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Kunstmesse Expo Chicago

Zeichen der Zeit

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38 000 Besucher hat die Expo Chicago bis Sonntag auf dem Gelände der historischen Seebrücke Navy Pier empfangen. Die 7. Ausgabe gab sich so politisch wie nie und punktete mit Werken von afroamerikanischen Künstlern So unaufgeräumt sieht man einen Messestand selten. Ein Berg aus Stühlen, Kleidungsfetzen, Regalresten und dazwischen ein flimmernder Fernseher, der auf wundersame Weise immer noch an ein Stromnetz angeschlossen ist. Die Installation "90 Years" von Carlos Rolón schaffte es auf der am Sonntag zu Ende gegangenen Expo Chicago mühelos, die Konventionen einer Verkaufsplattform zu unterlaufen. Der in keinster Weise dekorative Müllhaufen der New Yorker Galerie Salon 94 hatte nur eine Botschaft: Der nächste Hurrikan kommt bestimmt, ob auf dem Festland der USA oder in dem Freistaat Puerto Rico. Rolón nahm die Insel, die 2017 von dem katastrophalen Wirbelsturm Maria mit 3.000 Toten heimgesucht wurde, zum Anlass, an den Klimawandel zu erinnern und die sozialen Verwüstungen, die sich danach unter der ohnehin benachteiligten Bevölkerung multiplizierten: Obdachlosigkeit, fehlende Arbeitsperspektiven und Migration. Puerto-Ricaner sind zwar US-Bürger, verfügen aber nicht über die gleichen Rechte, weswegen auch nicht alle auf Hilfen hoffen konnten. Präsident Donald Trump begnügte sich beim Besuch des zerstörten Landes mit der Verteilung von Papiertüchern, statt für neue Dächer, Strom, Mobilfunknetze oder ausreichend Nahrung zu sorgen. Als wäre dies nicht schon diskriminierend genug, zweifelte er auch noch an der Zahl der Opfer.

Massive Kritik an der gegenwärtigen US-Politik übten auch die Künstler am Stand des Library Street Collective aus Detroit: von brennenden kalifornischen Palmen über den verschwenderischen Geländewagen-Kult bis zu einer fotografischen Hitparade amerikanischer Weltbeiträge, in der Comic-Superhelden auf Zeugnisse der Großen Depression einer Dorothea Lange trafen.

Das New Yorker Aktionskomitee Downtown For Democracy reiste ebenfalls mit lautstark parteiergreifenden Werken an, die ihnen Künstler wie Jonathan Horowitz oder Paul Chan anvertraut hatten, darunter auch "Trumps Plaque" von Marilyn Minter, die auf einem Metallschild dem inzwischen berühmt-berüchtigten Spruch "Grab them by the pussy, you can do anything" den Anschein einer Gedenktafel verpasste.

Auf die üblichen Markt-Verdächtigen musste in Chicago trotz aller florierenden Widerstandsbekenntnisse natürlich nicht verzichtet werden. Alex Katz lockte gefühlt an jedem fünften Stand. Larry Gagosian glänzte diesmal war durch Abwesenheit, aber David Zwirner füllte die Lücke mit Werken von Oscar Murillo, Raymond Pettibon, Donald Judd oder Isa Genzken. Leo Königs Galerie Century Pictures hatte On Kawara, Joseph Beuys, Hans-Peter Feldmann und die Bechers im Gepäck. Die Richard Gray Gallery aus New York setzte gar auf Großkaliber von Picasso bis zu Magritte und stellte eine riesige Kopfskulptur von Jaume Plensa ostentativ ins Zentrum.

Auch einige Berliner Galerien riskierten trotz der parallelen Berliner Art Week und Vienna Contemporary den Weg über den großen Teich. Darunter die Galerie Kornfeld, Peres Project, NOME oder René Schmitt, der sich eines Ansturms von lokalen und landesweiten Kuratoren erfreute und seinen Stand mit Werken von James Rosenquist, Luis Camnitzer und Art & Language fast komplett verkaufte. "Das war unsere fünfte Teilnahme an der Expo Chicago und jedes Jahr haben wir Sammler, die jeden Tag zu unserer Präsentation zurückkehren, das Gespräch suchen und über das Wochenende Werke kaufen. Wir können es kaum abwarten, nächstes Jahr wiederzukehren."

Luis Cammnitzer "Almanach", 2018, am Stand von Rene Schmitt

Weswegen aber der Besuch diesmal auch nicht nur für euphorisierte Galeristen besonders lohnte, war der Gesprächsmarathon von Hans-Ulrich Obrist mit Vertretern der Chicagoer Kunstszene wie Barbara Kasten oder Theaster Gates und die erfreulich große Zahl an Werken afroamerikanischer Künstler. Flankiert von einer "Dialogues"-Reihe, an der unter anderem das legändere Kollektiv AfriCobra teilnahm, das 1968 unter dem Eindruck der Black-Power-Bewegung in Chicago gegründet wurde. Vito Schnabel zog die Aufmerksamkeit mit einer an ein Archivregal erinnernden Installation von Rashid Johnson auf sich, die dem "Black Genius" nachspürte. Ob Peter William, SHENEQUA, Sandra Brewster, Barbara Earl Thomas, Alexis Peskine, Eddy Ilunga Kamuanga mit der großartigen Schwarz-Weiß-Fotoserie "Blur" und Bisa Butler mit ihren aus dem Farbrausch schöpfenden Porträts  von mehr oder weniger berühmten Afroamerikanern – sie alle galt es in der Stadt, die 2021 ihr Obama Presidential Center einweihen wird, zu entdecken.

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