Biennale-Tipps

12 Dinge, die Sie in Venedig nicht verpassen sollten

Marianna Simnett "The Severed Tail", Hauptausstellung Arsenale, Venedig Biennale, 2022
Foto: Courtesy Biennale Arte, Marianna Simnett und Societé

Marianna Simnett "The Severed Tail", Hauptausstellung Arsenale, Venedig Biennale, 2022

Auf der Venedig-Biennale sind so viele Werke zu sehen wie nie, da kann man im Kunst-Dschungel schon mal den Überblick verlieren. Hier sind einige Highlights zur Orientierung


Der ghanaische Pavillon

Nana Oforiatta Ayim hat vor drei Jahren Ghana erstmals als Nation auf die Landkarte des Biennale-Globus gebracht – mit Künstlerinnen wie Lynette Yiadom-Boyake und El Anatsui und der Architektur von David Adjaye. Diesmal hat die Autorin, Filmemacherin und Kuratorin drei junge Positionen eingeladen, die auf die jahrtausendealten Wissenssysteme afrikanischer Gesellschaften zurückgreifen.

Die junge Künstlerin Na Chainkua Reindorf kreiert in ihren Tafelbildern neue Mythologien von weiblichen Wesen, die aus den ihnen zugedachten Rollen ausbrechen. Erinnernd an bunte Textilarbeiten hat jedes Motiv eine eigene Farbwelt und Tiefe, ein blauer Perlenbaldachin fasst den Raum und die Werke. Afroscope lässt durch einen Zeichenroboter den kreativen Spirit in die Technologie einfahren. Diego Araújas entwickelt mit seinem "Congress of Salt" die Idee einer atlantischen kreolischen Gesellschaft. Der Pavillon mit dem bezeichnenden Titel "Black Star" (der anspielt auf den schwarzen Stern auf Ghanas Nationalflagge) zeigt die reiche Szene Ghanas, mit einer beherzten Intellektuellen als Kuratorin an der Spitze. Man freut sich auf weitere Ausgaben.

"Black Star – The Museum as Freedom", Arseanale-Gelände

Na Chainkua Reindorf "Lara", 2021
Foto: Na Chainkua Reindorf

Na Chainkua Reindorf "Lara", 2021


Marianna Simnett in der Hauptausstellung

Was uns vom Tier unterscheidet, sagt Marianna Simnett, ist der Schwanz. Als Fötus ist er noch zu sehen, dann bildet sich der Wirbelsäulenfortsatz zurück. Jetzt ragt aus einem roten Samtvorhang die Spitze eines großen Plüschschwanzes hervor, folgt man der Spur, landet man in einem Dreikanal-Kabinett, kann Platz nehmen auf dem Fell der Riesenrute und taucht in das Märchen von einem kleinen Ferkel ein, dem der Schwanz abgeschnitten wurde.

Das Schweinchen wird zum Mensch, ein Hundewettbewerb wird zur SM-Veranstaltung, fantasievolle Körperöffnungen und -flüssigkeiten liegen auf seinem Weg. Wie oft bei Marianna Simnett ist das alles ziemlich obsessiv und kinky, aber es kamen keine Tiere zu Schaden, versichert die Künstlerin. 

"The Severed Tail", Hauptausstellung Arsenale

Marianna Simnett "The Severed Tail", Hauptausstellung Arsenale, Venedig-Biennale, 2022
Foto: Silke Hohmann

Marianna Simnett "The Severed Tail", Hauptausstellung Arsenale, Venedig-Biennale, 2022


Der belgische Pavillon

Seit Jahren dokumentiert Francis Alÿs Kinderspiele in aller Welt. Im belgischen Pavillon zeigt er nun eine Auswahl seiner Filme. Ein afghanischer Junge lässt einen Drachen fliegen, Mädchen in Japan lachen laut vor Freude über ihre eigene Meisterschaft beim Seilspringen, Jungs in Kongo schieben einen Reifen einen endlos hohen Schlackeberg hinauf, um dann todesmutig darin zusammengekauert hinunterzurollen. Das alles ist wunderbar einfach gemacht und doch viel mehr als Dokumentation, ein berührendes Zeugnis von Menschlichkeit.

"Francis Alÿs: The Nature Of The Game", belgischer Pavillon, Giardini

Francis Alÿs​​​​​​​ "Children’s Game #27: Rubi, Tabacongo, DR Congo"
Foto: Courtesy Francis Alys

Francis Alÿs "Children’s Game #27: Rubi, Tabacongo, DR Congo"


Künstlerische Gehirne in der Fondazione Prada

Surrealismus, Träume, magisches Denken – das sind die großen Themen dieser Venedig-Biennale, die Cecilia Alemanis Hauptausstellung anhand hunderter Beispiele aus den unterschiedlichsten Kulturen auffächert. Es ist sicher nur einem Zufall zu verdanken, aber die neue Ausstellung in der Fondazione Prada lässt sich wie die Tiefenforschung zum weiten Panorama der Biennale lesen. "Humans Brains" handelt vom menschlichen Gehirn und wurde von Udo Kittelmann und der Künstlerin Taryn Simon kuratiert. Deren nüchterne Ästhetik prägt die Ausstellungsarchitektur, in der sich jedoch die wunderbarsten Fundstücke finden: historische Aufnahmen von Hirnoperationen, Experimenten, anatomischen Studien und Artefakte, die Jahrtausende zurückreichen.

