Karrieren nach der Weltkunstschau

Was machen eigentlich die früheren Documenta-Leiter?

Kuratorin Catherine David 1997 mit einem Documenta-X-Sonderzug der Deutschen Bahn 
Foto: picture alliance / dpa

Kuratorin Catherine David 1997 mit einem Documenta-X-Sonderzug der Deutschen Bahn 

Eine Documenta gestemmt - und dann? Wir fragen, wo die künstlerischen Leiterinnen und Leiter der Weltkunstschau heute sind

Eine Documenta zu kuratieren gehört wohl zu den prestigeträchtigsten Aufgaben der Kunstwelt. In dieser Woche wird die 15. Ausgabe unter der Leitung des indonesischen Kollektivs Ruangrupa eröffnet. Aber sichert der Ruhm aus Kassel auch danach eine Weltkarriere? Wir haben zusammengetragen, was die noch lebenden Documenta-Chefs und Chefinnen heute machen. 


Rudi Fuchs, Documenta 7 (1982)

Als Rudi Fuchs die Leitung der Documenta 7 des Jahres 1982 übernahm, herrschte die Überzeugung, Kunst habe gesellschaftspolitische Verantwortung, Malerei sei vorbei, Videokunst war allgemein das Medium der Wahl. Dagegen trat der Niederländer mit seiner Documenta an, die er ohne Titel beließ.

Er verzichtete auf einen theoretischen kunsthistorischen Überbau und verließ sich wieder auf die guten alten Kategorien von "Schönheit" und "künstlerischer Individualität". Vorherrschend war großformatige Malerei, die "Neuen Wilden" wie Elvira Bach oder Salomé hatten hier ihren Durchbruch. Die konservative Kunstauffassung dieser Documenta sehen viele nicht zufällig mit der beginnenden Amtszeit von Helmut Kohl zusammenfallen.

Der figurativen Malerei stellte Fuchs klassische Skulpturen aus Kasseler Museen gegenüber, ein Novum. Das Ausmaß der zeitgenössischen Skulptur war damals gewaltig, vieles davon prägt den Kasseler Außenraum heute noch. Etwa Claes Oldenburgs "Spitzhacke" oder insbesondere Joseph Beuys’ Baumpflanzaktion 7000 Eichen (1982–1987): 7000 Bäume sollten Kasseler Bürger pflanzen, jedem Baum wurde ein Basaltstein zur Seite gestellt. Die Steine auf dem Kasseler Friedrichsplatz gelagert, sodass an ihrem allmählichen Verschwinden der Fortschritt der Pflanzaktion ablesbar war. Der letzte Baum wurde zur Documenta 8 gepflanzt. Die Bäume begrünen Kassel noch heute.

Rudi Fuchs, heute 80 Jahre alt, ist auch nach seiner Documenta weiter als freier Ausstellungsmacher und als Autor tätig. Er befand und befindet sich im Vorstand vieler Institutionen wie der Appel Foundation, Amsterdam, oder der Reform-Kommission des Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien. Seit 1993 gehört er dem Vorstand der von Donald Judd gegründeten Chinati Foundation in Marfa (Texas) anEr leitete 1993 bis 2003 das Stedelijk Museum in Amsterdam, wo künftig auch die meisten seiner Projekte stattfinden. 2005 wurde er dort Professor am neu eingerichteten Lehrstuhl für Kunstpräsentation, zu seinen jüngeren Ausstellungsprojekten zählt die Skulpturen-Biennale Art Zuid in Amsterdam (2015).

Rudi Fuchs, 1985
Foto: Rob C. Croes / Anefo - Nationaal Archief

Rudi Fuchs, 1985


Catherine David, Documenta X (1997)

Die französische Kunstwissenschaftlerin Catherine David, geboren 1954 in Paris, war 1997 die erste Frau und die erste nicht-deutschsprachige Person, die für die Gestaltung der Weltkunstschau ausgewählt wurde. Ihre multidisziplinäre Documenta X wurde als intellektuell und teils schwer zugänglich empfunden, nahm aber viele Kunst-Diskurse der kommenden Jahre vorweg und stellte sich auch als erste Weltkunstschau dem damals noch neuen Phänomen Internetkunst. 

