Tino Sehgal über Kunst und Klima

"Die Kultur hat etwas von ihrer Vorreiterrolle eingebüßt"

Künstler Tino Sehgal 
Foto: Courtesy 3Sat / Kobalt Productions

Künstler Tino Sehgal 

Der Künstler Tino Sehgal beschäftigt sich schon lange mit Nachhaltigkeit, wollte sich aber kein "grünes Label" aufdrücken. Hier spricht er über Klimaschutz im Museum und die fehlende Vorbildfunktion der Kunst in Umweltfragen


Tino Sehgal, Sie setzen Sich als Künstler und als Privatperson schon lange und intensiv mit den Konsequenzen auseinander, die unsere Lebensweise und die Art, wie wir arbeiten, auf unser Klima hat. Trotzdem haben Sie diesen Aspekt nie besonders herausgestellt, es hatte immer eher etwas beiläufiges, das man beim Betrachten Ihrer Werke mitdenken konnte oder auch nicht. Wieso so subtil?

Ich bin in der Umweltbewegung der 1980er-Jahre groß geworden. Anfang der 90er gab es eine Studie über die Umweltbewegung und Wähler der Grünen. Dabei kam heraus, das sie mehr CO2 verbrauchen als zum Beispiel die Großmutter, die CDU wählt, aber zu Hause bleibt und Fernsehen guckt. Da wurde mir klar, dass es in dieser ganzen Sache immer sehr stark um das Verhältnis von Sagen und Tun geht. Man kann viel sagen und es sogar so meinen. Das heißt aber noch nicht viel.

Was folgte für Sie daraus?

Für mich war es interessant, die Sache umzudrehen. Etwas zu machen und nichts zu sagen. Ich wollte zeigen, dass man auch etwas Attraktives erschaffen kann, ohne auf das "grüne Gütesiegel" zu bauen. Ich wollte zeigen, dass etwas an und für sich attraktiv sein kann – und nicht, weil es irgendwie "gut" ist. Da habe ich die Latte einfach ein bisschen höher gelegt. Ich wollte nicht unbedingt damit identifiziert werden, deshalb habe ich auch nicht drüber gesprochen. Dazu kam, dass ich gemerkt habe, auf welchem Stand die Leute im Kulturbereich damals waren, was den Diskurs über Nachhaltigkeit anbelangt. Das war ein sehr niedriger Stand, und auch das Interesse an dem Thema war eher gering. Aber wenn man alte Interviews von mir liest, dann habe ich mein Anliegen schon zu Zeiten des deutschen Pavillons 2005 deutlich gemacht. Nur eben ohne Worte wie Umwelt und Nachhaltigkeit zu benutzen, weil die mir damals schon mit zuviel identitätskulturellen Gepäck einhergingen, von denen ich das Anliegen erstmal lösen wollte.

Inzwischen kommt das Thema langsam im Kulturbereich an, mehr und mehr Künstler und Institutionen setzten sich damit auseinander. Was können und müssen Museen heute tun, um sich nachhaltig aufzustellen?

Nachhaltigkeit ist ein langfristiges Problem. Das Museum ist eigentlich die einzige Institution unserer Gesellschaft, die über Dekaden funktioniert oder über Jahrhunderte. Deswegen war es auch für mich ein interessant auf diesen Ort zu schauen, der sehr stark auf Dinge, auf Materialumwandlung, fokussiert ist - bei der ja grundsätzlich immer CO2 produziert wird. Für mich ist es schon seit meiner frühen Jugend immer interessant gewesen, dieses Problem anzugehen: Denn wir haben bisher das "gute Leben" dadurch definiert, möglichst viel Materie in möglichst viele Produkte umzuwandeln. Je mehr Produkte wir erzeugen und besitzen, desto besser geht es uns. Wie diese Idee des 19. und 20. Jahrhunderts, diese Grundüberzeugung westlicher Industriegesellschaften, anders gefasst werden kann, das hat mich interessiert. Wir können sagen, dass wir bestimmte Sachen nicht mehr machen wollen. Das ist die negative Variante, und die ist ja auch soweit gut. Das machen wir jetzt auch in unserem Projekt "Down to Earth" im Gropius-Bau, wenn wir die Klimaanlage des Museums drosseln oder sogar ausschalten.

