Forensic Architecture & Co.

Warum nur ist politische Kunst oft so wirkungslos?

Ausstellungsansicht "Laura Poitras. Circles", Neuer Berliner Kunstverein, 2021, Werke: "Anarchist", von Laura Poitras in Kooperation mit Henrik Moltke, 2016
Foto: © Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) / Jens Ziehe

Ausstellungsansicht "Laura Poitras. Circles", Neuer Berliner Kunstverein, 2021, Werke: "Anarchist", von Laura Poitras in Kooperation mit Henrik Moltke, 2016

Wenn Künstlerinnen und Künstler brisante Fakten darstellen, winken die meisten ab: Ist ja bloß Kunst! Die Recherchen des Kollektivs Forensic Architecture zur Spähsoftware Pegasus etwa blieben ungehört. Verhallt politische Ambition in Kulturhäusern?

Dass Kunst die Welt verändern kann, ist eine Feststellung (oder vielleicht eine Hoffnung?), die inzwischen zur hingebungsvoll vorgetragene Vernissage-Floskel verkommen ist. Wer will dem auch widersprechen? Als abstrakte Formulierung hat diese Diagnose keine Konsequenzen, und meist ist sie auch symbolisch gemeint, im Sinne von "Kunst kann Denkmuster aufbrechen/Perspektiven verschieben/durch Bilder Emotionalität ermöglichen". Wenn aber Kunst tatsächlich in die Realität hineinwirken will, wird es kompliziert. Denn von der Kunst präsentierte Fakten werden anders rezipiert als Recherchen in anderen Bereichen der Öffentlichkeit.  

Zu beobachten war dies zuletzt im Fall der sogenannten Pegasus-Enthüllungen, die seit einigen Tagen in den internationalen Medien zirkulieren und inzwischen auch zahlreiche Reaktionen aus der Politik hervorgerufen haben. Dabei hat ein Netzwerk aus Journalistinnen und Journalisten enthüllt, dass autoritär regierte Staaten die Spähsoftware Pegasus der israelischen Firma NSO-Group gegen Oppositionelle, Medienvertreterinnen und Aktivisten eingesetzt haben. Auch das Handy des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron könnte nach derzeitigem Informationsstand ein Ziel für einen Pegasus-Angriff gewesen sein - eine seiner Telefonnummer taucht in einem Daten-Leak auf, das unter anderem von ARD, "Süddeutscher Zeitung", der "Zeit", dem "Guardian" und der "Washington Post" ausgewertet wurde. Interessanterweise dürften diese Nachrichten einem kulturaffinen Publikum irgendwie bekannt vorkommen. Denn im Kunstkontext sind zwar nicht die prominenten Namen von Zielpersonen, aber die Muster hinter den Spionage-Attacken und die Verwendung von kommerziell vertriebener Terrorabwehr-Software gegen politische Gegner schon seit einigen Wochen präsent

So hat das Künstler- und Forscherkollektiv Forensic Architecture zusammen mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, dem Citizen Lab der Universität Toronto, der Filmemacherin Laura Poitras und anderen Anfang Juli eine Recherche veröffentlicht, die zeigt, wie die Überwachung mit Pegasus funktioniert. Die Kunstdetektive visualisieren dokumentierte Fälle von kaum bemerkbaren Hacking-Angriffen auf die Smartphones von Aktivistinnen und Journalisten in einer interaktiven Grafik und bringen die Cyber-Attacken mit Repressalien gegen die ausspionierten Personen in der physischen Welt zusammen. Außerdem berichten sie vom (bisher recht aussichtslosen) juristischen Kampf gegen den Einsatz der Software. Der Film, den Forensic Architecture dazu gemacht hat (das Voice-over wird von Whistleblower Edward Snowden gesprochen), ist mit anderen Dokumenten der 15-monatigen Recherche auf der Website des Kollektivs und sowohl vor Ort als auch online beim Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin zu sehen. Dort läuft noch bis zum 8. August die Ausstellung "Investigative Commons" mit Recherchen von Forensic Architecture und verschiedenen Partnern. Auch in der Schau "Circles" von Laura Poitras ("Citizenfour") und Sean Vegezzi im Neuen Berliner Kunstverein (N.B.K.) werden die fragwürdigen Praktiken der NSO-Group und ihrer Partnerfirmen thematisiert. 

