Interviews mit Kritikern

Was es bedeutet, über Kunst zu schreiben

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Der Autor und Kurator Jarrett Earnest hat amerikanische Kunstkritiker zu den Grundlagen ihres Berufs befragt. Einen Anspruch teilen viele der US-Kollegen: Sie sehen ihr Metier in großer Nähe zur Literatur

Macht man das: sich mit einem der angesehensten Kunstkritiker der USA treffen und ihm erst mal ein Gespräch über Musik aufdrängen? Der Autor Jarrett Earnest, der auch Künstler und Kurator eines Kunstraumes auf der Lower East Side ist, fragt Hilton Als zuallererst, warum Dionne Warwicks Songs von Burt Bacharach aus den 60ern so großartig seien.

Kurz befürchtet man, Earnest wolle in seinen Gesprächen auf den mehr als 500 folgenden Seiten seines neuen Buches "What it Means to Write About Art" die Kritiker-Elite herausfordern mit langweiligen Übertrumpfungen in Randgebieten des Spezialwissens. Hilton Als aber antwortet sofort sehr präzise: Warwicks Syntax sei im Gospel verwurzelt, aber ihre Phrasierung sei Pop, nicht R ’n’ B. Schon ist man wieder dabei. Hier geht es um genaue Fokussierung aller Art. Wer über Kunst schreibt, muss alle Dinge benennbar machen können.

Und seien es die eigenen Gefühle. Peter Schjeldahl, den vielfach ausgezeichneten Kunstkritiker des "New Yorker", bewundert Earnest dafür, dass er als Ausgangspunkt für seine Kritiken immer seine Empfindungen beim Betrachten von Kunst heranzieht. "Aber sind Gefühle nicht das Einzige im Universum", fragt Schjeldahl zurück, "was wir wirklich wissen?"

Keiner der rund 30 Interviewten hatte das erklärte Ziel, Kritiker zu werden. Meist führte eine Verkettung von Gelegenheiten, Beziehungen, Leidenschaften und Kränkungen dazu. Warum verließ Roberta Smith, heute bei der "New York Times", als junge Autorin das Kunstmagazin "Artforum"? Sie hatte einen Katalogbeitrag zu einer Donald-Judd-Ausstellung geschrieben, die Besprechung im Magazin übernahm ihr Chefredakteur. Und nannte sie für ihren Beitrag in seinem Artikel einen Groupie.

Earnest lässt seinen Gesprächspartnern Zeit, bis sie von selbst ihre sehr unterschiedlichen Kriterien für das Schreiben über Kunst preisgeben. Dieser Job zwischen Streitbarkeit und Sensibilität kann sehr persönlich werden, wie bei der fantastischen Lucy Lippard, die über ihre Freundin Eva Hesse nach deren Tod das Buch machte, das sie nicht in Vergessenheit geraten ließ. "Was hieß Feminismus in den 70ern in Bezug auf das Schreiben über Kunst?", fragt Earnest, und Lippard sagt: "Angepisst zu sein über die Behandlung von Künstlerinnen." Warum sie immer mit ihm streiten müsse, fragte ihr Freund Robert Smithson sie eines Abends im Max's Kansas City. "Weil ich dachte, es macht dir so viel Spaß wie mir!"

Klar wird auch, dass die Tradition der Kunstkritik in den USA eine große Nähe zur Literatur hat. Hilton Als macht zum Beispiel überhaupt keine Unterschiede zur Prosa. Um zu schreiben, sagt er, müsse man lernen, über Liebe zu schreiben.

Das könnte eine Zeile aus einem Burt-Bacharach-Song für Dionne Warwick sein.

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