Die ist ein ziemliches CO2-Monster ...

Ja. Es ist generell so, dass Klimaanlagen um die zwei Drittel des Energieverbrauchs von Ausstellungshäusern ausmachen. Als wir begonnen haben, das von Thomas Oberender initiierte Projekt zur Nachhaltigkeit zu planen, habe ich gesagt; wenn wir etwas zu dem Thema machen, dann lasst uns mal auf den eigenen Verbrauch gucken. Da kamen dann allein beim Licht  Hunderte von Kilowattstunden pro Tag zusammen, mehr als ich dachte. Von der Klimaanlage ganz zu schweigen. Diese produziert in einem Austellungshaus traditionell eine bestimmte Temperatur und eine bestimmte Luftfeuchtigkeit. Das ist natürlich sinnvoll, wenn zum Beispiel Zeichnungen, die teilweise Hunderte von Jahren alt sind, erhalten werden sollen. Aber bei einem zeitgenössischen Werk, das jedes Mal wieder auf- und abgebaut wird, oder einer Videoprojektion gibt es wirklich keinen Grund, diese Einstellungen ungeprüft zu übernehmen. 

Dinge wegzulassen ist die negative Variante, etwas zu bewegen?

Eine andere Variante ist es, zu sagen: Wir machen etwas attraktiver. Das war schon immer mein Ansatz. Ich kann mich darauf fokussieren, die Erde in möglichst viele Gegenstände umzuwandeln, oder ich kann an mir selbst arbeiten. Das ist die Grundidee meiner Arbeit: wenn ich an mir selbst arbeite, dann produziere ich keine Gegenstände. Aber dafür habe ich dann habe ich vielleicht etwas Anderes, Interessantes gefunden: nämlich Lebensqualität.

"Down To Earth" ist Ausstellung und zugleich ein Unplugged-Programm mit täglich wechselnden Live-Angeboten, das der Frage nachgeht, auf welche Art und Weise die Agenda einer klimapolitischen Wende unser eigenes Betriebssystem tangiert. Zum Beispiel wird gefragt, wie wir den Modus, in dem wir arbeiten, uns ernähren, reisen oder Ausstellungen machen, nachhaltig verändern können. Was hat Sie bei dem Projekt noch interessiert?

Wenn ich einen Aspekt rauspicken muss, ist es, dass sich aus meiner Sicht bisher wenig Künstler mit diesem Thema beschäftigt haben. Es gibt Ausnahmen wie Agnes Denes, aber eigentlich sind es nur wenig Leute. Wenn man eine Ausstellung kuratiert, fragt man sich ja: Wer sind die Pioniere? Wer hat in dem Bereich schon vor Jahrzehnten gearbeitet? Und mein Gefühl war hier: Die gibt es in der Kunstszene kaum. Aber es gibt Leute, die sich seit Jahrzehnten damit beschäftigen, irgendwie auf eine kreative Art und Weise, die auch im Umkreis von Berlin zu finden sind. Wir haben dann eine Suche nach Experten der Praxis gestartet, also Leute gefunden, die im Alltag etwas anders machen.

Also geht es gar nicht unbedingt um Kunst?

Eher so, wie ich das vielleicht mit dem Reisen über Land gemacht habe anstatt zu fliegen. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein gar nicht so das Problem ist, es gibt ein hohes ökologisches Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Aber wenn du jemanden fragst: Was kannst du dafür tun, oder tust du was dafür? Dann wird die Antwort wahrscheinlich anders ausfallen. Unser Ziel war es, interessante Tätigkeiten, zu finden, die andere Leute nachmachen können, Deshalb gibt es ein ganzes Experten-Programm mit Talks, mit kleinen Workshops von Experten der Praxis. Wir wollten diese Menschen und das was sie gemacht haben, hier im Gropius Bau zeigen und so auch ihren gesellschaftlichen Beitrag würdigen.

Manche Künstler sind dabei in ihrem Vorgehen bereits sehr rigoros, zum Beispiel der französische Choreograf Jérôme Bel, der nicht mehr fliegt und seine Inszenierungen auch vor der Pandemie schon ausschließlich virtuell geprobt hat. Müssen Künstler, die sich mit dem Thema inhaltlich auseinandersetzen, selbst zu Aktivisten werden, um etwas zu bewegen?