Balanceakt zwischen Kunst und Gerichtssaal

Die Recherchen hängen über gemeinsame Beteiligte wie Amnesty International zusammen und offenbar war der "Kunst-Abteilung" auch der konzertierte Medien-Vorstoß am Wochenende bekannt. Man könnte also sagen, dass es sich um eine fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kunst und Investigativ-Journalismus handelt. Auffällig ist aber, dass die in den beiden Ausstellungen im N.B.K. und HKW enthaltenen Schlagzeilen keine geworden sind - sondern lediglich im Kontext von Ausstellungsbesprechungen erwähnt wurden (Monopol veröffentlichte ein Interview mit der Filmemacherin Laura Poitras). Weltweite Breaking News wurden die Enthüllungen erst, als sie renommierte Medien deutlich als solche formulierten. Wenn man es pessimistisch betrachten will, ist dieses Phänomen ein weiterer Hinweis darauf, wie schwer es für zeitgenössische Kunst ist, ihre gesellschaftliche Nische zu verlassen, auch wenn sie Weltbewegendes zu sagen hat. 

Die Rezeption von Fakten funktioniert in der Kunst nachvollziehbarerweise anders als in der der klassischen Nachrichtenwelt - was es Kunstwerken mit Aufklärungsanspruch allerdings nicht gerade erleichtert, in die politische Realität vorzudringen. Forensic Architecture erleben diesen Balanceakt zwischen Präsenz in renommierten Kulturinstitutionen (Turner Prize, Documenta) und juristischer Anerkennung immer wieder. Ihr Video zum NSU-Mord am Kasseler Internetcafè-Besitzer Halit Yozgat wurde 2017 auf der Documenta 14 gezeigt und widerlegte anhand von Zeugenaussagen, Login-Daten der Computer am Tatort, Audio- und Blickanalysen sowie der Verbreitungsdynamik von Schießpulvergeruch die Angaben des damaligen hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme. Dieser hatte sich kurz vor oder sogar während der Schüsse auf Yozgat in dessen Internetcafé befunden, hatte aber stets beteuert, weder den Knall gehört, noch den Leichnam des Opfers beim Verlassen des Ortes gesehen zu haben.

Das Video legt anhand akribischer forensischer Analysen dar, dass Temmes Version der Ereignisse extrem unwahrscheinlich bis unmöglich ist. Im NSU-Ausschuss des hessischen Landtags wurde das Video von Forensic Architecture zwar diskutiert, aber als offizielles Dokument abgelehnt, weil es "nur Kunst" und damit keine verlässliche Quelle sei. Es gibt auch Fälle, bei denen Analysen des Kollektivs als Beweismittel akzeptiert wurden, so beispielsweise im Fall des von Neonazis ermordeten griechischen Rappers Pavlos Fyssas. Auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende des New Yorker Whitney Museums Warren Kanders trat zurück, nachdem Forensic Architecture den Einsatz von Tränengaspatronen seiner Firma in Krisengebieten und gegen Demonstrierende nachwies. Zu diesem Zeitpunkt wurde jedoch schon von verschiedenen Seiten Druck auf das Museum ausgeübt, und es ging um ein Thema, das speziell den Kunstbetrieb anging. Diese "Erfolge" außerhalb des Kulturkontextes ändern nichts an der Diagnose, dass eine gewisse Zuständigkeitsverwirrung eintritt, wenn Kunst Beweis sein will und Konsequenzen einfordert.

