Tipps und Termine

Wohin am Wochenende?

Sven-Julien Kanclerski, "stranded drifter", 2020
© Stadt Braunschweig / Daniela Nielsen

Sven-Julien Kanclerski, "stranded drifter", 2020

Die Kunst der Woche in Berlin, Braunschweig, Straßburg und Zwickau

Wir empfehlen, sich vor dem Besuch der Ausstellungen auf den Websites über mögliche Hygiene- und Abstandsregeln zu informieren

Emotionale Maschinen in der Schwartzschen Villa in Berlin

Das potenzielle Gefühlsvermögen technologischer Computerprogramme bietet der Kunst schon lange Inspiration. "Ich wünschte, ich könnte dich umarmen", oder "Ich liebe die Art, wie du die Welt siehst", sagt Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Film "Her" (2013) zu seiner Samantha, einem KI-Betriebssystem. Die Frage, ob technologische Maschinen Zärtlichkeit erzeugen, oder zumindest überzeugend nachahmen können, beschäftigt auch die Künstlerin Julie Favreau. So zeigt beispielsweise ihre Videoinstallation "This Thing" (2019) eine junge Frau, die in einem Feld einem fliegenden Maschinenwesen begegnet, dessen Oberfläche an menschliche Haut erinnert. Die beiden interagieren halb neugierig, halb verängstigt. Das Video wird, zusammen mit anderen Videoinstallationen, Fotografien und Skulpturen in Favreaus Ausstellung "Bonds" zu sehen sein. Es geht um Körperlichkeit im digitalen Zeitalter – wie der menschliche Körper und technoide Objekte sich berühren und das gegenseitige Handeln beeinflussen.

Julie Favreau, "Bonds", Schwartzsche Villa Berlin, bis 11. Oktober

Julie Favreau, "Will Deliquesce", 2017 (Film Still)
© Julie Favreau

Julie Favreau, "Will Deliquesce", 2017 (Film Still)
 

Kohle, Stein und andere Schätze - Otobong Nkanga im Gropius Bau

Der Umgang mit natürlichen Ressourcen steht im Mittelpunkt der Ausstellung "Otobong Nkanga: There's No Such Thing as Solid Ground" im Berliner Gropius Bau. In ihren Arbeiten erforscht die aus Nigeria stammende und in Antwerpen lebende Künstlerin die variierenden Bedeutungen, die Ressourcen wie Stein, Kohle, Mineralien in unterschiedlichen Kulturen zugeschrieben werden. Dabei spielt immer auch eine Rolle, unter welchen gesellschaftlichen Umständen Abbau und Weiterverarbeitung erfolgen.

Nkanga war im vergangenen Jahr auf Einladung von Direktorin Stephanie Rosenthal Artist in Residence im Gropius Bau. Die Ausstellung verschafft nun einen Einblick in ihre Arbeit mit Werken aus der Zeit von Ende der 90er Jahre bis heute.

"Wenn ich so viel wegnehme, was kann ich zurückgeben", fragt Nkanga und sucht eine Antwort auch in ihren Arbeiten. So ist die raumgreifende Installation "Taste of a Stone" aus weißen Kieselsteinen um kleine Tableaus und Felsbrocken für sie eine Suche nach einem privaten Bereich für Ruhe, Inspiration und Reflexion auch über Land und Boden. Für "Diaspore" hat sie den Boden eines Raumes mit Linien versehen wie Höhenmarkierungen einer Landkarte. Die Arbeit durchschreiten junge Frauen, stets im Dialog mit einer aus einer anderen Region stammenden Pflanze auf dem Kopf. Sie leben in der Fremde, der vielleicht selbst entwurzelte Mensch trennt sie vom Boden.

In einem abgetrennten Raum setzt Nkanga das Projekt "Carved to Flow" fort, mit dem sie auch während der documenta 14 zu sehen war. In Kassel ging es darum, den Prozess einer Entwicklung der Seife "O8 Blackstone" aus Kohle zu begleiten. In Berlin wird es mit dem Kapitel "Germination" um Werkstoffe gehen, etwa die Produktion von Ziegeln und afrikanische Architektur.

