Interview mit Ulrich Seidl

"Wer sucht, ist mir sympathisch"

Ulrich Seidl, in Ihrem neuen Film zeigen Sie Schießübungen im Keller und einen Mann, der Jagdtrophäen aus Afrika an die Kellerwand gehängt hat. Haben Sie sich in diesen Figuren wiedererkannt? Ein Filmemacher ist ja schließlich auch Jäger und Sammler.

Metaphorisch betrachtet, ja! Und insofern trifft es sogar mehr auf mich zu als auf andere Regisseure. Selbst in meinen Spielfilmen setze ich nie das ursprüngliche Drehbuch um, sondern ich sammle Filmmaterial. Für das Kellerprojekt gab es natürlich Ideen und Absichten, aber im Lauf der Recherche bot sich ein anderes Bild. Wobei ich ja gerade die Abgründe suche, die sich auftun. Ich wollte natürlich nicht bei den Banalitäten verweilen, bei Bastel-, Werk- oder Fitnesskellern, da findet man sofort Menschen, die das gerne herzeigen, die stolz auf ihr Kellerstüberl sind. Ich möchte natürlich Menschen finden, mit denen man die Abgründe auch darstellen kann, das war bei "Im Keller" nicht einfach.

Sie drehen Spielfilme und Dokumentarfilme, wobei die Grenzen fließend sind. Haben Sie bei der Arbeit am "Keller" manchmal gedacht: das geht nicht, da finde ich jetzt nichts, jetzt mache ich doch einen Spielfilm?

Erstens war mir klar, welche Art von Film ich zu diesem Thema machen möchte. Und zweitens entspricht auch bei diesem Film nicht alles der Wirklichkeit. Es gibt fiktive Handlungsstränge. Der Unterschied zu Spielfilmen ist, dass die Protagonisten authentisch sind, sie spielen sich quasi selbst.

Können Sie ein fiktives Beispiel nennen?

Die Geschichte mit der Frau, die ihre Reborn-Babys in Schachteln im Keller versteckt hat, ist erfunden. Ich habe die Frau und ihre täuschend echten Babypuppen kennengelernt, ich wusste vorher gar nicht, dass es sowas gibt. Das brachte mich auf die Idee, sie in den Keller gehen zu lassen, wo sie heimlich ihre Puppen liebkost.

Weder der Fall Fritzl noch der Fall Kampusch waren im Konzeptstadium des Films bekannt. Inwiefern bekamen diese Verbrechen doch noch Bedeutung für Ihren Film?

Ich wusste vor Drehbeginn von diesen Fällen, und zu dem Zeitpunkt war klar: Das ist in den Köpfen der Zuschauer verankert, mit diesem Wissen schauen sich die Leute den Film an.

Sie widmen sich im Film sehr ausgiebig zwei sadomasochistischen Paaren. Bei unserem letzten Gespräch, der zweite und dritte Teil der "Paradies"-Trilogie war noch nicht im Kino, haben Sie erklärt, der Keller sei die Domäne der Männer. Nun sind beide Frauen, die Masochistin und die Sadistin, auf ihre Weise ja sehr bestimmend.

Das hat sich tatsächlich ganz anders entwickelt als gedacht. Aber genauso arbeite ich, dass ich mich von der Recherche überraschen lasse. Wenn ich die Frau mit den Puppen dazuzähle – für viele Zuschauer übrigens die gruseligste Geschichte –, sind nun drei Frauen sehr wichtig für den Film geworden.

Bei der Aufführung auf dem Filmfestival in Venedig gab es einen irritierenden Moment: Lacher im Publikum, als die Masochistin sagt, sie kümmere sich bei der Caritas um Missbrauchsopfer. Wer dieser Frau zugehört hat, hat mitbekommen, dass sie selbst Missbrauchserfahrungen hinter sich hat, aber inzwischen in einer Beziehung lebt, in der die körperliche Gewalt von ihrem Partner nach ihren Wünschen dosiert wird. Wie gehen Sie mit Lachern von der falschen Seite um?

Das ist nicht meine Verantwortung, sondern die des mündigen Zuschauers. Ich muss mal klarstellen: Meine Filme sind nicht auf bestimmte Pointen hin inszeniert oder auf klare Aussagen, wie das, was darin gesagt und gezeigt wird, zu bewerten ist. Wenn jemand lacht, wird’s einen Grund haben. Vielleicht liegt der Grund in demjenigen, der sich so amüsiert.