Vor ihrer Berufung nach Kassel arbeitete sie am Pariser Kunstzentrum Jeu de Paumes, danach kuratierte sie unter anderem das Filmprogramm der Sao Paulo Biennale und die Ausstellung "The State of Things" an den Berliner KW. 2002 wurde sie Direktorin des Rotterdamer Witte de With Center für zeitgenössische Kunst, wo sie bis 2004 arbeitete, 2009 war sie künstlerische Leiterin der Lyon-Biennale. David ist außerdem Spezialistin für Kunst aus dem arabischen Raum und leitete unter anderem das Projekt "Représentations Arabes Contemporains" und den ersten Auftritt der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Venedig-Biennale. Seit 2014 ist sie stellvertretende Direktorin des Centre Pompidou in Paris. Obwohl sie den großen öffentlichen Auftritt eher meidet, gehört sie zu den profiliertesten europäischen Kuratorinnen und sitzt im Aufsichtsrat verschiedener großer Museen.

Catherine David, 1997
Foto: picture alliance / dpa

Catherine David, 1997


Roger M. Buergel und Ruth Noack, Documenta 12 (2007)

Kunstwerke sind keine Inseln, vielmehr korrespondieren sie mit anderen Werken aus verschiedenen Epochen: Die "Migration der Form" war die zentrale kuratorische Methode des 1962 in Berlin geborenen Kurators Roger M. Buergel bei der Documenta 12. Nicht vergessen werden sollte seine Kokuratorin Ruth Noack, die die Weltkunstschau 2007 entscheidend mitprägte.

Noack und Buergel nahmen in Kassel abstand von den üblichen "White Cubes", indem sie auratische Spotbeleuchtungen einsetzten, die Ausstellungswände in Rosa oder Blau anstreichen ließen und so die sinnliche Wahrnehmung von Kunst verstärkten. Schwerpunkte lagen auf nicht-westlicher und feministischer Kunst. Mit Ai Weiwei, Charlotte Posenenske, Alina Szapocznikow, Nasreen Mohamedi und anderen Kunstschaffenden präsentierte das Leitungsduo einige Kunstschaffende, die im Westen praktisch unbekannt waren. Neu war das Prinzip, dieselben Künstlerinnen und Künstler an mehreren Ausstellungsorten zu präsentieren. Außerdem stärkte die Documenta 12 die Kunstvermittlung, die nicht länger an die offizielle kuratorische Lesart gebunden war, sondern zu abweichenden, auch kritischen Deutungen ermuntert wurde.

2010 kuratierte Roger M. Buergel eine Ai-Weiwei-Retrospektive im Museum DKM in Duisburg. 2012 wurde er künstlerischer Leiter der 8. Busan Biennale, die er unter dem Titel "Garden of Learning" als Experiment mit der koreanischen Öffentlichkeit entwarf. Von 2012 bis 2021 war Buergel Direktor des Johann Jacobs Museum in Zürich, dem er eine thematische Neuausrichtung gab: Im kleinen Format, aber stets in Kollaboration mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern – zumeist vom afrikanischen Kontinent, aus Südamerika und Nordostasien –, verfeinerte der Kurator Ausstellungsmethoden in globalen Zusammenhängen.

Ruth Noack war zwischen 2012 und 2013 Programmleiterin am Royal College of Art in London und war verantwortlich für das EU-Projekt "MeLa: European Museums in an Age of Migrations". Nach wie vor schreibt Noack für internationale Zeitungen und Magazine über Themen wie feministische Ästhetik und Filmtheorie.

Roger M. Buergel, 2007
Foto: picture alliance/dpa

Roger M. Buergel, 2007


Carolyn Christov-Bakargiev, Documenta 13 (2012)

Die italienisch-amerikanische Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev ist als eine der exzentrischsten Documenta-Chefinnen in die jüngere Kunstgeschichte eingegangen. Sie forderte ein Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren, duldete keine Abbilder von Menschen in der Nähe ihrer Ausstellung und war selten ohne ihre Malteserin Darsi anzutreffen. Sie lud mit 300 Künstlerinnen und Künstlern so viele Positionen ein wie nie zuvor und wurde dafür mit einem Besucherrekord von 860.000 zahlenden Gästen belohnt.

Ihr Ausstellungskonzept, das sich um künstlerische Forschung und die Wertschätzung nicht-menschlicher Formen von Intelligenz drehte, ist ziemlich gut gealtert. Zehn Jahre nach der Documenta 13 kann man kaum ein Kunsthaus betreten, ohne dass man mit Fragen von speziesübergreifender Kommunikation und Kohabitation konfrontiert wird. Was damals für Kopfschütteln sorgte, ist heute in der Kunst ziemlicher Mainstream. 