Sprachlos machen einen etwa die 3D-Kopien der um das Jahr 2120 vor Christus entstandenen sumerischen Zylinder mit Keilschrift, die als das älteste Dokument eines Traumes gelten – der König der Sumerer (heutiger Irak) ließ seinen Traum und seine Gedanken über die vermeintlichen Trugbilder aufzeichnen. Das Spektrum reicht über Faksimiles von Papyrusrollen, die die ersten medizinischen Fallstudien verzeichnen, über Gemälde von Rembrandt, Modelle anatomischer Theater, Instrumenten zur Aufzeichnung von Hirnwellen bis hin zu Vorträgen führenden Neurowissenschaftler der Gegenwart. Das Hirn, sagt eine von ihnen, ist das wichtigste menschliche Organ, und doch ist es unsichtbar, können wir es nicht sehen, hören, spüren oder riechen. 

"Human Brains", Fondazione Prada, 23. April bis 27. November

M. Axer / FZJ / HBP "Brain image", o. J.
Courtesy Human Brain Project

M. Axer / FZJ / HBP "Brain image", o. J.


Fiona Banner im Patronato Salesiano Leone XIII

Eine ehemalige Kirche mit opulentem Deckengemälde, die zum Basketball-Feld umgebaut wurde - schon an sich ein beeindruckender Anblick. Darin findet sich dann die Video-Installation "Pranayama Typhoon" der Künstlerin Fiona Banner alias The Vanity Press, die eine meditative Pause vom Giardini-Trubel bieten kann. Darin blasen sich hybride Wesen irgendwo zwischen Tentakel-Meeresmonster und Kampfjet auf. Dazu erklingen Atemgeräusche und Wellenrauschen. Während eines Biennale-Besuchs ist es ja genau das, was man manchmal braucht: ein poetisches Durchatmen.

Fiona Banner "Pranayama Typhoon", Patronato Salesiano Leone XIII, bis 22. Mai


Der südafrikanische Pavillon

Mehrere Künstlerinnen und Künstler in einem Länder-Pavillon vereint: schwierig. Meist passt der eine dann doch nicht zur anderen, für eine echte Gruppenausstellung ist der Rahmen zu klein, und ein bisschen schwingt immer der Verdacht mit, dass die Kuratoren eine der Positionen allein für nicht stark genug gehalten hätten. Dass sich Künstlerinnen und Künstler auch kongenial ergänzen können, zeigt der südafrikanische Pavillon in diesem Jahr.

Die futuristischen Stop-motion-Filme von Phumulani Ntuli, die Familien-Fotografien von Lebohang Kganye und das "Theater of Apparitions", für das Roger Ballen geisterhafte Figuren auf Fenster zeichnete und sie anschließend fotografierte, verbinden sich zu einer atmosphärisch-dichten Erzählung über Isolation und Lockdown, Reisen zu sich selbst und Wege, die ein bisschen weiter führen: in das Reich der Fantasie.

"Into The Light", südafrikanischer Pavillon, Arsenale


Polnischer Pavillon

So wie die vielen Stoffstücke in den Textilcollagen von Małgorzata Mirga-Tas zusammenkommen, so überlagern sich in ihrer Installation in polnischen Pavillon die Themen und Referenzen. Ihr Wandzyklus zitiert die astrologischen Fresken im Palazzo Schifanoia, die einst Aby Warburg inspirierten, gleichzeitig befreit sie die Roma von der stereotypen Darstellung in der Kunstgeschichte und feiert einflussreiche (vor allem weibliche) Persönlichkeiten der Roma. Und Tarot ist auch dabei.

Małgorzata Mirga-Tas "Re-Enchanting The World", polnischer Pavillon, Giardini

Polnischer Pavillon in Venedig
Foto: Elke Buhr

Polnischer Pavillon in Venedig


Der französische Pavillon

Bei Zineb Sedira kommt alles zusammen: Filmgeschichte, persönliche Geschichte, Tanz im Film und echte Tangotänzer im akribisch aufgebauten Filmset im Pavillon. Die algerischstämmige Französin erzählt in ihrem warmherzigen Film und der aufwendigen Installation eine Geschichte von Aufbruch, Migration und Sehnsucht, die gleichzeitig persönlich ist und zentrale Fragen der Gegenwart berührt.

