Zusammenarbeit mit Konfliktpotenzial

Warum schließen Galerien kaum Verträge mit Künstlern?

Auch wenn es um viel Geld geht: Die Hälfte aller Galerien geht geht nie irgendwelche schriftlichen Verträge mit Künstlerinnen und Künstlern ein
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Auch wenn es um viel Geld geht: Laut jüngster Galerienstudie schließt nur jede zehnte Galerie schriftliche Verträge

Neun von zehn Galerien in Deutschland schließen keine Verträge mit ihren Künstlerinnen und Künstlern. Diese Unsicherheit führt immer wieder zu Konflikten. Warum verzichtet der Kunsthandel dennoch auf mehr Verbindlichkeit?

An der Spitze der Kunstwelt geht es manchmal zu wie auf dem Fußball-Transfermarkt: Da überbieten sich Erstligisten im Kampf um Shootingstars und Top-Player der Branche. Als etwa Avery Singer 2019 ihre langjährige Galerie Gavin Brown verließ, waren gleich die drei umsatzstärksten Galeristen der Welt hinter der New Yorker Malerin her: Iwan Wirth, David Zwirner und Larry Gagosian. Laut "Artnet"-Kolumnist Kenny Schachter sei "Larry wiederholt unangekündigt in ihrem Studio aufgetaucht, während David ihr unerbittlich den Hof gemacht hat und Iwan versucht hat, sie alle zu übertrumpfen (das können Sie verstehen, wie Sie wollen), indem er ihr einen Privatjet schickte." 

In diesem Fall war die gefragte Position auf dem freien Markt, doch meistens werden erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler einfach von der Konkurrenz abgeworben. Die großen Galerien profitieren von der Aufbauarbeit der kleineren, die Newcomer und Newcomerinnen nicht nur entdecken, sondern ihnen auch erste Ausstellungen geben, sie aufpäppeln und in Institutionen unterbringen.

Auch wenn kaum eine Galeristin oder ein Galerist davon spricht: Wie enttäuschend muss es sein, wenn eine Person, mit der man gemeinsam gewachsen ist, einfach geht! Denn die größere Galerie hat natürlich das verzweigtere Netzwerk, mehr Power, mehr Geld für aufwendige Arbeiten. 

Braucht es Ablösezahlungen?

Wie kann man sich gegen solche Verluste absichern? Im Fußball – um bei diesen Vergleich zu bleiben – werden Ablösesummen bezahlt, mit denen ein Spieler aus einem laufenden Vertrag vorzeitig "herausgekauft" wird. So schlug dann auch Art-Basel-Direktor Marc Spiegler 2018 auf einer "New York Times"-Konferenz in Berlin vor, Einbußen betroffener Galerien nach einem ähnlichen Modell zu kompensieren. Das Problem auf dem Kunstmarkt ist nur: Es existieren kaum Verträge.

Laut jüngster Galerienstudie schließt nur jede zehnte Galerie schriftliche Verträge, ein Drittel legt sich von Fall zu Fall vertraglich fest. Die Hälfte aller Galerien geht explizit keine schriftlichen Verträge ein. Das liegt vielleicht daran, dass sich Galeristinnen und Galeristen – im Gegensatz zu Verlagen – immer noch weigern, eine Galerie als Unternehmen wie jedes andere zu begreifen.

"Galeristen sind Teil des Kunstmarktes, eines Marktes, der stark über Vertrauen und persönliche Interaktion gesteuert wird", schreibt Magnus Resch in seinem Ratgeber-Buch für Galerien. "Das erklärt die geringe Anzahl von Standards, Richtlinien und Vertragsvorgaben. Es ist nicht üblich, Verträge mit Künstlern und Partnern zu schließen, Insider-Trading ist in der Szene gang und gäbe." Er empfiehlt: "Um langfristig erfolgreich zu sein, müssen Galerien ethisch korrekt arbeiten. Nur so können sie sich als verlässliche Partner etablieren – gegenüber Kunden, Partnern und Künstlern."

Nicht nur Galerien, sondern auch Künstlerinnen und Künstler sichern sich mit einem Kontrakt gegen ein überraschendes Ende des Arbeitsverhältnisses ab. "Es geht um viel mehr als die rechtliche Dimension", schreibt auch Hergen Wöbken, Autor der neuen Galeriestudie. "Galerien und Künstler*innen haben ein Interesse an einer kontinuierlichen und langfristigen Zusammenarbeit. Mit einem Vertrag zeigen alle Beteiligten auch, dass sie sich und die gemeinsame Geschäftsbeziehung ernst nehmen und kontinuierlich daran arbeiten." 

Was ein Vertrag regeln sollte

Schließlich kann ein Vertrag so viel wichtige Einzelheiten regeln: Wie viele Ausstellungen darf oder muss ein Künstler oder eine Künstlerinnen in der Galerie realisieren? Wie viele Werke kann er oder sie direkt aus dem Atelier verkaufen ohne Einbeziehung der Galerie? Wie viele weitere Galerienvertretungen darf er oder sie haben? Wer haftet im Schadensfall? Wer bezahlt Transporte? Wie lange nimmt die Galerie Werke in Kommission? Wie teilt man den Verkauf auf Messen, wo Galerien unter oft erheblichen Sonderkosten ächzen? Wie steht es mit Urheberrechten an Abbildungen der Kunstwerke?

Eine Liste der Dinge, die von Galerien mit ihren Künstlerinnen und Künstlern besprochen werden müssen, gibt es beim Bundesverband Deutscher Galerien, der seinen Mitgliedern empfiehlt, Verträge aufzusetzen. Wobei für den "ehrbaren Kaufmann" auch schon der Handschlag gelte, so der Vorsitzende Kristian Jarmuschek. "Jedoch kann man Künstlerinnen und Künstler zu nichts zwingen", gibt er anderseits zu bedenken. Was habe die Galerie schließlich davon, wenn ein Künstler oder eine Künstlerin zwar zu einer Ausstellung verpflichtet sei, aber keine Lust mehr dazu hat. Stattdessen solle man von Anfang an offen besprechen, wie man sich eine Zusammenarbeit vorstellt und was man voneinander erwarten kann.

Dass die gegenseitigen Erwartungen immer wieder nachzujustieren sind, schreibt auch Hergen Wöbken: "Vereinbarungen sollten so gestaltet werden, dass sie einen Anlass bieten, gemeinsam die Grundlagen einer erfolgreichen geschäftlichen Beziehung zu besprechen, um daran immer wieder anzuknüpfen und sich miteinander gezielt zu entwickeln, Annahmen zu überprüfen und anzupassen."

Allzu streng sollte ein Vertrag also nicht sein, sondern allen Beteiligten auch die Möglichkeit zu einem Ausstieg unter bestimmten Voraussetzungen geben. Zudem darf es nicht zu kompliziert werden, sondern ohne Rechtsbeistand zu erledigen sein, was unsinnige Kosten spart. Alles in allem also keine leichte Aufgabe, aber so ist das eben, wenn man sich auf den Markt begibt.