detroit oder Chicago, die dieses Phänomen ins Leben gerufen haben. Die Techno-Erfahrung, über die wir sprechen, ist der Moment, in dem Techno zum Mainstream wurde - denn der Aufstieg von Techno und die Globalisierung vollzogen sich zur gleichen Zeit, in den späten 1980er-Jahren. Es ist die Zeit, in der sich all diese riesigen Raves mit dem industriellen Wandel von der Produktions- zur Dienstleistungswirtschaft überschneiden. Es ist der Moment, in dem die Marke der Freiheit, die Techno zugeschrieben wird, sich mit liberalen Ideen in der Wirtschaft, mit der Entwicklung der Informationstechnologie und mit dem Aufstieg einer neuen globalen urbanen Klasse verbindet, zu der auch wir heute gehören.

Wie hat sich Techno durch die Corona-Pandemie verändert?

Die Pandemie hat ein neues Licht auf die milliardenschwere Musikindustrie geworfen, die Techno eben auch ist. Als Covid-19 zu einer Art Metapher für die Globalisierung, Entgrenzung und Freizügigkeit wurde, rückten auch Themen wie Ungleichheit, Ausbeutung und Zugangsmöglichkeiten verstärkt ins Bewusstsein. Die Texte in unserem Katalog wurden während des ersten Lockdowns geschrieben. Anna Greenspan reflektiert über die Verbindung zwischen Techno, dem Virus und globalen, empfindungsfähigen Städten. Caroline Busta und Lil Internet schreiben darüber, wie sich während des Lockdowns halbprivate Peer-to-Peer-Gemeinschaften innerhalb der Techno-Community zu entwickeln begannen. Diese neuen zellulären Formen stellen einen Gegenpol zu der kapitalistischen Maschinerie dar, zu der Techno geworden ist. Es gibt also Alternativen. Menschen kehren zu frühen Formen des Techno zurück, und es ist faszinierend, darüber nachzudenken, wie diese Menschen auch Ideen für einen sozialen Wandel anbieten können.

Wird es in Ihrer Ausstellung auch Gelegenheit zum Tanzen geben?

Ich hoffe es. In Anlehnung an die Geschichte der Techno-Clubs in Städten wie Detroit, Manchester oder Berlin, die in ehemaligen Fabriken und postindustriellen Anlagen eröffnet wurden, wird sich unsere Ausstellung auch auf ein Elektrizitätswerk aus den 1920er Jahren erstrecken, das immer noch aktiv ist. Isabelle Lewis wird hier den "Day Rave" moderieren, und zusätzlich ein Lineup verschiedener Künstlerinnen und Künstler aus ihrem eigenen Netzwerk zusammenstellen. Und in Kollaboration mit internationalen DJs und Produzenten wird es auch einen Podcast und Playlists geben. Aber natürlich gibt es keine Kunstausstellung, die die Techno-Erfahrung einfangen könnte. Was die Kunst bieten kann, ist Komplexität. Deshalb haben wir so viele verschiedene Ebenen, von Kunstwerken bis zu Diskursen, von Day Raves bis zum Techno-Reader.