Zineb Sedira "Dreams Have No Titles", französischer Pavillon, Giardini

Zineb Sedira "Dreams Have No Titles", Installationsansicht Venedig-Biennale, 2022
Foto: Elke Buhr

Zineb Sedira "Dreams Have No Titles", Installationsansicht Venedig-Biennale, 2022


Griechischer Pavillon

"Oh nein, bitte", denkt man zuerst, wenn man die Story hört: Roma in einer vermüllten Gegend vor Athen spielen König Ödipus nach, und dann muss man sich auch noch eine VR-Brille aufsetzen. Aber wenn man einmal in den Film von Loukia Alavanou eingetaucht ist, kommt man so schnell nicht wieder heraus, so absurd und lustig sind die Szenen und so spannend ihre Protagonisten.

Loukia Alavanou "Oedipus in Search of Colonus", griechischer Pavillon, Giardini
 

Loukia Alavanou, On The Way to Colonus, VR360, 2020, still © Loukia Alavanou
Foto: © Loukia Alavanou

Loukia Alavanou "On The Way to Colonus", VR360, 2020, still


Stan Douglas im Magazzini del Sale 

Wenn man in den kanadischen Pavillon in den Giardini kommt, kann man kurz enttäuscht sein, denn in dem etwas gedrungenen Raum hängen nur vier Fotos von Stan Douglas. Auf den akribisch inszenierten Aufnahmen hat der Künstler Szenen aus globalen Protestbewegungen nachgestellt, es geht um zentrale Momente der Geschichte, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von revolutionären Bewegungen und um Fakt und Fiktion.

Der Pavillon hat aber noch einen zweiten Teil im Magazzini del Sale n.5 nahe der Punta della Dogana, und der fühlt sich an wie eine gute Party. In einer effektvoll präsentierten Video-Installation mit hängenden Leinwänden sind Hip-Hop-Kollektive aus London und Kairo zu sehen, die miteinander über ISDN in Verbindung stehen und gemeinsam Musik machen. Das sind nicht nur gute Beats, sondern auch Überlegungen zur verbindenden Kraft von Kunst in Krisenzeiten. 

Stan Douglas "2011 ≠ 1848", kanadischer Pavillon, Giardini und Magazzini des Sale n.5

Stan Douglas' Videoinstallation im Magazzini del Sale
Foto: Elke Buhr

Stan Douglas' Videoinstallation im Magazzini del Sale


Der kroatische Pavillon

Der Kroatische Pavillon ist nicht materiell existent, sondern mäandert durch die Giardini. Performer bewegen sich aufgrund eines Algorithmus, der auf die aktuelle Nachrichtenlage reagiert, an bestimmte Orte und gehen da zunächst in der Menge auf, doch dann beginnen sie, sich seltsam zu verhalten, gehen in die Knie oder machen andere eigenartige Bewegungen. Eine eindrucksvolle Umsetzung all der Datenströme und Informationen, die uns umgeben und die wir selbst preisgeben, ohne uns darüber Gedanken zu machen. Hier materialisieren sie sich. Jeden Morgen auf Instagram unter @croatianpavilion2022 erscheinen die Performance-Termine. 

Performances zum kroatischen Pavillon, Giardini


Der finnische Pavillon 

Die Künstlerin Pilvi Takala hat für ihr Biennale-Projekt als Security Guard in einem Kaufhaus bei Helsinki gearbeitet. Ihre Video-Installation "Close Watch" im finnischen Pavillon zeigt nun einen Workshop, den Takala mit einigen ihrer Ex-Kollegen durchläuft. Im theatralischen Stil werden Szenen nachgestellt, in denen es um Übergriffigkeit, Rassismus und die schwierigen Fragen nach angemessenem Verhalten und der Ausübung von Macht geht. 

Die Filme sind lang und überaus nüchtern, entfalten aber einen geradezu hypnotischen Sog. Man kann nicht aufhören, den Protagonisten und Protagonistinnen dabei zuzuhören, wie sie von ihrer Auffassung des Berufs erzählen, wie Menschlichkeit und Pflichtbewusstsein kollidieren und wie sie um Wege ringen, eine verfahrene Situation bestmöglich zu lösen. Es ist anzunehmen, dass gerade jene Guards an Takalas Workshop teilnehmen wollten, die ihren Job sowieso reflektiert betrachten und keine brutalen Machtmenschen sind. Und auch wenn die grundsätzliche Frage bleibt, in welcher Form es kommerzielle Sicherheitsdienste geben sollte, kann man sich kaum dagegen wehren, dieses Security-Team ins Herz zu schließen.

Pilvi Takala "Close Watch", finnischer Pavillon, Giardini

Pilvi Takala "Close Watch", 2022, Videostill
Foto: Courtesy the artist

Pilvi Takala "Close Watch", 2022, Videostill