Galerienwochenende in Berlin

10 Ausstellungen, die Sie beim Gallery Weekend nicht verpassen sollten

Das Gallery Weekend in Berlin will dieses Mal Neues entdecken, zeigt aber auch alte Kunst-Bekannte. Hier sind unsere Tipps aus der Monopol-Redaktion für Ausstellungen, die sich lohnen  


Von Elke Buhr, Sebastian Frenzel, Jens Hinrichsen und Silke Hohmann

Coronabedingt können spezielle Ticket-, Hygiene- und Abstandsregelungen gelten. Vor dem Ausstellungsbesuch empfiehlt sich deshalb ein Blick auf die jeweiligen Websites

Julian Schnabel bei Max Hetzler

Mit dem Alter kommt die große Einfachheit: Der US-amerikanische Maler (und Filmregisseur) Julian Schnabel bestätigt das in der Galerie Max Hetzler. Die Großformate, die der 69-Jährige in der Goethestraße präsentiert, sind unaufwändig, verzichten auf Materialassemblagen (wofür Schnabel berühmt ist) und beeindrucken mit großzügigen Gesten wie feinen malerischen Details. Zu sehen sind zwei Werkserien, bei denen sich die Farbe auf rote Tinte beschränkt. Eine Reihe von Gemälden mit dem Gruppentitel "The Parade Begins and the Parade Ends (for Reinaldo Arenas)" beziehen sich auf Texte eines kubanischen Dichters, dem Schnabel  mit seinem Biopic "Before Night Falls" (2000) ein Denkmal setzte. Die Tinte wurde teils mit einem großen Kalligrafie-Pinsel aufgetragen, teils in verdünnter Konsistenz mit einem Schlauch auf den Bildträger gespritzt.

Das Papier, mit dem die Leinwand kaschiert ist, zeigt spezifische Bearbeitungsspuren, je mehr Flüssigkeit hineingerieben wird. Schnabel nutzt die Empfindlichkeit des Untergrundes für besondere ästhetische Wirkungen. Das Papier wirkt verletzt, die Bilder scheinen mit dem tragischen Leben des homosexuellen Schriftstellers zu korrespondieren. Außerdem sind drei Variationen einer Serie um den Turm zu Babel ausgestellt, die auf rosafarbene, von der Sonne verwitterte Baumwolle gemalt sind. Ähnlich einem Rorschach-Test entstehen Zufallsbilder, von denen Schnabel sagt: "Ich meine, man sieht Bilder, die aus diesen Dingen herauskommen. Aber nichts davon ist beabsichtigt. Es ergibt sich aus dem Prozess."

"Julian Schnabel", Max Hetzler, bis 30. Oktober

Installationsansichten der Julian Schnabel Ausstellung in der Galerie Max Hetzler
Foto: def image, © Julian Schnabel Studio

Installationsansichten der Julian Schnabel Ausstellung in der Galerie Max Hetzler


Peter Fischli bei Buchholz

Zwei Werkserien und eine Filminstallation von Peter Fischli sind in der Galerie Buchholz zu sehen. Fischli, der nach dem Tod seines früheren Partners David Weiss ("Der Lauf der Dinge") im Jahr 2012 solistisch weitermacht, präsentiert in beiden Stockwerken der Galerie in der Fasanenstraße Buchcover von Ratgeberpublikationen, die ums Geldverdienen kreisen: "Planet People Profit". Die reproduzierten Buchumschläge sind auf Spiegel geklebt und verblüffen mit teils absurden Überschriften wie "The Positive Power of Negative Thinking". Die gesammelten How-to-Bücher ergeben "eine Art Mnemosyne-Atlas einer unterbeobachteten visuellen Kultur", wie Diedrich Diederichsen in einem lesenswerten Begleittext schreibt. "Würde man alle Bücher zusammenfassen," so Diederichsen weiter, "hätte man ein Manifest, das für ein ökologisch bewusstes, gleichwohl radikal egoistisches, mit emotionaler Intelligenz und viel Empathie über Leichen gehendes, extrem effizientes Wirtschaften eintritt, dabei komplexe Systeme nutzt, um menschliches und anderes Verhalten zuverlässig vorauszusagen, während im Hintergrund eine Art apokalyptische, gleichwohl strahlende Sonne aufgeht und das Chaos herrscht."

