Raubkunstdebatte um Humboldt Forum

Eine irrwitzige Verdrehung des Diskurses

Blick auf das Berliner Humboldtforum von der Rathausbrücke
Foto: Alexander Schippel /SHF

Blick auf das Berliner Humboldtforum von der Rathausbrücke

Horst Bredekamp, Gründungsintendant des Humboldt Forums, sieht in der aktuellen Raubkunstdebatte die "Auslöschung einer antikolonialen Tradition" und wittert identitäre Angriffe auf die Vernunft. Das wird der Institution weiter schaden

Es ist eine alte Weisheit der Kitschromane und Tabloids, dass man im Schloss nicht immer glücklich wird – Herzogin Meghan und Prinz Harry haben in ihrem Interview mit Oprah Winfrey gerade das Lied davon gesungen. Wenn das Schloss dann auch noch nachgebaut ist, zur Hälfte aus Beton besteht und Schätze beherbergt, auf denen das Etikett "Raubkunst" klebt, wird es nicht leichter.

Der Schlossherr des Humboldtforums, Hartmut Dorgerloh, ist also nicht zu beneiden – und bekommt nun, bevor er sein Haus endlich für das Publikum öffnen kann, noch einmal neue Knüppel zwischen die Beine geworfen. Dabei denkt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp wahrscheinlich, er würde sich heroisch einsetzen für das Forum, das er sich einst – unter anderem gemeinsam mit Wolfgang Thierse – ausgedacht hat und das er wahrscheinlich heute nicht mehr wiedererkennt.

In einem Aufsatz in der "FAZ" behauptet Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums, in einer geradezu irrwitzigen Verdrehung des Diskurses, dass diejenigen, die heute auf eine Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Deutschlands und eine Restitution der geraubten Kunstgegenstände drängen, die "Auslöschung einer antikolonialen Tradition, in die sich das Humboldt Forum zu stellen gewillt war und ist", zu verantworten hätten.

Alles in eins gerührt

An der Art, wie die ethnologischen Sammlungen des 19. Jahrhunderts zustande gekommen sind, kann er beim besten Willen nichts Böses erkennen: entstammten sie doch einem Kulturbegriff, "der heute im vollen Wortsinn als antikolonial, liberal und in seiner Gegenstandsbestimmung sozialdemokratisch genannt werden muss", da man ja keine Hochkunst sammelte, "sondern Alltagsgegenstände, die für die indigenen Völker einen funktionalen Nutzen besaßen, für die solcherart agierenden Ethnologen aber von höchstem erkenntnistheoretischen und auch ästhetischen Wert waren, weil sie als Inkarnation eines Kulturbegriffs standen, der sich nicht von den Palästen, sondern von den Hütten her bestimmte".

Ach so, die Leute in den Hütten, denen die Gegenstände eigentlich gehörten, haben sie ja nur benutzt, während die Ethnologen aus Deutschland mit ihrem überragenden Intellekt deren erkenntnistheoretischen Wert erkannten? Deshalb faulen auch so viele der Gegenstände, die während der Kolonialzeit zusammengerafft wurden, unaufgearbeitet in den Depots der europäischen Völkerkundemuseen? Und die vielen Schädel und Gebeine, die in deutschen Sammlungen liegen, wie passen die in die sozialdemokratische Konzeption? Die brauchte in den Herkunftsländern wahrscheinlich auch niemand mehr, während sie hierzulande für wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse sorgten.

Aber bevor es allzu morbide wird, müssen wir noch kurz das mit der Auslöschung erklären. Bredekamp schreibt, dass er und Thierse ja damals die wichtigen Säle im Forum nach Aby Warburg und Franz Boas hatten benennen wollen, den großen jüdischen Gelehrten und Vorreitern eines antirassistischen und antihierarchischen Sammelns. Wenn jetzt stattdessen über Raubkunst diskutiert wird, ist das seiner Auffassung nach Antisemitismus.

Am Ende ist alles in eins gerührt, die Raubkunstdebatte mit Identitätspolitik gleichgesetzt und der Antisemitismusvorwurf oben drauf gestapelt. Womit wir auch schon beim Fazit wären: Mit den Anfeindungen durch die AfD werde unsere Gesellschaft schon fertig werden, da ist Bredekamp ganz optimistisch. Aber die Überwindung des "identitären Angriffs auf die Vernunft dürfte schwerer zu erbringen sein."

Wie die grantigen Herren aus der Muppet-Show

Man kann sich vorstellen, wie man sich im Humboldt Forum in diesem Moment die Haare rauft – und bei der Staatsministerin für Kultur wahrscheinlich auch. Schließlich versucht man seit Monaten, die Debatte zu befrieden, die Kritiker und Kritikerinnen in das Gespräch einzubinden, den Ruf als Leugner der Verbrechen der Kolonialgeschichte loszuwerden.

Gerade erst hat Monica Grütters in einem "SZ"-Interview wieder betont, dass allen Verantwortlichen im Humboldt Forum klar sei, dass sie am Umgang mit der Raubkunst gemessen würden, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit Partnern aus Benin in Gesprächen über die gestohlenen Bronzen sei, dass ein eigenes Referat für den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten eingerichtet werde. Denen, die all das für zu wenig halten, gibt eine Wortmeldung wie die von Bredekamp jetzt wieder wunderbare Munition.

Die alten Freunde Bredekamp und Thierse kommen einem ein bisschen vor wie die grantigen Muppets-Show-Herren Waldorf und Statler  – nur deutlich weniger sympathisch. Außerhalb von Slapstickfilmen sind Pensionäre, die meckernd in ihrer Loge sitzen und faule Tomaten werfen, einfach nicht hilfreich.