Sabine Schormanns Abgang

Die bittere Pointe der Documenta Fifteen

 Voir dem Eklat: Generaldirektorin Sabine Schormann bei der Eröffnung von der Documenta Fifteen
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Voir dem Eklat: Generaldirektorin Sabine Schormann bei der Eröffnung von der Documenta Fifteen

Mit ihrer Documenta Fifteen stellten die Kuratoren die Machtfrage im Kunstbetrieb. Nach dem Rücktritt der Generaldirektorin sollen Kompetenzen nun tatsächlich neu verteilt werden - nur ganz anders, als es sich die Macher vorgestellt haben

Leicht gemacht hat es sich der Documenta-Aufsichtsrat nicht: Sieben Stunden und bis tief in die Nacht hinein tagte das Gremium am Freitagabend in Kassel. Das Ergebnis dieses Sitzungsmarathons, das am Samstagnachmittag verkündet wurde, wirkt aber doch wie die zunächst einfachste Lösung in einem überhaupt nicht einfachen Fall: Nach dem Antisemitismus-Skandal wird der Dienstvertrag der Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann kurzfristig aufgelöst und eine Interimsleitung gesucht.

Damit signalisiert der Aufsichtsrat um den Vorsitzenden, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle, und seine Stellvertreterin, Hessens Kunstministerin Angela Dorn, Handlungsbereitschaft und Durchsetzungsfähigkeit. Eine direkte Begründung für diesen Schritt gibt die von der Documenta veröffentlichte Erklärung nicht. Aber man kann den Vorwurf an Sabine Schormann doch aus einem Satz herauslesen, in dem es um den Auslöser des Eklats geht, die Präsentation des Banners "People's Justice" des Künstlerkollektivs Taring Padi mit seiner deutlich antisemitischen Bildsprache: "Durch die Aufhängung des Banners und auch im Zuge der Krisenbewältigung in den vergangenen Wochen ist leider viel Vertrauen verloren gegangen."

Der Satz wirft die zuletzt immer wieder diskutierte Frage auf, ob Sabine Schormann erstens die Installation des Banners hätte verhindern können und ob es zweitens einen besseren Umgang mit dem Skandal nach dem Abhängen des Werks hätte geben müssen.

Loyalität zum autoritätskritischen Documenta-Konzept

Gegen den ersten Vorwurf verteidigte sich Sabine Schormann mit dem Hinweis, dass es unüblich sei, als Geschäftsführerin in die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung und damit in die Kompetenzen der künstlerischen Leitung einzugreifen. Tatsächlich sollte diese Frage sehr genau abgewogen werden, weil sie Auswirkungen auf andere Institutionen haben könnte: Wollen wir, dass Geschäftsführungen in die Arbeit von Museumsdirektionen eingreifen, Verlagshäuser in die Arbeit der Redaktionen?

Dennoch hätte es nach den ersten Antisemitismus-Vorwürfen im Januar eine größere Sensibilität für das Thema geben müssen. Die Generaldirektorin hätte durchaus aktiv werden können, etwa durch die Schaffung einer Stelle - was ja im Aufgabenbereich der Geschäftsführung liegt -, in der eine Person nichts anderes macht, als mit den Documenta-Kollektiven zu sprechen, sie zu befragen, Arbeiten zu sichten, gegebenenfalls Aufklärungsarbeit zu leisten. Wäre diese Person sensibel vorgegangen, wäre sie weder der Kunstfreiheit noch der künstlerischen Leitung, dem indonesischen Kollektiv Ruangrupa, in die Quere gekommen.

Die Antwort auf die zweite Frage fällt hingegen leichter: In der Zeit nach dem Eklat wurde die Aufarbeitung zu langsam angegangen. Die Aussagen von Sabine Schormann, die zwischenzeitlich auch krankheitsbedingt ausgefallen ist, stehen dabei im Kontrast zu Aussagen von Documenta-Teilnehmenden und vor allem von Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, der der Weltkunstschau nach dem Eklat beratend zur Seite stehen wollte. Kann es sein, das Schormanns Loyalität zum autoritätskritischen Konzept der Documenta Fifteen einer schnelleren Aufarbeitung im Wege stand?

Konzept bis auf Weiteres gescheitert

Es gehört doch zur bitteren Ironie dieser 15. Documenta, dass es dem Kuratorenteam mit seiner Ausstellung gerade um solche Fragen von Hierarchien und Autorität geht. Ihr Modell der geteilten Zuständigkeiten, das ein großes Vertrauen in Selbstorganisation offenbart, ist bis auf Weiteres gescheitert. Angesichts des Drucks lässt sich Versagen offenbar nicht kollektiv verarbeiten, sondern braucht Verantwortlichkeit. Sabine Schormann hat bis zuletzt versucht, die Künstlerinnen, Künstler und die künstlerische Leitung zu schützen, und damit auch das Ruangrupa-Experiment, neue Macht-Dynamiken zu etablieren. Sie war in Kassel und im Museum Fridericianum seit ihrer Übernahme des Amtes 2018 als Ermöglicherin bekannt, die an künstlerische Visionen glaubte und damit gerade auch in der Coronapandemie mit pragmatischen Lösungen auf Herausforderungen reagierte.

Nach Sabine Schormanns Rücktritt sollen nun nach Willen des Aufsichtsrat und der Kulturstaatsministerin Claudia Roth Kompetenzen für die Documenta neu verteilt werden - nur ganz anders, als Ruangrupa sich das vorgestellt hat. Es geht um neue Gewichtungen zwischen Generaldirektion, Aufsichtsrat, Gesellschafterversammlung, Findungskommission, künstlerischer Leitung und - wie in der Erklärung von Samstag angekündigt - einer einzusetzenden "fachwissenschaftliche Begleitung", ebenso um die Zusammensetzung all dieser Gremien und Posten. Und ja, das klingt genauso kompliziert, wie es ist. Mit einer Personalie ist das nicht erledigt.

Es darf auch daran erinnert werden, dass bereits Schormanns Vorgängerin Annette Kulenkampf zurückgetreten war, wegen eines Millionendefizits bei der Documenta 14, die sich an zwei Standorten - Kassel und Athen - verausgabt hatte. Jede Ausgabe der Weltkunstschau bringt durch ihre wechselnde künstlerische Ausrichtung neue Herausforderungen mit sich, auf die man sich strukturell nur bedingt vorbereiten kann. Bis zum skandalösen Antisemitismus in Kassel gehörte dieses Risiko zur Schönheit und zur Freiheit der Weltkunstschau.