Die Szenen der Videoarbeit "Work, Summer" drehte Fischli in einem Schweizer Elektrodiscounter. Mit dem Mobiltelefon filmte er Clips, die für handliche Go-Pro-Kameras werben, von Flachbildschirmen ab. Die Freizeitgestaltung der jungen Leute, die gefilmt wurde, zeichnet sich durch Buntheit, Dynamik und Wagemut ab, während der Künster die Aufgabe hatte, sein Handy möglichst stillzuhalten. Eine merkwürdige Verbindung zwischen Epikureertum und Frustration.

Die Skulpturen der Werkserie "Cans, Bags und Boxes" schließen am deutlichsten an die Arbeiten von Fischli/Weiss seit den 1980ern an. Fischli weist auf den Zusammenhang der Objekte mit dem Fischli/Weiss-Film "Der geringste Widerstand" von 1981 hin, in dem sich ein Bär und eine Ratte unterhalten. Mit Pappe und kaschiert mit verschiedenen Tageszeitungen, deren Schlagzeilen aber verschwinden, ahmt Fischli geöffnete Blechdosen und andere Sorten von Metallmüll nach. Durch Lackfarbe oder "unechten Rost" wirken die Objekte schwerer als sie wirklich sind.

"Peter Fischli", Galerie Buchholz, bis 30. Oktober

Installation view Peter Fischli, Galerie Buchholz, Berlin 2021
Foto: Peter Fischli, courtesy of Galerie Buchholz

Installation view Peter Fischli, Galerie Buchholz, Berlin 2021


Rachel Garrard bei Galerie Tanja Wagner

Die Galerie Tanja Wagner hat die Aufforderung "Discovery" des Gallery Weekends angenommen, eine Position zu zeigen, die noch nie in der Galerie vorgestellt wurde. Rachel Garrard, eine 1984 geborene Malerin und Bildhauerin aus Großbritannien, lebt teilweise in Mexiko. Auf ihre ungrundierten Leinwände trägt sie selbsterzeugte Pigmente auf, die sie aus Steinen gewinnt, wodurch ihre Malerei eine sanfte Pudrigkeit und Erdigkeit bekommt. Doch die Motive sind klare Formen, die teilweise an Hieroglyphen, Kornkreise oder längst verschwundene Zeichensysteme einer fernen Kultur wirken. Sie habe, sagt die Künstlerin, schon als Kind in einen meditativen Zustand finden können, in dem sie diese sich bewegenden Formen vor sich gesehen habe.

Vieles davon hatte sie aufgezeichnet, viel später verarbeitete sie einige der Zeichen weiter in ihrer Kunst. Manche der Gemälde erinnern an Diagramme, andere scheinen Ausdruck eines bestimmten emotionalen Zustands zu sein, zwischen nebulöser Unbeschreibbarkeit und ganz klar abgezirkelter Formensprache. Sie sei, sagt sie, die Tochter von Wissenschaftlern. So habe sie schon immer versucht, eine rationale Ebene der Vermittlung zu finden. Diese Balance zwischen Undecodierbarem und Präzision macht Rachel Garrard wirklich zu einer Entdeckung.

"A Continous Song for Several Voices" Rachel Garrard, Galerie Tanja Wagner, bis 6. November


Louise Lawler, Henni Alftan und Andro Wekua bei Sprüth Magers

In der großen Halle präsentiert Sprüth Magers einen Klassiker in mehrerlei Hinsicht: Louise Lawler hat im New Yorker Museum of Modern Art Werke des Minimalisten Donald Judd fotografiert, aber nachts, im Dunkeln, als geheimnisvolles Schattentheater. Andro Wekuas Gemälde setzen der Dunkelheit im Obergeschoss bewährt virtuose Farbschichten entgegen. Überraschend stimmig ist aber die Malerei der jungen Finnin Henni Alftan im Raum zur Straße, der neuerdings ebenfalls als Projektraum genutzt wird. Ihre straighten, fast grafisch reduzierte Interieurs und Stillleben – eine Brille mit zersprungenen Gläsern, ein leerer Cafétisch, ein Badezimmer, in der eine halbe Figur zu entdecken ist – passen perfekt in das vor Jahren von Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze mit wunderschönen geometrischen Holzeinbauten als Laden eingerichteten Raum. 

