Osten-Festival

"Es geht um eine inner-ostdeutsche Verständigung!"

Am Wochenende eröffnet das Festival Osten. Vor zwei Jahren fand es zum ersten Mal in Bitterfeld-Wolfen statt. Ein Gespräch mit Kurator Aljoscha Begrich und Kuratorin Anne Diestelkamp über die Reaktionen der Menschen vor Ort, gegenseitiges Interesse und Engagement

Aljoscha Begrich, Anne Diestelkamp, wie kam die Idee für ein Kulturfestival im Osten zustande?

Aljoscha Begrich: Das hängt mit der Bundestagswahl 2017 zusammen, bei der die AfD erstmals so stark war und 12,6 Prozent bekommen hat. Damals habe ich am Maxim Gorki Theater in Berlin gearbeitet, wo ich viele Projekte gemacht habe, in denen es um Empowerment und das Erzählen eigener Geschichten ging, aber auch um die Frage, wie man künstlerisch Räume zur Verständigung schafft. Ich komme selbst aus dem Osten, aus Sachsen-Anhalt, was ich lange etwas verschämt verleugnet habe. Mir kam es komisch vor, in Berlin Projekte über die AfD zu machen und nicht an die Orte zu gehen, wo sie so starken Zuspruch hat. Die erste Idee war sehr grob: Lass mal was im Osten machen! Es war klar, dass es solidarisch und netzwerkig sein sollte. Inspiriert hat uns auch das Netzwerk kompliz* in Sachsen, das inzwischen über 140 Initiativen und Einrichtungen, die sich für ein demokratisches Miteinander einsetzen, zusammengebracht hat. 

Wie kamen Sie ausgerechnet nach Bitterfeld? 

AB: Das war eher Zufall! Christine Leyerle, Ludwig Haugk und ich sind viel herumgefahren und haben geschaut, wo überhaupt etwas gehen könnte. In der DDR gab es über 1.000 Kulturhäuser. Wir wollten an die Tradition eines interdisziplinären Austauschortes anknüpfen. Auf Wikipedia gibt es eine Liste aller Orte. Wir haben Restaurants und Diskotheken, vor allem aber Ruinen gesehen. In Bitterfeld haben wir Matthias Goßler, den damaligen Besitzer des Kulturpalastes, kennengelernt, der vor zwei Jahren leider tödlich verunglückt ist. Er war offen für unsere Idee und hat uns sehr unterstützt. Ohne ihn wäre das sicher nichts geworden. Bitterfeld ist zudem gut angebunden und hat direkte Bahnverbindungen nach Leipzig, Halle, Magdeburg und Berlin.

Warum heißt das Festival schlicht "Osten"?

AB: "Osten" war immer der Arbeitstitel, das Thema. Wir wollten einen ansprechenden Namen, hatten aber nur halbgare Ideen. Es gibt noch eine WhatsApp-Gruppe, die heißt "Orbit" für "Original Bitterfeld". Das war eine der Optionen. Auch "Transformale" fand ich mal sehr schön. "Osten" ist natürlich ein schwieriger Begriff. Ich verbinde damit auch eher Fußballhooligans von "Dynamo Dresden". Es gibt aber auch Initiativen wie "Wir sind der Osten", die versuchen, den Begriff anders zu besetzen. Es war eine bewusste Entscheidung von uns, diesen Begriff zu benutzen und umzuwerten. "Osten" ist eine Provokation in alle Richtungen, die wir produktiv machen wollen. Im Untertitel heißt es "Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse".

Ich habe das gar nicht so sehr als Provokation, sondern eher als Behauptung gelesen, so als ob es den einen Osten geben würde.

AB: Eine Behauptung, die sich selbst entlarvt. Große Buchstaben und dazu ein wirres Logo, das sie wieder verunklart. In einem der ersten Texte schrieben wir: "Ein wichtiges Ziel ist Verwirrung. Es hat sich ein Bild vom Osten im öffentlichen (noch immer sehr stark vom Westen her erzählten) Bewusstsein festgesetzt, das wir gern durch den Einsatz anderer Linsen weiten und verändern würden: durch historische Tiefenschärfe, internationales Weitwinkelobjektiv und lokale Präzision."