Stammtischsprüche, Fremdenfeindlichkeit, das Sammeln von Nazidevotionalien. Geht Ihnen manchmal der Hut hoch – beim Drehen oder später beim Schneiden?

Schauen Sie: Ich gehe auf die Menschen zu, möchte Fragen aufwerfen.Für mich gibt es nicht die Guten und die Bösen, es ist komplizierter. In jedem von uns stecken Abgründe, davon bin ich überzeugt, auch in mir selber steckt das Böse oder das Schreckliche. Sexuelle Abgründe, Machtansprüche, Gewaltfantasien, das alles steckt in uns. Der Film ist wie ein Spiegel: Wieweit ist das bei mir auch möglich?

Es gibt drastische Szenen: zum Beispiel, wenn der "Sklave" von seiner "Herrin" am Hoden aufgehängt wird. Gibt es für Sie Grenzen dessen, was Sie zeigen würden?

Die Grenze gibt’s nicht a priori, aber ich habe immer auch mit Grenzen zu tun bei der Inszenierung. Es gibt immer die Verantwortung gegenüber den Protagonisten, Dinge so darzustellen, dass man ihnen trotzdem gerecht wird. Ich würde ja Leute nicht zu etwas bringen wollen, was sie nicht wirklich gewohnt sind zu tun.

Was haben Sie als nächstes vor?

Ich habe ein kleines und ein großes Projekt. Das kleine hat auch im Keller den Ausgang genommen. Das Thema ist Jagdurlaub in Afrika, der erste Film einer geplanten Trilogie zum Thema Urlaub. In diesem Fall über Leute, die im Urlaub am liebsten Jagen gehen. Das ist eher dokumentarisch. Und ich arbeite an einem großen Film, basierend auf einem Drehbuch, das ich schon vor 20 Jahren geschrieben habe. Es spielt vor 200 Jahren etwa in der Monarchie in Österreich. Es ist die Zeit der napoleonischen Kriege, die Zeit großer Unterschiede zwischen Arm und Reich. Und ich habe einen legendären Helden, der in Österreich und im Waldviertel sehr bekannt ist, eine Robin-Hood-Figur. Er war sehr gefürchtet, ein Räuber und Verbrecher: Der Grasl. Er wurde schon zu Lebzeiten legendär, weil man ihn so lange nicht fassen konnte. Damals ging die Grasl-Furcht um. Er wurde schon mit 26 gehängt. Ein Kernthema ist die Kriminalität, die deshalb entsteht, weil man anders nicht leben oder in Würde existieren kann.

Ein Kostümfilm.

Gott behüte!

Ich meinte ja nicht: Jetzt dreht er "Vom Winde verweht". Dann sagen wir eben "historischer Film". Aber es ist doch interessant, dass viele deutschsprachige Regisseure, die sich sonst mit der Gegenwart beschäftigt haben, in jüngerer Zeit der Historie zugetan sind. Also: Christian Petzold mit "Barbara" und "Phoenix", Dominik Graf mit Schiller und seinen "Geliebten Schwestern", Fatih Akin mit "The Cut" über den Völkermord an den Armeniern. Ein Trend?

Ich kann da goarnix dazu sagen. Ich kenne den Stoff seit meiner Kindheit. Und zweitens: Ich hab das Drehbuch vor mehr als 20 Jahren mit meinem vor kurzem verstorbenen Kollegen Michael Glawogger zusammen geschrieben. Zum Thema "Trend" kann ich nichts beitragen. Ich habe lange gewartet, weil ich dieses Projekt – wie immer – in größter künstlerischer Freiheit angehen wollte. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich das finanzieren kann. Eins ist gewiss: Die "Paradies"-Trilogie zu drehen war im Vergleich dazu spottbillig.

Wie viel Gegenwart steckt in dieser Vergangenheit?

Die Unterschiede zwischen Reich und Arm werden immer größer, finden Sie nicht? Die Welt wird von immer weniger Menschen beherrscht. Und die anderen verlieren. Wir sind also eh ganz beim Thema.

Aber einer wie der Grasl hat sich aufgelehnt. Sind die Menschen im Keller auch Rebellen?


Glaube ich nicht. Die stecken da unten fest, mit ihren Nöten und Sehnsüchten. Immerhin sind sie imstande, ihre Lage darzustellen – vielleicht ein Versuch, da herauszukommen. Sagen wir: Das sind suchende Menschen, und darin sind sie mir grundsätzlich sympathisch.

Der Dokumentarfilm "Im Keller" von Ulrich Seidl läuft seit Donnerstag in den deutschen Kinos