Ausstellung in Basel

Was bleibt, ist Müll

Territories of Waste: Eine Ausstellung im Basler Museum Tinguely setzt sich mit den Hinterlassenschaften unserer Zivilisation auseinander

Als Nicolás García Uriburu 1968 den Canal Grande in Venedig giftgrün färbte, erregte er Aufsehen. So sehr, dass der Künstler und Umweltaktivist die Aktion am Rhein wiederholte, schließlich machte auch Joseph Beuys mit, und gemeinsam füllten sie das Wasser in Flaschen. Da war die Ökologiebewegung schon im Mainstream angekommen. Der Rhein galt damals als besonders schmutzig, ein anderes Mal färbte er sich infolge eines Chemieunfalls in Basel blutrot, Fische starben massenweise. Heute ist der Fluss so sauber, dass manche Basler im Sommer nach der Arbeit flussabwärts treiben, um nach Hause zu kommen.

Schmutz, Müll und Ökologie sind bis heute für Künstlerinnen und Künstler faszinierend. Diesem Interesse spürt die Gruppenausstellung "Territories of Waste" im Museum Tinguely nach. Da zeigen sich eine verborgene Kunstgeschichte der Umweltverschmutzung und ein ständig wechselnder Blick auf Müll – vom Überfluss des 20. Jahrhunderts zum Anthropozän.

Mit Abfall jedenfalls kannte sich Jean Tinguely aus. Um 1960 begann der Schweizer Künstler, aus dem Schrott der Konsumgesellschaft kinetische Riesenskulpturen zu bauen, ganz im Geiste des Nouveau Réalisme. Zu jener Zeit lautete das Zukunftsversprechen noch: unbegrenztes Wachstum. "Um 1960 gab es viele Bilder von Abfallbergen, und es wurde auch in Europa Müll direkt in die Natur gekippt", sagt die Kuratorin Sandra Beate Reimann. Aber: "Viele der Begriffe, die für uns ganz aktuell sind, sind zum Teil schon aus den 1950ern. Zum Beispiel die geplante Obsoleszenz wurde 1960 von dem amerikanischen Essayisten Vance Packard beschrieben."

Postkoloniale Geografien

Abfall ist in den letzten Jahrzehnten nicht weniger geworden, nur weniger sichtbar: als Schwermetall, Feinstaub, Mikroplastik. Aber das Verdrängte kehrt zurück, und das Nachdenken darüber unterliegt einem ständigen Perspektivwechsel. Welche Gefahren birgt – zum Beispiel – der Elektroschrott, der bei uns bequemerweise verschwindet und an den Küsten des globalen Südens weiterverarbeitet wird?

Von den postkolonialen Geografien erzählt Hira Nabi in ihrem Film "All That Perishes at the Edge of Land", der von Frachtschiffen handelt, die an der Küste Pakistans ausgeschlachtet werden. Oder auch die Künstlerin Otobong Nkanga, die, nachdem sie versehrte Landschaften einer Kupfermine in Namibia sah, die unterhöhlte Topografie in Skulpturen übersetzte – Anfang des 20. Jahrhunderts zerstörten die deutschen Kolonialherren die Landschaft mit Dynamit. "Es wird in der Kunst nicht mehr nur reflektiert, was nach dem Konsum passiert", sagt die Kuratorin, "sondern auch, welche Verschmutzung und Vernarbung der Landschaft die Extraktion bewirkt."

Mensch, Müll und Natur

In der Ausstellung zeigen sich viele verborgene Verbindungen von Ressourcenausbeutung und Land-Art. Agnes Denes’ Weizenfeld vor dem World Trade Center in New York zum Beispiel, das sie im Mai 1982 pflanzte, ist in den letzten Jahren in so vielen Gruppenausstellungen zum Thema Ökologie und Nachhaltigkeit aufgetaucht, dass es ganz heutig scheint. Ähnlich ist es mit der New Yorker Künstlerin Mierle Laderman Ukeles, deren Beschäftigung mit Fürsorgearbeit so gegenwärtig ist. "Sie stellt die Frage, ob wir immer etwas Neues erfinden müssen oder ob Kunst nicht auch maintenance sein kann", so Reimann. Müllabfuhr und Reinigung – Laderman Ukeles arbeitet an solchen Themen seit den späten 1960ern. In der Coronapandemie dankte sie auf großen Bildschirmen in der Stadt den Arbeiterinnen und Arbeitern, die New York am Leben erhalten.

Alles schon da gewesen, könnte man also meinen, aber "Territories of Waste" ist keine historische Ausstellung oder zumindest nur im Ansatz. Mit dem Anthropozän im Blick hat sich wieder einmal das Nachdenken über Abfall geändert, und eine jüngere Generation wirbelt die Kategorien von Mensch, Müll und Natur durcheinander, bis die Unterscheidung gar nicht mehr so klar ist. Eine Arbeit in der Schau befasst sich mit Schwermetallen, die am Atlantikstrand nach der Invasion der Alliierten 1944 immer noch nachzuweisen sind, eine andere spekuliert, was aus der Plastiksuppe des Ozeans für Kreaturen entstehen könnten. Menschliches Handeln und Umwelt sind nicht zu trennen, aber es bleibt doch immer etwas übrig. "Es geht nicht nur um Abfall", sagt die Kuratorin, "sondern um die Beschäftigung mit dem Übrigen."

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Museum Tinguely
Foto: picture alliance/KEYSTONE

Museum Tinguely

Der Meister der kinetischen Kunst Jean Tinguely (1925–1991) steht im Zentrum des Basler Museums, das seinen Namen trägt. Grundstock der Sammlung ist die Schenkung Niki de Saint Phalles von 52 Skulpturen aus dem Nachlass von Jean Tinguely 1992. Seither konnte die Sammlung kontinuierlich mit weiteren Ankäufen und großzügigen Schenkungen erweitert werden. Das direkt am Rhein gelegene Museum, das 1996 eröffnete, wurde von dem Architekten Mario Botta entworfen. Die permanente Ausstellung zeigt einen vier Jahrzehnte umfassenden Überblick von Tinguelys Schaffen. Ausgehend von der Ideenwelt des Künstlers, bietet das Museum ein vielseitiges Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das den Dialog mit anderen Künstlern und Künstlerinnen, Kunstformen und Wissenschaften sucht – aktuell beispielsweise mit der holländischen Künstlerin Anouk Kruithof (bis 30. Oktober) und Jean-Jacques Lebel (18. September).

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8. Juni – 21. August 2022