Film über John Lennon und Yoko Ono

Ein Jahr vor dem Fernseher

Ein Jahr im Leben von Yoko Ono und John Lennon, erzählt nur mit Archivmaterial: Kevin Macdonalds "One to One" rekonstruiert Medien, Protest und Paarbeziehung. Nun kommt der Film, der selbst wie ein Fluxus-Werk daherkommt, ins Kino

Der einzige Film mit direktem Kunstbezug auf dem letztjährigen Filmfestival von Venedig galt einer Diva der Avantgarde, wenn wir sie so nennen dürfen: Yoko Ono. Kevin Macdonalds "One to One: John & Yoko", der jetzt in die deutschen Kinos kommt, erwies sich schon in seiner konsequenten Found-Footage-Form als versteckter Konzept-Film. Ausgehend von John Lennons Bemerkung, er habe das erste Jahr seiner Zeit in New York nach dem Ende der Beatles Anfang der 70er-Jahre fast nur vor dem Fernseher verbracht, spielt er in einem solchen Flimmerkasten.

In dem Gerät, drapiert inmitten einer Rekonstruktion des ersten, bescheidenen Apartments, welches das Ehepaar in Greenwich Village bewohnte, zappt eine unsichtbare Hand zwischen seltenen Aufnahmen aus dem Familienarchiv umher; darunter mitgeschnittene Telefonate, Nachrichtenschnipsel und restaurierten Filmaufnahmen des "One-to-One"-Wohltätigkeitskonzerts von 1972. 

Roter Faden ist der Hass, der dem Künstlerpaar von unterschiedlichen Seiten entgegenschlägt. Während die Nixon-Regierung lange, wenn auch schließlich vergeblich, an der Ausweisung Lennons aus den USA arbeitet, trotzt Ono einer Welle rassistischer und ignoranter Veröffentlichungen, wie sie vermeintliche Beatles-Fans bis heute im Internet absondern. 

Ein später Fluxus-Film

In diese Zeit fallen auch die Dreharbeiten des bedeutendsten gemeinsamen Kunstfilms des Paares, "Fly". Die Schwierigkeiten, dafür genug lebende Fliegen zu beschaffen, um sie über einen nackten Frauenkörper krabbeln zu lassen, bezeugen weitere archivierte Bänder des Anrufbeantworters.

Die unkommentierte Materialsammlung wirkt in seinem sprudelnden Fluss aus Haupt- und Nebenströmen von nicht hierarchisiertem Informationsgehalt selbst wie ein später Fluxus-Film. Es ist auch ein medienarchäologischer Blick in die Zukunft: Künftige Archivfilme werden das Leben von Persönlichkeiten unserer Chat- und Social-Media-Ära sekundengenau rekonstruieren können. Aber könnte man einen ähnlichen Film über Taylor Swift überhaupt ertragen?

Für ein Jahr vor dem Fernseher erweisen sich Yoko und John jedenfalls als ausgesprochen aktiv, lassen keine Gelegenheit aus, sich gegen die konservative Regierung zu stellen oder mit einer Eselsgeduld auf ignorante Journalisten einzureden, als lägen sie immer noch zur Dauerfriedenskonferenz im King-Size-Bett der Amsterdamer Hilton-Suite. Lange sollten sie das aber nicht mehr aushalten, und schließlich zogen sie sich in eine ganze Sammlung von Wohnungen im vornehmen Dakota-Building zurück.

Dieser Artikel ist eine aktualisierte Version eines Textes zum Venedig-Filmfestival 2024