Am ersten Juniwochenende eröffnet das Festival nun zum zweiten Mal. Warum sollte ich während der zwei Wochen Laufzeit nach Bitterfeld-Wolfen fahren? Was erfahre ich da über den Osten?

Anne Diestelkamp: Zum Festival zu kommen, lohnt sich vor allem, um, wie wir, von Wolfen zu lernen. Bitterfeld-Wolfen ist ein Beispiel für viele Orte, die ähnliche Erfahrungen des Strukturwandels teilen. In Wolfen haben in den letzten Jahrzehnten Transformationen stattgefunden, die auf viele von uns noch zukommen werden, sei es die rasante Deindustrialisierung oder die Schrumpfung der Städte. Hier lassen sich Umbrüche in Landschaft, Arbeit und Gesellschaft ablesen. Ziel des Festivals ist es, diesen Transformationsgeschichten eine kulturelle Erzählung zur Seite zu stellen, gerade an einem Ort, an dem die Erfahrung vor allem eine des Rückbaus ist. Wir wollen einen Ort der Begegnung und des Austausches schaffen. Das geht nur, wenn dieser Ort niedrigschwellig ist. 

Wie gelingt das? 

AD: Der Großteil des Programms ist kostenfrei, sodass Menschen auch mehrfach kommen können. Das Festival richtet sich zudem an unterschiedliche Alters- und Bildungsklassen. Man kann Minigolf spielen und baden gehen, aber es gibt auch jeden Tag Lecture Performances, die die Themen des Festivals eher wissenschaftlich und intellektuell verhandeln. Die Besuchenden können sich ihr eigenes Programm zurechtlegen. Das Festival funktioniert vor allem über die Atmosphäre und das, was zwischen den Kunstwerken passiert.

AB: Wir kommen vom Theater. Für mich ist das Festival eine große Inszenierung, die drei Wochen dauert.

Mitten im Festival sind am 9. Juni Kommunal- und Europawahlen in Sachsen-Anhalt. Werden die auch eine Rolle spielen?

AB: Das Festival findet in unmittelbarer Nähe zum Rathaus statt, wo sich der Oberbürgermeister Armin Schenk im letzten Herbst in einer Stichwahl nur mit einer hauchdünnen Mehrheit behaupten konnte. 47 Prozent wählten den Kandidaten der AfD. Natürlich ist das eine komplexe und aufgeheizte Lage. Wir sind im lokalen "Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt" engagiert und werden Plakate der Aktion #machdeinkreuz aufhängen, die zum Wählen aufrufen.

Ist politische Bildung im Rahmen des Festivals explizit verankert? 

AD: Politische Bildung ist einer unserer Aufträge. Wir arbeiten mit zahlreichen Kindergärten, Schulen und Hochschulen aus der Umgebung sowie mit über 20 lokalen Institutionen und Initiativen zusammen, darunter die Vereine Frauen helfen Frauen e.V. oder der Wolfen Nord e.V. Eines der Projekte, das wir mit einer Kindertagesstätte und einer Schule in Bitterfeld-Wolfen durchgeführt haben, heißt "Gedankenflieger". Hier philosophieren Kinder und entwickeln ihre eigenen Visionen für die Zukunft. Die Ergebnisse des Projektes von Ulrike Jänichen und Wiebke Fötsch werden im Rahmen des Festivals präsentiert. Ein anderes Beispiel ist ein Workshop von Tanja Krone zu politischer Teilhabe mit dem Titel "Schön einmischen, schön aufmischen", der in Zusammenarbeit mit dem Fonds Darstellende Künste stattfindet. 

AB: Wilhelm Klotzek, Bildhauer aus Berlin, war im letzten Jahr hier und ganz begeistert von der Gegend. Er hat mit einer Schulklasse vom Heinrich-Heine-Gymnasium einen Workshop gemacht und gefragt: "Hier ist so viel Brachfläche, so viel leerer Raum! Was können wir damit machen?" Entstanden sind architektonische Collagen, Utopien mit McDonalds-Filialen, Hochstraßen und Monorails. Das ist witzig, hat eine ästhetische Qualität und gleichzeitig ist es eine Form von politischer Bildung, weil es neue Gedanken ermöglicht. Die Eltern erzählen, was früher alles da war. Durch den Workshop können sie den Jetzt-Zustand anders lesen und die Leere wird nicht mehr als Verlust, sondern als Möglichkeitsraum gesehen. 