Ein So-Tun-Als-Ob gegen die Wirklichkeit

Dass sich Kunst oft im Uneigentlichen bewegt, spekulieren und fabulieren kann und sich nicht an die Wahrheit halten muss, ist eine ihrer großen Qualitäten. Zwischen ihr und dem Publikum wird das geschlossen, was der Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune den "fiktionalen Pakt" nennt: also eine Übereinkunft, sich auf die innere Logik eines Werkes einzulassen, auch wenn diese nicht mit der Wirklichkeit zusammenpasst. Man akzeptiert, die beiden Welten (Werk und Realität) nicht gegeneinander auszuspielen. Dieser Pakt erlaubt auch bildender Kunst das Geschichtenerzählen, ohne an der Wahrheit gemessen zu werden. Und juristisch gesehen heißt Freiheit der Kunst eben auch, dass sie Unwahrheiten behaupten darf, ohne dafür belangt zu werden und dass einem Künstler oder eine Künstlerin Dinge nachgesehen werden, die andere Menschen nicht ungestraft tun können. 

Umgekehrt bedeutet das aber, dass investigative Werke oft den Kunstkosmos nicht verlassen und eben genauso als uneigentlich oder symbolisch gelesen werden. So ist das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) vor allem mit provokanten Aktionen bekannt geworden, die über ein So-Tun-Als-Ob funktionierten. Es blieb stets unklar, ob das Kollektiv wirklich Flüchtlinge von Tiger fressen lassen wollte, Tote aus dem Mittelmeer vor dem Reichstag beerdigt hat oder Asche von Holocaust-Opfern in einer Stele im Regierungsviertel ausgestellt hat (das Projekt wurde allerdings wegen vielstimmigen Protesten vorzeitig beendet, und die Frage, ob wirklich Asche in dem Denkmal war, war gar nicht mehr entscheidend). Es ging um politische Eskalation durch Gedankenspiele: Für das Projekt "Unsere Waffen" fakten die Künstler eine Kampagne der Bundeswehr, die zur Suche nach vermissten Waffen und Munition aufforderte. 

Als das ZPS nun verkündete, in Afghanistan nach dem Abzug der deutschen Truppen ein "Safe House" für gefährdete zivile Helfer der Bundeswehr zu finanzieren, weil es der Staat nicht tue, suchte man fast automatisch nach der "Falle" oder dem doppelten Boden. Ein Vertreter des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte hat das Engagement des ZPS im "Deutschlandfunk" bestätigt und als "sehr seriös" bewertet. Es ist bezeichnend, dass diese Aktion des Kollektivs bedeutend weniger Aufmerksamkeit bekommen hat als die symbolisch-visuellen Provokationen der Vergangenheit.

Das Publikum als politische Macht

Das Changieren zwischen Ausreizung künstlerischer Freiheit und Anspruch auf Wirklichkeitsanalyse ist ein komplexes Thema, dass durch die zunehmende Vermischung von Kunst, Journalismus und Aktivismus aktuell bleiben wird, und bei bei dem es keine eindeutigen Antworten geben kann. In einem Monopol-Interview vom Januar 2019 erklären die Forensic-Architecture-Mitglieder Christina Varvia und Simone Rowat, dass sie für ein Gericht anders arbeiten als für einen Kunstraum. Während sie sich im "Beweis-Modus" streng an Fakten halten, gibt ihnen der Ausstellungskontext die Möglichkeit, die Fakten einzuordnen und sich zu positionieren. So haben sie es beispielsweise im Fall des NSU-Mordes getan, als sie die Freigabe von gesperrten Akten forderten. Außerdem ermöglicht das Label "Kunst" andere Formen der Finanzierung als beispielsweise NGO-Arbeit (wenn denn die Institutionen und Geldquellen bereit sind, sich in politische Diskurse hineinziehen zu lassen).  

Forensic Architecture schätzen die Möglichkeit, aus einem quasi geschützten Kunstraum heraus politischen Druck aufzubauen, der im Idealfall die Kultur-Bubble verlässt. "Wir sehen das Publikum als politische Macht", sagt Christina Varvia - auf die Gefahr hin, dass dieses Publikum erst woanders große Schlagzeilen lesen muss, um die Brisanz eines Themas zu erkennen.