Debatte

Die Vielen müssen erzählen

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Wenn es der Politik nicht mehr gelingt, starke Erzählungen und Visionen anzubieten, übernimmt die Kunst. Ein Kommentar zur Politisierung der Kulturinstitutionen von Saskia Trebing

Am vergangenen Wochenende regneten Flugblätter vom Balkon des ehrwürdigen Roten Rathauses in Berlin. Künstler und Theaterleute riefen symbolisch die Republik Europa aus, während nur ein paar hundert Meter weiter am Pariser Platz noch die goldglitzerten Rettungsdecken von der Pressekonferenz der Kultur-Solidaritätsinitiative "Die Vielen" zusammengeknüllt wurden. In diesen Tagen wird – nicht nur in Berlin – medienwirksam die Politisierung von Kulturinstitutionen zelebriert. Beim europaweiten "Balcony Project" wurde von kunstnahen Balkons das Bekenntnis zur EU heruntergebrüllt, über 200 deutsche Museen, Theater und Projekträume übten mit der "Erklärung der Vielen" demonstrativ den Schulterschluss für Toleranz und Vielfalt und gegen den Rechtspopulismus, den sie immer stärker in die Kulturlandschaft sickern sehen. 

Man kann diese Erklärungen für naive Selbstbestätigung halten, die den Rechten und Europafeinden mehr Macht zuspricht, als sie haben. Tatsächlich bleiben nach der politischen Auftakt-Show einige Fragen zurück: Wie genau soll diese Solidarität aussehen, die sich die Kunsthäuser bei Angriffen von rechts versprochen haben? Geht es um Worte, handfesten juristischen Beistand, eine tugendhafte Kulturarmee? Und ist die Behauptung, die Vielen zu sein, nicht genauso schwer haltbar wie das ständig wiederholte AfD-Mantra, die schweigende Mehrheit zu vertreten?

Trotzdem ist es zu einfach, die Bewegungen als glänzendes, Flugblatt umwehtes PR-Feuerwerk abzutun. Wenn sich hunderte, notorisch behäbige deutsche Kulturhäuser zu einer gemeinsamen Erklärung aufraffen, dann brennt irgendwas. Und dass die Rechten tatsächlich die Kultur als Kampffeld für sich entdeckt haben,  lässt sich nur aus einer sehr komfortablen, liberalen Großstadtblase ignorieren.

Einer der Gründe, warum rechtes Gedankengut sich so hartnäckig festsetzt, ist die verführerisch einfache Erzählung: Ein "Wir" gegen ein "Die" und alles Böse kommt von außen. Je öfter sie wiederholt wird, desto mehr Platz nimmt diese Formel ein. Für eine offene Gesellschaft zu sein, bedeutet dagegen wenige Antworten und viele Fragen und anstrengende Grautöne, not very instagrammable. Wer, wenn nicht die Kunst, soll eine Gegenerzählung zu Abschottung und Nationalismus mit all ihren menschenverachtenden Konsequenzen liefern? Wenn Wolfgang Tillmans zackige Pro-EU-Slogans auf Plakate druckt oder auf der Glänzenden Demo gegen die AfD goldene Folienfahnen vor blauem Berliner Himmel wehen, ist das der Versuch, Bilder zu erzeugen und eine Geschichte zu erzählen, die emotionalisiert und sich festsetzt. Von den Balkonen wurde eine Vision von Europa heruntergerufen, die die Politik in ihrer Bürokratensprache nicht vermitteln kann. "Die Vielen" sind eine Alternative zum umgedeuteten Hass-Slogan "Wir sind das Volk" von Pegida. Während sich die deutsche Regierung vor allem mit dem Umgarnen von nach rechts schielenden "besorgten Bürgern" zu beschäftigen scheint, suchen die anders Besorgten, die um die offene Gesellschaft fürchten, nach politischer Anerkennung.

Die Kulturhäuser haben Erfahrung mit Vielstimmigkeit, gute Kunst hat sich schon immer totalitärem Denken entgegengestellt. Das heißt nicht Schillers Erziehungstheater oder politische Indoktrination. Es heißt, dass in der Kunst die Macht von Sprache ernst genommen wird und dem brutaler werdenden öffentlichen Diskurs etwas entgegengesetzt wird.

Dass sich die Kulturinstitutionen jetzt öffentlich an ihre Verantwortung erinnern, kann dazu führen, dass eine Erzählung von Solidarität und Toleranz (übrigens auch Begriffe, die von den Rechten mit ihrer Verachtung für "Gutmenschen" vergiftet wurden) wieder lauter wird. Der Erfolg von Aktionen wie "Die Vielen" oder dem "European Balcony Project" wird sich nicht unmittelbar messen lassen. Aber sie können dafür sorgen, dass geredet wird und sich die Verfechter einer pluralen Gesellschaft gestärkt fühlen. Wenn jemanden in einer Notsituation eine goldene Rettungsdecke um die Schultern gelegt wird, heißt das noch nicht, dass irgendetwas geheilt oder das Problem gelöst ist. Aber das Glitzern zeigt, dass jemand da ist.   

 

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