Die erste Ausgabe des Festivals im Jahr 2022 besuchten knapp 5.000 Menschen. Wo kamen die her?

AB: Wir haben nicht jeden einzeln gefragt, aber es war eine tolle Mischung aus ehemaligen Arbeiterinnen aus Bitterfeld, Anwohnerinnen, jungen Hipstern aus Leipzig und Kulturschaffenden aus Berlin. Mindestens zwei Drittel lokal.

Und wie sind die Reaktionen der Menschen vor Ort?

AB: Wir bekommen immer wieder gespiegelt, dass sich Leute freuen, dass wir uns hier so engagieren, etwas auf die Beine stellen, Dynamiken freisetzen. Auch, dass sie sich selbst motiviert fühlen, mit anzupacken und Altbekanntes mit neuen Augen zu sehen. In einer Region, die so viel Schrumpfung und Schließung erfahren hat, wo es kaum Bibliotheken, Restaurants und Kinos gibt, gibt es eine große Defiziterfahrung. Dass etwas stattfindet, Menschen Geld besorgen, sich Gedanken machen und zu etwas einladen, wird sehr wertgeschätzt!

AD: Eine der schönsten Geschichten bisher ist die einer Besucherin aus Bitterfeld-Wolfen. Sie kam auf uns zu und sagte: "Das ist unser Festival!" Wir sind mittlerweile mit hunderten Menschen, zum Teil über Jahre hinweg, im Austausch. Es gibt Leute, die sich den gesamten Zeitraum des Festivals blocken, um sich alles anzuschauen. Das ist für uns das größte Kompliment. 

AB: Wir haben sogar ein Handtuch geschenkt bekommen, wo "Osten Festival" draufgestickt wurde. Ich habe auch bei der Ruhrtriennale und den Berliner Festspielen gearbeitet, aber da bekommt man so etwas nicht von seinem Publikum. Die Menschen sind dankbar für diesen Ort des Austausches, der Begegnung und des Feierns. 

Die Akzeptanz vor Ort ist entscheidend für das Gelingen eines solchen Festivals außerhalb der großen Städte. Mit welchen Tools, mit welchen Strategien haben Sie das erreicht? 

AD: Wir verstehen uns explizit als Netzwerk-Festival. Ein Großteil der Projekte entsteht jeweils im Tandem mit einer lokalen Institution oder Initiative. Unter diesen Akteuren sind Schulen, Jugendclubs, das Industrie- und Filmmuseum Wolfen oder der Verein Frauen helfen Frauen e.V. Wir produzieren gemeinsam mit den Menschen vor Ort fast alles neu: Theater, Performances, Installationen, Workshops oder Ausflüge. Diese Art der radikalen Ortsspezifik gepaart mit Teilhabe, Solidarität und einem hohen künstlerischen Anspruch ist in dieser Form einzigartig. Durch diese Form der Partizipation hat das Publikum einen ganz anderen Bezug zum Festival, etwa, weil Verwandte beteiligt sind. 

AB: Wir brauchen eigentlich einen neuen Begriff für Kuration. Wir holen keine fertigen Kunstwerke nach Bitterfeld-Wolfen, sondern kooperieren mit vielen Institutionen und Kunstschaffenden. Es ist wie bei einem Picknick, zu dem alle etwas mitbringen. Das ergibt eine sehr spezielle Mischung. Vielleicht schmeckt mir nicht alles. Aber darum geht es nicht. Das ist eine sehr befreiende Erfahrung als Festivalmacher. Es wäre in so einem Rahmen auch total anmaßend ist, eine kuratorische Linie durchziehen. 

