Berliner Boros Collection

Ein Ort, an dem das Unmögliche versucht wird

Seit 2003 besitzen Karen und Christian Boros einen geschichtsträchtigen Bunker in Berlin-Mitte. Jetzt hat das Sammlerpaar dort zum vierten Mal eine Ausstellung eingerichtet

Während der White Cube eine Neutralisierung des Sehens zugunsten der alleinigen Kraft der Kunstwerke herstellen sollte, blendet ein Bunker die komplette Welt aus, und das ist immer wieder eine höchst seltsame Erfahrung. Geräusche von außen oder das Gespür für Witterung, Himmelsrichtung, Tageszeit wird komplett ausradiert. In diesem Sinne ist der Boros-Bunker der radikalere White Cube.

Seit 2003 besitzt das Sammlerpaar Karen und Christian Boros den Bunker in Berlin-Mitte, 2008 eröffneten sie ihre erste Sammlungspräsentation mit Werken von Olafur Eliasson, Elmgreen und Dragset, Sarah Lucas, Alicja Kwade und anderen. Es war schwer zu sagen, ob an diesem extremen Ort einfach alles gut aussah, oder ob die gesammelten Kunstwerke so stark waren, dass sie sogar gegen ihren übermächtigen Präsentationsort ankamen. Zum Gallery Weekend eröffnete kürzlich die inzwischen vierte Sammlungspräsentation von Karen und Christian Boros. Mit Kontinuität und mit Neuerungen, wie jede gute Sammlung.

Alicja Kwade zählt zu den bleibenden Größen. Gleich nach dem Eintritt durch die gewaltige Stahltür hängt ihre neueste Arbeit: gerahmte Ausdrucke ihres Genoms. Etwas, das man laut Gesetz gar nicht von sich selbst besitzen darf. Aber Kwades aufklärerischer Geist hat noch nie Grenzen akzeptiert, schon in vorangegangenen Präsentationen waren von ihr hier Werke zu sehen, in denen Materialien gegen ihre Eigenschaften verstoßen, Uhren, die der Zeit nicht gehorchen oder natürliche Dinge, die sich unnatürlich gleichen.

Etwas Unmögliches möglich zu machen, das passt sehr gut hierher. Der Umbau hatte damals fünf Jahre gedauert, 1.800 Tonnen Beton waren herausgesägt und Geschosse durchbrochen worden, um auf 3000 Quadratmetern 80 Räume zwischen zwei und 20 Metern Höhe zu schaffen.

In den Wänden steckt die Geschichte der Stadt

Jedes Mal scheint es, als könne man die fast zwei Meter dicken Mauern physisch spüren. In diesen Wänden steckt die ganze Geschichte der Stadt. Die Dachkante wird umlaufen von Renaissance-Elementen, wie die Nazis sie liebten. Die Bunker Berlins waren 1941 im Schnellverfahren hochgezogen worden und sollten in einer zukünftigen Welthauptstadt Germania Mahnmale für den "Endsieg" sein. Der Schlafbunker "Typ M1200" (konzipiert für 1200 Personen) fasste in den letzten Kriegsmonaten 4.000 Anwohner, 1945 wird ein Kriegsgefängnis daraus, in den späten 1950er-Jahren dient er der "VEB Obst Gemüse Speisekartoffeln" zur Lagerung von Südfrüchten. Ab 1992 finden illegale Fetisch- und Technopartys im Bunker statt.

Hitler, Bananen, Sex: Berlin. Was für ein Kondensator dieses Gebäude eigentlich ist, wird einem erst klar, wenn man es mal aus der Distanz betrachtet, etwa aus den Augen einer staunenden Gruppe von betucht-betagten US-Bürgern, die zwischen Paris und Mallorca hier kurz Halt machen und denen der Hausherr mal eben erklärt, was die "Sexperimenta" war. Die Wände, an denen die Herrschaften sich abstützen, sind noch geschwärzt - auch in einem Bunker muss ein Darkroom schwarz gestrichen sein.

Die Skulpturen von Anna Uddenberg entwerfen ausgerechnet hier ein cleanes, fast verzweifeltes Sex-Universum des neuen Jahrtausends: verdrehte lebensgroße Puppen in technoiden Funktionsoutfits versuchen per Selfie-Stick, zugleich ihr Gesicht, sekundäre und primäre Geschlechtsmerkmale auf ihren Handybildschirm zu bekommen. Verwertungslogik bis zur Bedauernswürdigkeit. Anne Imhofs Skulpturen und Bilder nehmen dagegen eher die dunklen, anziehenden Schwingungen der Subkultur auf, die mit der Härte der Gegenwart umgehen, indem sie sie noch überbieten. Die fensterlosen Bunker-Räume sind wie gemacht für ihre Werke, experimentelle Druckkammern des Untergründigen.

Die wechselnden Kubaturen des umgebauten Bunkers machen im Kleinen aber auch intime Kunstbetrachtung möglich, wie etwa bei Kris Martins Schlusspunkte-Serie: Der belgische Konzeptkünstler, von Anfang an ein wichtiger Künstler der Sammlung, hat aus Romanen der Weltliteratur den Punkt des letzten Satzes ausgeschnitten und gerahmt. Die großen, hohen Räume mit ihren teilweise überraschendne Durchblicken erlauben dagegen Präsentationen von Großwerken, wie sie sonst nur in Museen zu sehen sind. Yngve Holens kreisrunde Skulptur aus Holz zum Beispiel, oder Bunny Rogers' Skulptur eines Gaming-Elfen.

Historische Loopings

So wie die Doppelhelix des Treppenhauses den Orientierungssinn auf den Geschossen herausfordert, so macht die Sammlung Boros überraschende Loopings in der Geschichte. Man wird plötzlich zurückversetzt in die postsowjetische Zeit mit dem polnischen Maler Wilhelm Sasnal, eine in der gegenwärtigen Situation seltsam berührende Begegnung mit einer Zeit Anfang der Nullerjahre, als Malerei gerade erst wieder cool wurde. Die Gemälde sind es immer noch, mit bestechend nachlässiger Präzision. Gleichzeitig mit Louis Fratinos Galerie-Ausstellung bei Neu, nur wenige Häuserblocks entfernt, sind hier seine Werke schon längst eingegliedert in den Boros-Kanon, der junge US-Amerikaner war mit seinen zugänglichen Gemälden die Entdeckung des Gallery Weekends.

Sie konzipierten, sagen Karen und Christian Boros, ihre Ausstellungen stets danach, was sie selbst von ihren Werken gern sehen würden. "Denn selbst wenn uns die Kunst gehört", sagt Karen Boros einmal im Interview, "wer weiß, wann man sie je wieder sieht?" Sie selbst besuchen ihre Sammlung oft. Dass der Bunker wegen seiner Geschichte und nicht in erster Linie wegen der Kunst auf den Listen von Staatsbesuchen aus aller Welt steht, stört sie überhaupt nicht. Ohne Kunstbegegnung kommt schließlich keiner wieder raus.

Das Ehepaar Boros hat auch nach Jahrzehnten nichts von seiner ansteckenden Begeisterung und dem Willen zum Teilen seiner Sammlung verloren. Gerade war die britische Sängerin Dua Lipa zu Besuch und teilte Bilder mit Werken von Yngve Holen und Anna Uddenberg. Zu den Posts ihres Berlin-Aufenthalts schrieb sie: "Making the best of it."