Wave-Gotik-Treffen

Das Pfingstwunder von Leipzig

Eigentlich sind Jugendkulturen tot. Aber ausgerechnet die morbideste Szene präsentiert sich am lebendigsten: Jedes Jahr zu Pfingsten feiern tausende Gruftis, Emos, New Romantics, Steampunks und andere Geschöpfe der Nacht das Leipziger Wave-Gotik-Treffen – und sehen dabei spektakulär aus 

Was ist das: Es ist schwarz, 50 Meter lang, riecht nach Patschuli und sächselt? Eine Schlange aus Besuchern des Leipziger Wave-Gotik-Treffens wartet auf den Bus Richtung Innenstadt oder Apokalypse. Eine uniforme Masse aus Individualisten, schwarz gekleidet und bereit, zumindest symbolisch einen Riss in die von Konsumkultur und Ennui geprägte Wirklichkeit zu reißen.

Über 20.000 internationale Anhänger der schwarzen Szene, die sich aus Gruftis, Emos, New Romantics, Steampunks und anderen Geschöpfen der Nacht zusammensetzt, treffen sich seit 1992 jedes Jahr zu Pfingsten in der Helden- und Messestadt, um Konzerte, Mittelaltermärkte und Theateraufführungen zu besuchen, gemeinsam sich dem Weltschmerz hinzugeben oder einfach nur toll auszusehen. Die ostdeutsche Jugend liebte die Musikrichtungen Industrial und Gothic, die Kälte von Depeche Mode und die Fin-de-siècle-Stimmung von The Cure passten doch besser zu den zerfallenden Innenstädten von Bitterfeld und Leipzig als in die britische Provinz von Basildon oder Crawley. Die durch die Wende freigesetzte Energie, durch die im Osten auch der unpolitische Techno die Macht übernahm, schuf auch Platz für das Wave-Gotik-Treffen – heute das größte Szenetreffen der Welt.

"Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort", wusste schon das Neue Testament zu berichten. "Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt … " In Leipzig wirkt der Aufmarsch der finsteren Exzentriker aber eher friedlich, fast schon piefig wie eine dieser DDR-Latschdemos vor 1989 – nur eben mit Kajal statt Karl Marx.

Und schwarz, schwarz, schwarz! Dass sie nicht gleich zu Staub zerfallen im Sonnenlicht! Diese in den 80er-Jahren in Westeuropa entstandenen Subkulturen werden heute häufig belächelt wegen ihrer dramatischen Effekte und historischen Referenzräume zwischen Mittelalter und Mittelerde, Viktorianischer Ära und Retrofuturismus. Natürlich ist es leicht, sich lustig zu machen über den Widerspruch von zur Schau getragener Todessehnsucht und der Lebendigkeit, die in all dem Aufwand steckt, die Todessehnsucht auszudrücken. Aber niemand kann bezweifeln, dass die gruftihafte Freude an der Dunkelheit alle Bereiche der Kultur durchdrungen hat: Im Kino ­dominieren fantastische Filme und Comicverfilmungen, die irgendwas mit "Finsternis" oder "Dark" im Titel tragen, Bands wie The Cure und Rammstein kennt die ganze Welt, und selbst auf die Laufstege der High ­Fashion hat es Gothic mit den Entwürfen von Rick Owens geschafft.

Eine hohe Durchlässigkeit an Weltanschauungen

Die Kostüme der Laien, die sich beim Wave-Gotik-Treffen bewundern lassen, haben es tatsächlich in sich: Spitzen, Korsett, Plateauschuhe, Fliegerbrillen, Zylinder, Netzstrumpfhosen, Leder und Latex. Von wegen Todestrieb und Libido stehen sich unversöhnlich gegenüber! Hier geht eines in das andere über.

Ohnehin zeichnet sich die Szene durch eine hohe Durchlässigkeit an Ideen und Weltanschauungen aus. Auch wenn bei einem kleinen Teil der Szene eine Nähe zur Militär- oder sogar Neonazi-Ästhetik nicht zu leugnen ist, verkommt diese Lust am Grusel nicht zu ideologischer Härte, die manch andere Jugendkulturen auszeichnet. Die schwarze Szene vereint Authentizität (was ist authentischer als der Tod?) und den theatralischen, also nicht authentischen Umgang mit Authentizität. Diese Spannung bringt eine enorme Formenfülle hervor, wie man jedes Jahr beim Pfingstwunder von Leipzig sehen kann.

Gleichzeitig und absurderweise ist die Szene beständig, da sie rück­wärtsgewandt ist und höchstens historische Zukunftsentwürfe zulässt. Die letzten Updates der schwarzen Ästhetik, die von den Künstlern Mike Grabarek und Jeremy Scott so genannten "Health Goths" kommen nicht nach Sachsen. Und für die hellen Brüder und Schwestern aus der Visual-Kei- und Cosplay-Kultur muss man bis zur nächsten Leipziger Buchmesse warten: Das Branchentreffen der Verlage ist Bühne für die jungen, enthusiastischen Manga-Leser, deren exzentrische Kostüme den Verkleidungen der schwarzen Szene in nichts nachstehen.