Künstlerduo M+M über "Wir schaffen das"

"Am Ende bleibt nur dieser eine Satz"

Angela Merkels berühmter Satz "Wir schaffen das" fiel vor vier Jahren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise und hallt bis heute nach. In Chemnitz, dem Ort der rechten Aufmärsche von 2018, hat das Künstlerduo M+M einen Raum mit der Rede tapeziert, aus der die umstrittene Ermutigung stammt

Wenn Angela Merkel voraussichtlich 2021 keine Kanzlerin mehr ist, bleibt dieser Satz: "Wir schaffen das" Er fiel am 31. August 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise und hallt bis heute nach. In Chemnitz, dem Ort der rechten Aufmärsche von 2018, hat das Münchner Künstlerduo M+M (Martin De Mattia und Marc Weis) in den Kunstsammlungen einen Raum mit der Rede tapeziert, aus der die umstrittene Ermutigung stammt und die Deutschland seither in Bewunderer und Ablehner teilt. Darauf sind Videostills von rechten Demonstrationen geklebt. "Panic Room" heißt die Arbeit. Vielleicht weil ein Land Angst vor sich selbst bekommt? Wir haben mit den Künstlern gesprochen

Am 31. August 2015 sagte Angela Merkel auf einer Bundespressekonferenz einen ihren berühmtesten Sätze: "Wir schaffen das!" In welcher Situation war das Land damals?

Angela Merkel beginnt ihre Sommerpressekonferenz, die 2015 später als üblich stattfand, mit der Griechenland- und Ukraine-Krise, kommt dann aber auf die vielen Flüchtlinge zu sprechen, die in den vorangegangenen Wochen nach Europa gekommen sind. Wie umgehen mit diesem humanitären Problem? Merkels Rede zu dieser Frage ist ziemlich komplex, sie nennt die vielen Unwägbarkeiten und drängt auf eine europäische Lösung. Am Ende bleibt aber nur der Satz "Wir schaffen das", der dann eine Eigendynamik entwickelt hat und gegen die Kanzlerin gewendet wurde.

Welche Einwände gibt es gegen diesen Satz?

Als Künstler wollen wir den Satz nicht analysieren, sondern in seinen Zusammenhang zurücksetzen. Indem wir die ganze Rede als eine Zeitung drucken, weisen wir auf die Komplexität der gesellschaftlichen Situation hin. Interessanterweise wurde der Satz zunächst gar nicht weiter beachtet. Erst später entwickelte der Satz isoliert von seinem Kontext eine Eigendynamik, die gegen Merkel gewendet wurde. Von rechter Seite wollte man später das Gefühl vermitteln, dass es unmöglich ist, mit einer so großen Anzahl von Flüchtlingen klarzukommen. Heute wissen wir, dass es sehr wohl möglich ist.

Sie finden also, der Satz ist wahr geworden?

Es ist im Fluss und permanent ändert sich die Situation, aber zumindest arbeitet man daran, dass der Satz wahr werden kann. Die Dramatisierung der Rechten, dass nach 2015 die Welt untergehen wird, ist absolut nicht eingetreten. Und was Merkel in der Rede sagt, dass es eine europäische Lösung geben muss, stimmt auch heute noch.

Warum stellen Sie diese Rede nun ins Zentrum Ihrer Arbeit in Chemnitz?

Diese Arbeit ist nicht nur ein historischer Rückblick auf das Jahr 2015, sondern überprüft die Wirksamkeit und Dynamiken, die sich daraus ergeben haben. So bezieht sich unser "Panic Room" auch auf die Vorkommnisse drei Jahre später in Chemnitz, als die Aufmärsche der Neonazis stattfanden. Wir haben früher auch Zeitungen mit anderen umstrittenen Politikerreden gemacht. In Chemnitz haben wir die Zeitungen verteilt und damit in die Öffentlichkeit gebracht.

Ist das Format Zeitung, dem mittlerweile so viel Misstrauen von rechter Seite entgegengebracht wird, das Richtige für diese Zwecke?

Wir haben redaktionell nicht viel gemacht, unsere Zeitung besteht nur aus der Rede und den Nachrichtenbildern. Und wir überlassen es den Leser, den Satz zu rekapitulieren.

Was bedeutet der Titel Ihrer Installation: "Panic Room"?

So heißt die Serie, die wir schon seit einigen Jahren fortführen. Der Titel ist doppelsdeutig: Einerseits sind "Panic Rooms" Räume, in die man sich bei einem Einbruch zurückzieht, anderseits stellt unserer Raum das Chaos der Informationen dar, die auf uns einströmen.

Was wird fehlen, wenn Angela Merkel bald nicht mehr Kanzlerin ist?

Die Arbeit eines Künstlers wird vielleicht einfacher, weil dann Figuren die Bühne betreten, die möglicherweise leichter greifbar und angreifbar sind.

M+M 2016
Foto: Tobias Zielony

M+M 2016