Kommentar

Antisemitismus-Polemik gegen die Documenta geht nach hinten los

Das Ruruhaus in Kassel
Foto: dpa

Das Ruruhaus in Kassel

"Hat die Documenta ein Antisemitismus-Problem?", fragt ein schlecht recherchierter "Zeit"-Beitrag. Aber wer der Weltkunstschau nur mit primitiver Polemik begegnet, disqualifiziert sich selbst  

Eine Ausstellung, die auf Gemeinschaft und solidarisches Handeln setzt, die Ressourcen teilen statt Wettbewerb zwischen Egos fördern soll: Das ist das Prinzip, auf dem das indonesische Kollektiv Ruangrupa seine "Documenta Fifteen" aufbauen will. Ihr Kunstbegriff scheint nicht wirklich kompatibel mit dem, der bislang in europäischen Museen vorherrscht, ihre Vorgehensweise ignoriert die Mechanismen des westlichen Kunstmarktes bewusst. Man muss keine Kassandra sein, um vorherzusagen, dass ein Teil der Kunstkritik ihnen das um die Ohren hauen wird, wenn die Ausstellung eröffnet.

Doch jetzt ist auch vorher schon ein Grund gefunden worden, um den penetrant freundlichen Ruangrupa-Mitgliedern eins auszuwischen. Es ist einer der beliebtesten Vorwürfe, den man in der eskalationsfreudigen deutschen Debattenkultur so hervorziehen kann. "Hat die Documenta ein Antisemitismus-Problem?" fragt Feuilletonist Thomas E. Schmidt in der aktuellen Ausgabe der "Zeit". Mit dramatischer Geste enthüllt er die "politischen und ideologischen Untertöne des indonesischen Kuratorenkollektivs" und beruft sich dabei auf einen Blogbeitrag eines Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel, der Teilnehmenden der kommenden Documenta Nähe zur israelkritischen Kampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) vorwirft.

"Kaum erklärlich ist es, dass die Debatten des vergangenen Jahres um die Israelfeindlichkeit der identitären Linken im Kunstbetrieb und der Postkolonialisten von den Documenta-Planern einfach ignoriert wurden", schimpft Schmidt. Und raunt drohend: "Wenn sich die Documenta nicht überzeugend aus dem Gestrüpp der Israelfeindschaft und des Antisemitismus befreit, könnte die 15. die letzte dieser Art sein." Mit Ruangrupa selbst hat er sich offenbar nicht die Mühe gemacht zu sprechen.

Will man sich wirklich an so etwas hochziehen?

Nun wäre eine antisemitische und israelfeindliche Ausstellung allerdings ein Problem. Es lohnt sich deshalb, den Blogbeitrag des Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel etwas genauer anzuschauen, der den Anlass für die Aufregung darstellt. Auf seiner Webseite stimmt dieses Bündnis seine Leserinnen erst mal mit einem kleinen Scherz auf seine Inhalte ein: "'Du, ich habe letztens einen Essay geschrieben, gegen die Hamas.' – 'So? Wie schön! Wir bevorzugen die Air Force.'" Darunter ein hübsches Foto von einem Kampfjet neben einer israelischen Flagge sowie der Spruch: "'Israelkritik‘, 'Kritik der israelischen Politik' … – Haltet das Maul!" Hier wird ganz offensichtlich lieber draufgehauen statt argumentiert.

Wer danach noch Nerven hat, kann sich durch die Fanzine-haft formulierten Vorwürfe zu kämpfen, die sich im Kern auf Folgendes eindampfen lassen: Ruangrupa hat ein palästinensisches Kollektiv zur Documenta eingeladen, das sich The Question of Funding nennt. Dieses Kollektiv wird auf einem Foto beim Treffen im Garten eines Kulturzentrums in Ramallah abgebildet, das nach Khalil al-Sakakini benannt ist, einem arabischen Reformpädagogen, der von 1878 bis 1953 lebte, die Ideen des arabischen Nationalismus unterstützte und dabei auch mit dem Nationalsozialismus sympathisierte.