Ich glaube nicht, dass jetzt jeder Künstler zum Aktivisten werden muss. Aber natürlich ist jeder angehalten, in seinen privaten und in seinem beruflichen Umfeld zu schauen, wie er nachhaltiger agieren kann. Und genau das haben wir auch für die Ausstellung gemacht. Wir haben uns gefragt: Wie kann ich die Ausstellung nachhaltiger produzieren? Die meisten Künstler, die wir eingeladen haben, haben sich diese Frage auch gestellt.

Zum Beispiel Tomás Saraceno. Statt eines seiner raumgreifenden, begehbaren Spinnennetze zu schaffen, hat er sich für ein Kunstwerk entschieden, das auf Materialverbrauch verzichtet: Das Kunstwerk einer Spinne, mit der ihr im Gropius Bau seit einem halben Jahr zusammenlebt. Wenn man es betrachtet, stellt sich auch die Frage, wie wir Kunst künftig bewerten müssen: Soll die Nachhaltigkeit ein Bewertungskriterium für die Qualität von Kunst werden? Oder andersherum - leidet die Qualität der Kunst wenn der Klimaschutz an erster Stelle steht?

Die Denktradition, mit der ich aufgewachsen bin, war, dass die Art wie etwas produziert wird, auch immer Teil der Bedeutungsproduktion ist. Steht die Aussage, die von diesem Kunstwerk getätigt wird, in der heutigen Zeit noch im Verhältnis zum Materialaufwand? Das ist auch eine ethische Frage. Mit welchen Mitteln stelle ich den Effekt her, den ich generieren will? Diese Frage kann sich jeder stellen. Das schadet dem Kunstwerk auch nicht. Es nützt ihm eher.

Eigentlich hat die Kultur ja eine Vorreiterrolle, wenn es darum geht, gesellschaftlich relevante Fragen zu stellen. Momentan hat man aber eher das Gefühl, es ist die "Fridays for Future"-Generation, die aus der Gesellschaft in die Kultur hinein wirkt – nicht wie sonst andersherum. Was ist da los?

Ich würde schon sagen, dass die Kultur von ihrer Vorreiterrolle eingebüßt hat. Aber das heißt ja nicht, dass die Kultur nicht auch in ihrem eigenen Bereich noch etwas bewirken kann. Kultur wird auch nicht aufhören zu existieren. Die Kultur kann, genauso wie jeder andere Bereich, immer noch zeigen, dass sie jetzt aufräumt, auch wenn sie die ersten 30 Jahre schon verschlafen hat. Letztendlich geht es darum, eine Praxis zu finden, die über einen längeren Zeitraum trägt. Das heißt ja nicht, nichts zu verbrauchen, sondern es geht um ein nachhaltiges Haushalten.

Wie kann das für die Kunst aussehen?

Wir müssen herausfinden, wie wir unsere Praxis nachhaltig gestalten, im eigentlichen, ursprünglichen Wortsinne von "nachhaltig", der ja aus der Forstwirtschaft stammt und über die Jahrzehnte ein wenig inflationiert beziehungsweise erodiert wurde, weil er eben so viel benutzt wurde. Es geht um eine tragfähige Praxis. Das heißt wie gesagt nicht, dass man nichts tut oder nichts verbraucht. Sondern eben, dass das was man tut oder verbraucht, tragfähig im grundlegenden Sinne ist. Für welche Art von Kunst braucht man beispielsweise welche Temperatur und Luftfeuchtigkeit? Ich bezweifle, dass Ausstellungen zeitgenössischer Kunst notwendigerweise die gleichen Klimabedingungen wie Alte Meister in Museum brauchen. Ich wünsche mir schon, dass auch die Ausstellungshäuser darüber nachdenken, wie da flexibler operiert werden kann. Das ist eine Sache, die jetzt, da die Zeit reif ist, angestoßen werden muss. Wenn man das vor zehn Jahren gesagt hätte, hätten alle gedacht, man ist verrückt. Aber ich glaube, heute kann man das angehen.