Nach den 100 Tagen Kassel war Christov-Bakargiev zunächst als freie Kuratorin tätig, 2015 kehrte sie als Direktorin ans Ausstellungshaus Castello di Rivoli in Turin zurück, wo sie bereits vorher gearbeitet hatte. Diesen Posten hat sie bis heute inne und organisiert dort Ausstellungen, die international Aufsehen erregen. 2021 landete sie im Monopol Top-100-Ranking der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt auf Platz 65. 

Carolyn Christov-Bakargiev 
Foto: Courtesy Castello di Rivoli

Carolyn Christov-Bakargiev 


Adam Szymczyk, Documenta 14 (2017)

Kaum ein künstlerische Documenta-Leiter wurde so angefeindet wie Adam Szymczyk mit seiner 14. Ausgabe 2017. Der polnische Kurator machte Athen zur gleichberechtigten Ausstellungsstätte neben Kasse und legte den Schwerpunkt auf den globalen Süden und koloniale Strukturen. Am Ende verursachte seine Doppel-Ausstellung ein finanzielles Defizit in Millionenhöhe, eine Insolvenz wurde nur durch eine Bürgschaft der Stadt Kassel und des Landes Hessen abgewendet. 

Die Empörung über die finanzielle Lücke hielt Szymczyk für übertrieben. Für die Skandalisierung des Defizits, das nach seiner Ansicht mit 15 Prozent vom Gesamtetat nicht außergewöhnlich hoch gewesen sei, machte Szymczyk mehrere Faktoren verantwortlich, die außerhalb seines Verantwortungsbereichs liegen. "Wenn jemand die Documenta für gescheitert hält, finde ich das auch in Ordnung. Ich habe kein Problem mit dem Scheitern. Eine Ausstellung sollte die Bedingungen ihrer Entstehung offenlegen und nicht einfach 'ein Erfolg' sein", sagte der Kurator nach der Documenta 14 im Monopol-Interview. Die D14 in Kassel wurde von 891.500 Personen besucht, die Ausstellung in Athen zählte 339.000 Besuche.

Szymczyk studierte Kunstgeschichte an der Universität Warschau. Nachdem er die Fundacja Galerii Foksal (Foksal Gallery Foundation) in Warschau 1997 mitbegründete und dort bis 2003 als Kurator tätig war, leitete er von 2003-2014 die Kunsthalle Basel. 2008 war er außerdem Ko-Kurator der 5. Berlin Biennale. Nach der Documenta realisierte Adam Szymczyk 2019/20 mit Studierenden der Leipziger Kunsthochschule ein Projekt, das als Antwort auf die Diskussion um die Weltkunstschau von 2017 gelesen werden konnte. Dabei wurde eine Verbindung von der Ausstellung "Entartete Kunst" des NS-Regimes über die politischen Brüche der Wendezeit bis heute untersucht. In der selben Zeit lehrte der Pole auch für zwei Semester an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Seit 2020 ist Szymczyk Curator-at-large am Stedelijk Museum in Amsterdam. Dort soll er, so hieß es von der Institution zu seiner Berufung, neue Impulse zu den Themen Globalisierung, Dekolonisierung und Institutionskritik einbringen. Die neu geschaffene Position ähnelt der eines Gastkurators, beinhaltet aber regelmäßige Mitarbeit über zwei Jahre. Das Stedelijk bestätigte auf Anfrage, dass Szymczyk diese Position weiter innehat, wollte sich aber nicht dazu äußern, bis wann. 

Kurator Adam Szymczyk 2017 bei der Eröffnungskonferenz der Documenta 14 in Kassel
Foto Olaf Kosinsky, via Wikimedia Commons

Kurator Adam Szymczyk 2017 bei der Eröffnungskonferenz der Documenta 14 in Kassel


Verstorbene Documenta-Leiter
 

Arnold Bode (1900-1977), Documenta 1,2, 3 und 4, 1955 bis 1968

Harald Szeemann (1933 - 2005), Documenta 5, 1972

Manfred Schneckenburger (1938 - 2019), Documenta 6 und 8, 1977 und 1987

Jan Hoet (1936 - 2014), Documenta 9, 1992

Okwui Enwezor (1963 - 2019), Documenta 11, 2002