Otobong Nkanga, "There's No Such Thing as Solid Ground", Gropius Bau Berlin, bis 13. Dezember

Otobong Nkanga, "Diaspore", 2014
© Otobong Nkanga, Foto: Wim van Dongen

Otobong Nkanga, "Diaspore", 2014

Am Fluss entlang dem Licht folgen in Braunschweig

Nevin Aladağ lässt zwei Lichtskulpturen über dem Flüsschen Oker baumeln. Feinstrumpfhosen als Bespannung lassen die Objekte farbig schimmern. Die Künstlerin setzt damit ihre Serie "Colors" fort, mit der Aladağ auch Raum für politische Fragen - etwa nach Geschlecht oder Hautfarbe - schaffen will. 14 weitere neue Kunstwerke, dazu vier ältere Installationen markieren den fünften Lichtparcours in Braunschweig. Brigitte Kowanz hat eine Treppe aus Neonlicht gezeichnet, Bjørn Melhus einen VW Golf mit bunter Innenbeleuchtung in der Oker versenkt. Recht so, denn man geht ohnehin zu Fuß oder radelt zur Kunst - nachts im Freiluftmuseum.

Lichtparcours 2020, Braunschweig, bis 9. Oktober

Installationsansicht von Nevin Aladağs "Colors"
© Stadt Braunschweig / Daniela Nielsen

Installationsansicht von Nevin Aladağs "Colors"

Christo und Jeanne-Claude in der Nähe von Straßburg

Das Musée Würth im elsässischen Erstein nahe Straßburg widmet dem kürzlich verstorbenen Verpackungskünstler Christo eine Überblicksausstellung. Von Sonntag an werden 80 Arbeiten ausgestellt, die die Entwicklung von Christo und seiner Frau Jeanne-Claude über die Jahrzehnte darstellen. Zu sehen sind unter anderem Zeichnungen des im Juni 1995 verhüllten Reichstags in Berlin und der Innenverhüllung des Museums Würth in Künzelsau in Baden-Württemberg, eines der Museen des Kunstmäzens Reinhold Würth. Christo und Jeanne-Claude hatten dort im Januar 1995 das gesamte Innere mit allen vorhandenen Gegenständen verhüllt. 

Die bis Oktober 2021 geplante Ausstellung "Christo und Jeanne-Claude" in Erstein wird mit Werken von Würth bespielt, der über 130 Kunstwerke von Christo besitzt, der am 31. Mai in New York gestorben ist. Würth hat sich mit rund 18.000 Werken eine der bedeutendsten Privatsammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst in Deutschland aufgebaut. Das rund 20 Kilometer von Straßburg entfernte Museum in Erstein hat der heute 85-jährige Firmenpatriarch - die Würth-Gruppe gehört zu den Weltmarktführern im Bereich Montagematerial - 2008 eröffnet.

"Christo und Jeanne-Claude", Musée Würth, 12. Juli 2020 bis 20. Oktober 2021

Ausstellungsansicht von Christos Werk "Wrapped Reichstag, Project for Berlin" im Würth Museum nahe Straßburg
Foto: -/Musée Würth/dpa

Ausstellungsansicht von Christos Werk "Wrapped Reichstag, Project for Berlin" im Würth Museum nahe Straßburg

500 Jahre Industriekultur - Landesausstellung "Boom" in Zwickau

Nach Corona-Verschiebung und unsicherem Ausstellungsbeginn eröffnet am Samstag in Zwickau die 4. Sächsische Landesausstellung. Die Zentralausstellung von "Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen" spannt den Bogen vom Großen Berggeschrey im 15. Jahrhundert mit seinem Bergbau bis in die weite Zukunft des Freistaates.

Die multimediale Zeitreise durch fünf Jahrhunderte sächsischer Landesgeschichte ist in einem temporären Museum untergebracht, einer ehemaligen Montagehalle von Auto Union und VEB Sachsenring, dem sogenannten Audi-Bau. Die Schau vereint mehr als 600 Exponate von rund 130 Leihgebern, darunter zahlreiche Objekte aus renommierten Museen, sagte Kurator Thomas Spring vorab der Deutschen Presse-Agentur.

Neben der Zentralausstellung wird Industriekultur zeitgleich an sechs Originalschauplätzen erlebbar: Mit dabei sind in Chemnitz das Industriemuseum und das Eisenbahnmuseum, in Crimmitschau die Tuchfabrik Gebrüder Pfau, in Oelsnitz/Erzgebirge das Bergbaumuseum, in Zwickau das August-Horch-Museum sowie in Freiberg das Forschungs- & Lehrbergwerk Silberbergwerk.

"Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen", 4. Sächsische Landesausstellung, 11. Juli bis 31. Dezember

Bilder in der Ausstellung
Foto: Felix Adler
"Boom" zeigt einen Parcours von der Renaissance bis in die Moderne