Louise Lawler "Lights Out, After Hours In The Dark", Sprüth Magers, bis 30. Oktober 

Andro Wekua "It Seems Like That", Sprüth Magers, bis 30. Oktober 

Henni Alftan "Night-time"; Sprüth Magers, bis 30. Oktober 

Andro Wekua, "It Seems Like That" Installationsansicht Sprüth Magers, Berlin, 17. September bis 30,. Oktober 2021
Courtesy Sprüth Magers, Foto: Ingo Kniest

Andro Wekua, "It Seems Like That" Installationsansicht Sprüth Magers, Berlin, 17. September bis 30,. Oktober 2021


Cemile Sahin und Liu Ye bei Esther Schipper

Cemile Sahin ist eine der spannenden neuen Positionen im Programm von Esther Schipper. Die 1990 in Wiesbaden geborene und am Central St. Martins College ausgebildete Künstlerin ist zugleich Autorin von Prosa, für die sie 2019 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde ("Taxi", Korbinian Verlag). Auch bei ihrer ersten Präsentation in der Galerie spielt Text eine zentrale Rolle. Ein wandfüllendes Foto zeigt die Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres im Jahr 1920, der zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und dem Osmanischen Reich geschlossen wurde und der die Gebiete der Nationen neu aufteilte. Über die historische Fotografie hat die Künstlerin den Satz "It Would Have Taught me Wisdom" gelegt, ein Zitat des preußischen Königs Wilhelm II. Er bezog sich auf eine Skulptur der Minerva, Schutzherrin des Handwerks, die während der Unterzeichnung auf dem Tisch stand.

Das digital rekonstruierte Modell einer Porzellanskulptur der Minerva ist in einer fünfteiligen Serie vor der Fototapete installiert, ihr Gewand zeigt Flecktarn verschiedener Nationen, ihre Sandalen stammen nicht aus der Antike, sondern aus der Zukunft. Cemile Sahins Recherchen über die anhaltenden Wirkungen der Verträge von Sèvres und Lausanne (1923)  finden in der künstlerischen Umsetzung eine extrem zeitgenössische, gut ausgeführte Bildsprache, die ohne textliche Einordnung als Installation zwar funktioniert, aber auf dem historischen Hintergrundwissen aufbaut.

Der chinesische Maler Liu Ye zeigt ebenfalls zum ersten Mal bei Esther Schipper. Mit großem handwerklichen Können malt er Motive aus dem Bauhaus und der frühen Fotografiegeschichte. Die kleinen Formate werden in der abgedunkelten Galerie mit ausgesuchter Lichtregie präsentiert wie kunsthistorische Schätze, stammen aber aus den letzten Jahren. Beide Positionen beziehen sich auf die Geschichte, allerdings so völlig unterschiedlich, dass zwei unverbundene Einzelausstellungen aus der diesjährigen "Discovery" werden.

Cemile Sahin, "It Would Have Taught Me Wisdom", Galerie Esther Schipper, bis 30. Oktober

Liu Ye "Internationale Architektur", Galerie Esther Schipper, bis 23. Oktober

Exhibition view: Cemile Sahin, It Would Have Taught Me Wisdom, Esther Schipper, Berlin, 2021
Foto: © Andrea Rossetti, Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin

Exhibition view: Cemile Sahin, It Would Have Taught Me Wisdom, Esther Schipper, Berlin, 2021


Alison Yip bei Noah Klink

Wen oder was werde ich begehren? Wo werde ich leben? Welche neue Fähigkeit werde ich erwerben? Fragen, die sich jede und jeder schon einmal gestellt haben dürfte, hat Alison Yip an eine Neoschamanin und eine Wahrsagerin geschickt – und aus den Antworten Bilder gemacht. Ihre Ausstellung bei Noah Klink zeigt so zwei Serien von Ölgemälden, die inhaltlich und stilistisch so unterschiedlich ausgefallen sind wie die Prognosen der Wahrsagerinnen. Das ist mal sehr witzig – etwa was ihre Heiratsaussichten oder die Beziehung zu ihrem Galeristen anbelangt –, vor allem aber technisch so brillant ausgeführt, dass man sich an Szenarien der Renaissancemalerei erinnert fühlt. Vergangenheit, Zukunft – beim Blick in die künstlerische Glaskugel kann alles passieren.