Ja, der Mann war Antizionist und propagierte auch Gewalt im Kampf gegen die Gründung des Staates Israel. Aber er ist nicht selbst zur Documenta eingeladen, er ist tot. Er wird noch nicht mal mehr im Namen des Kollektivs erwähnt, das auf die Documenta eingeladen wurde. Dieses Kollektiv nutzt einfach die Strukturen des Kulturzentrums, das nach ihm heißt. Will man sich wirklich an so etwas hochziehen? Auch in Kassel wohnen bis heute Menschen in Straßen, die nach Antisemiten und Kolonialverbrechern benannt wurden.

Es ergibt keinen Sinn, die Documenta in die Niederungen der hiesigen BDS-Debatte hineinzuziehen

Ein weiterer Vorwurf: der Künstler und Kurator Yazan Khalili, Sprecher des Kollektivs The Question of Funding, sei ein "antisemitischer Schläger". Der Blogbeitrag bezieht sich dabei auf ein Interview Khalilis, in dem dieser in einer ganz offensichtlich fiktiven Erzählung eine Auseinandersetzung mit einem Kellner in einem indischen Restaurant in eine tagelang andauernde Kampfszene münden lässt. Wenn Thomas E. Schmidt sich die Mühe gemacht hätte, das Original zu recherchieren, hätte ihm das nicht verborgen bleiben können. Genauso wie es eigentlich unmöglich ist, dass er die rassistischen Untertöne der Polemik gegen Ruangrupa in dem von ihm so ausführlich zitierten Blogtext übersehen konnte, in dem es unter anderem heißt: "Der Lumbung gehört zur dörflichen Kultur Javas wie das Lynchen des chinesischen Krämers".

Aber hey, von so etwas lässt man sich beim "Zeit"-Feuilleton nicht abschrecken, wenn man die Chance bekommt, in der bereits so schön etablierten Polemik gegen den sogenannten Postkolonialismus eine neue Runde einzuläuten. Ob es allerdings eine gute Idee von Schmidt ist, die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth zum Eingreifen aufzufordern, ist die Frage. Schließlich gehört die zumindest nach Aussage des Kasseler Bündnisses gegen Antisemitismus auch zu den "Fürsprechern der Antisemiten im Kunstbetrieb".

Man wird die "Documenta Fifteen" auf viele Weisen kritisieren können. Aber eines ist klar: Es macht keinen Sinn, dieses Ausstellungsprojekt in die Niederungen der hiesigen BDS-Debatte hineinzuziehen, die längst den Charakter eines Kulturkampfes gegen die "identitäre Linke" angenommen hat. Es gilt für jedes internationale Ausstellungsprojekt: Sobald man Künstlerinnen und Künstler mit Verbindungen zur arabischen Welt oder zum globalen Süden einlädt, wird man auf Menschen treffen, die eine andere Haltung zum BDS haben als es die offiziellen Leitlinien bundesdeutscher Politik vorsehen.

Fair und konstruktiv über die Themen sprechen

Es gibt zur Politik Israels und zur Lage der Palästinenser mehr als eine Meinung, im Übrigen auch innerhalb Israels. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass bei einer programmatisch so auf Vielfalt angelegten Ausstellung mit zahlreichen politisch aktiven Kollektiven aus aller Welt, deren Beiträge eben nicht von Chefkuratoren von oben kontrolliert werden, sondern deren Arbeiten in einer Atmosphäre der Freiheit entstehen sollen, keiner der Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit Kritik am Staat Israel in irgendeiner Form in Verbindung zu bringen ist. Wer damit nicht klarkommt, muss sich von der Idee einer internationalen Ausstellung generell verabschieden.

Entscheidend ist, dass über die unterschiedlichen Meinungen und Haltungen, die bei der kommenden Documenta zu erwarten sind, fair und konstruktiv gesprochen wird. Eine Mindestanforderung wäre, sich auf Dinge zu beziehen, die dort wirklich geäußert werden, anstatt mit Unterstellungen zu arbeiten. Der internationale Kunstbetrieb bekommt das normalerweise ganz gut hin. Dass ein seriöses Medium wie die "Zeit" stattdessen solch einer primitiven Polemik Raum gibt, ist völlig überflüssig – und eine ziemliche Enttäuschung.