Various Others in München

Die Mischung zündet

Michael Sailstorfer, "MC24", 2018, Rüdiger Schöttle
Foto: Courtesy Michael Sailstorfer und König Galerie

Michael Sailstorfer, "MC24", 2018, Rüdiger Schöttle

In einer Zeit ohne Messen und Reisen beschwört die Kunstszene das Lokale. Wie die Verknüpfung der Institutionen funktoniert - und auch noch Spaß macht - zeigt das Münchner Galerienwochenende Various Others

In den Gesprächen mit Galeristinnen und Galeristen ist trotz der durchaus angespannten Situation und der Ungewissheit eine Sache immer wieder Thema: Die Vorteile einer Rückbesinnung auf kleinere, aber dafür intensivere Veranstaltungen. Ob gerade in Berlin (Gallery Weekend) oder letzte Woche in Frankfurt am Main (Frankfurt Art Experience) oder, ebenfalls an diesem Wochenende, in München (Various Others): Die aktuellen Reglementierungen führen zu einem Fokus auf die jeweilige lokale Szene. Der Wunsch des Kunstpublikums nach Austausch, der Wunsch, Kunst zu sehen und sich im Geschehen von etwas überraschen oder überzeugen zu lassen, ist in den vergangenen Monaten schließlich eher größer geworden. Auch darin liegt für jede dieser Städte auf ihre Weise eine große Chance.

Während sich in Frankfurt schon lange keine Messe mehr etablieren konnte, war die zweite Ausgabe des Frankfurt Art Experience mit Podiumsdiskussionen, geführten Rundgängen und einer kleineren Ausstellung zum Schwerpunkt Fotografie-Sammlungen mit neuer Sichtbarkeit auch eine Art Selbst-Identifizierung. Die kann der prosperierende Standort, dessen Kunst-Institutionen ohnehin einen guten Ruf haben, auch in Bezug auf den Kunsthandel gut gebrauchen.

In München erweist sich die Initiative Various Others gerade jetzt als Glücksfall, weil das vor drei Jahren entwickelte Konzept über die Galerieprogramme hinausweist: Die teilnehmenden Galerien laden jeweils eine Galerie aus einer anderen Stadt ein, was wie eine Frischzellenkur fürs etablierte Profil wirken kann: Wenn die Galerie Rüdiger Schöttle auf ihrem wunderbaren Dachgarten die Maskenskulpturen von Michael Sailstorfer präsentiert, holt man damit einen Münchner, der schon lange bei der Berliner Galerie Johann König ist, und zeigt in den unteren Geschossen das eigene Programm. Die Galerie Christine Mayer hat Contemporary Fine Arts aus Berlin eingeladen zu einer Gemeinschaftsausstellung mit Henning Strassburger und Tomas von Poschinger. Am Titel "Kir Royal", ein sehnsüchtiger Gruß an die alte Münchner Helmut-Dietl-Grandezza, lässt sich ablesen, was Berlin an München zu Recht so liebt. Bussi, Baby.

Die Galerie Jahn und Jahn mit ihren beiden Räumen in der Baaderstraße zeigt gemeinsam mit der Thomas Dane Galerie (London) und García Galería (Madrid) eine Gruppenausstellung, die so konsistent ist, dass man die Begleitinformationen im Grunde gar nicht braucht. "Joker" zeigt den 1976 gestorbenen Giganten Marcel Broodthaers zusammen mit der knapp 50-jährigen tollen britischen Malerin Caragh Thuring, dem 1980 geborenen Rasmus Nilausen und dem 2018 früh verstorbenen Troels Wörsel, Künstler der Galerie. Bei solchen irgendwie traumwandlerischen Zusammenkünften, die thematisch gebündelt und auch formal fein verwoben sind, ergibt dieses Format vollkommen Sinn, und macht außerdem großen Spaß.

Was in München perfekt funktioniert: Die Zusammenlegung aller Interessen, auch von Institutionen und Off-Spaces. Das Museum Brandhorst hat seine Eröffnung der großartigen Lucy-McKenzie-Ausstellung so gelegt, dass eine gemeinsame Pressekonferenz stattfinden konnte. Im Programmheft von Various Others schreibt die Direktorin des Kunstvereins München, Maurin Dietrich, einen klugen Einführungstext: "Wenn es eine Sache gibt, die sich in den letzten Monaten herausgestellt hat, dann, dass dringend neue Formen der Koexistenz und neue Ideen für das Zusammensein gefunden werden müssen." 

Das gilt für die Kunstwelt im doppelten Sinne: auf der strukturellen Ebene heißt es, ohne das Format der Messen trotzdem sicherzustellen, dass das Ökosystem aus Produzieren, Ausstellen, Besprechen und Sammeln von Kunst weiterbestehen kann. Und auf der Praxisebene heißt es, im Umgang miteinander erfindungsreich zu bleiben, und sich dabei auch den Spaß nicht ganz verderben zu lassen. In der kleinen, vollverspiegelten Pop-up-Bar "Schwabinggrad" gibt es nur ein Getränk, Tequila mit Crémant, das man im gedeckelten Whiskytumbler auf den Tresen hauen muss, bis es schäumt, und zwar unter Anleitung des Künstlers und Professors Stefan Dillemuth, der den Abend mit Clownsmaske bestreitet. Wenn schon, denn schon. Tatsächlich werden hier aber alle Auflagen eingehalten, Disziplin und Vergnügen schließen sich ja nicht aus. Leider sind die Gläser gerade aus, aber man könne sich ja da hinten welche von den gebrauchten spülen, öh, ach nein, vielleicht doch nicht. Diese spezielle Münchner Mischung 2020 zündet trotzdem.