"Alison Yip: Somata Topica", Galerie Noah Klink, bis 17. Oktober


Wu Tsang bei Isabella Bortolozzi 

Wu Tsangs Installation "Anthem" ist eine dreiteilige Hommage an den legendären Sänger, Komponisten und Transgender-Aktivisten Beverly Glenn-Copeland. Teil eins besteht aus einem auf eine Vorhangskulptur projiziertes Filmporträt, das Glenn-Copeland beim Improvisieren und Singen seiner Musik zeigt. Im zweiten Teil sprechen der Musiker und seine Partnerin Elizabeth über die Kunst und das Leben, die Liebe und ihre Idee von Gemeinschaft – und das mit einer Freude und Wärme und Tiefe, die sehr besonders ist. Der dritte Raum ist reiner Sound, und wer jetzt nicht tanzen möchte oder weinen oder zumindest einen kleinen Ruck im Herzen spürt, kann auch gleich AfD wählen.

"Wu Tsang: Lovesong", Galerie Isabella Bortolozzi, bis 30. Oktober 


Julie Mehretu bei Carlier Gebauer 

Kann abstrakte Malerei politisch sein, Stellung beziehen zu konkreten gesellschaftlichen Fragen? Die Formalisten-Fraktion von Clement Greenberg bis Arnold Bode prägte mit ihrem klaren Nein auf diese Frage die Nachkriegs-Kunstgeschichte des Westens. Auch für Julie Mehretu ist die Abstraktion eine Form des Unwissens, gerade darin aber liegt ihr Potential, "den Kampf auf eine alternative, abstrakte Weise neu zu denken." Ihre jüngsten Arbeiten basieren auf Fotos von Internierungslagern von Einwanderern, Umweltkatastrophen oder den rechten Aufmärschen in Chemnitz 2018, wobei Mehretu die Bilder per Photoshop verzerrt und mittels Farbe, Siebdruck, Airbrush in vielschichtige Kompositionen verwandelt. Die Einzigartigkeit des ursprünglichen Bildes verschwindet, der "Schmerz und die Quelle des Bildes", so Mehretu, bleiben aber erhalten.

"Julie Mehretu. Metoikos (in between paintings)", Carlier Gebauer, bis 13. November


Tomás Saraceno bei Neugerriemschneider

Tomás Saraceno hat für seine erste Ausstellung bei Neugerriemschneider seiner Galerie mehr Nachhaltigkeit verordnet. Solarpanels auf dem Dach sollen die Energie für die Schau produzieren, und die Öffnungszeiten sind an das Tageslicht angepasst. Man kann nicht das postfossile Zeitalter zum Thema seiner Kunst machen und nicht gleichzeitig entsprechend umsetzen.

Genauso stimmig ist die Ausstellung selbst. "We do not all breathe the same air" erforscht den Atem und den Schmutz, von dem wir – je nach Wohnort und leider auch sozialem Status – mehr oder weniger einatmen. Was wie minimalistische Punkte anmutet, ist eine Visualisierung von Luftverschmutzung, ein starker Lichtstrahl macht die vielen winzigen Partikel sichtbar, die in der Galerie schweben, und wunderbar zarte Grafiken wurden mit einer Tinte gedruckt, die aus dem Kohlestaub aus der Luft in Mumbai gewonnen wurde.

Tomás Saraceno "We do not all breathe the same air", Galerie Neugerriemschneider, Berlin, bis 31. Oktober

Tomás Saraceno "Particular Matter(s)", 2021
Foto: © Tomás Saraceno, Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin

Tomás Saraceno "Particular Matter(s)", 2021

 


Julian Charrière bei Dittrich & Schlechtriem 

"Soothsayers", zu Deutsch Wahrsager, heißt die Ausstellung von Julian Charrière bei Dittrich und Schlechtriem, und sie empfiehlt sich am Ende der Runde. Man tritt ins Dunkel, legt sich auf eine Plattform und lässt sich von einer sich drehenden Flackerlampe aus durchlöchertem Stein hypnotisieren, die von Wasserdampf umwabert wird. Das Vorbild dafür ist eine "Dream Machine", wie sie der amerikanische Psychedeliker Brion Gysin in den 1960er-Jahren entworfen hat – sie sollte die Gehirnwellen positiv beeinflussen. Für Charrière wird die Traummaschine zur exemplarischen Auseinandersetzung damit, wie der Mensch den Elementen der Erde begegnet, sie ausbeutet, aber sich ihnen auch hingibt auf der Suche nach Heilung, Erkenntnis oder Erleuchtung.  

"Julian Charrière: Soothsayers", Dittrich & Schlechtriem, bis 27. November