Unter dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!" fand am 24. April 1959 im Kulturhaus des Chemiekombinats Bitterfeld die erste von zwei Autorenkonferenzen des Mitteldeutschen Verlages statt. Schriftstellende wurden damals aufgefordert, in ihren Büchern den Arbeitsalltag in den Fabriken zu beschreiben. Doch auch die Arbeitenden sollten kreativ werden. Inwieweit spielt dieser "Bitterfelder Weg" aus DDR-Zeiten für das Festival eine Rolle?

AB: Durch den "Bitterfelder Weg" gab es in Bitterfeld zu Zeiten der DDR bei rund 60.000 Einwohnern hunderte Kulturzirkel. Einige sind noch aktiv, etwa zwei Malvereine, ein Amateurtheater und 14 Balletgruppen. Und es gibt ein kollektives Gedächtnis, dass man so etwas machen kann. Die Idee, dass Angestellte oder Arbeitende eingeladen werden, an einem Kunstwerk teilzunehmen, finden die Menschen hier nicht merkwürdig. Die Hemmschwellen sind deutlicher niedriger als an anderen Orten. Für die diesjährige Festivalausgabe wollte die Choreografin Isabelle Schad zum Beispiel mit Arbeiterinnen im Alter über 50 zusammenarbeiten. Es gab einen Aufruf in der Zeitung und über den Verein Frauen helfen Frauen e.V. Es meldeten sich 15 Frauen, die Lust darauf haben. Bei einer Performance des Künstlerinnenkollektivs hansjanna verkleiden sich die Menschen als Dinosaurier und tanzen auf der Brache der ehemaligen Filmfabrik. Auch dafür war es sehr einfach, Menschen zu finden. Das ist sehr besonders und das habe ich an anderen Orten als sehr viel schwieriger erlebt.

Gerade jüngeren Besuchenden ist die Geschichte und Bedeutung Bitterfelds in der DDR nicht unbedingt präsent. Es war einer der zentralen Chemiebezirke der DDR. Die Fabriken produzierten Stickstoffdünger, Pestizide, Waschsubstanzen, die Werke in Wolfen Farben und Filme, auch für den West-Export. Die Verschmutzung der Luft und der Flüsse war allgegenwärtig, das Grundwasser ist bis heute stark belastet. Wird diese Geschichte auch vermittelt?

AD: Ja, am 8. Juni wird es beispielsweise eine geführte und kommentierte Fahrradtour auf der Route einer der ersten Umweltdemonstration der DDR geben. Organisiert vom damaligen Kreisjugendpfarrer fand 1984, vor genau 40 Jahren, ein Protestmarsch von Bitterfeld nach Wolfen statt. Kurz vor Ankunft im Festivalzentrum wird die Fahrradtour Teil einer großen Puppen-Parade, inszeniert von den Künstler:innen Oscar Olivo, Amy Trompetter und Elsa Saade, die an die Gerüche der Industrie erinnert und die Rückkehr der Natur in Bitterfeld-Wolfen feiert. Auch da gab es vorher eine starke Einbindung der lokalen Bevölkerung. Der Wolfener Jugendclub Club 84, das Amateurtheater und der lokale Malverein haben gemeinsam mit dem Künstler Oscar Olivo Puppen für die Parade gebaut. 

Das Programm umfasst rund 70 Veranstaltungen. Worauf freuen Sie sich besonders?

AD: Auf die Eröffnungsperformance von Maryna Makarenko. Sie kommt aus Schostka in der Ukraine. Ähnlich wie in Wolfen war das städtische Leben dort stark von der Filmfabrik Svema geprägt. Ihre Großmutter und Mutter haben beide in der Fabrik gearbeitet, letztere sogar noch, während sie mit der Künstlerin schwanger war. Auf der Basis von Recherchen in Schostka hat Maryna Makarenko nun eine Performance entwickelt, die sich vor allem mit den gesundheitlichen Auswirkungen der Fabrikarbeit auf den Körper, die Bedingungen weiblicher Arbeit, mit menschlichen Körperflüssigkeiten und der Materialität der Filmfabrik auseinandersetzt. 

AB: Ich freue mich sehr auf die Performance von Lisandro Rodríguez aus Buenos Aires. Sie heißt "Du fährst eine Linie". Da kommen zehn lokale Motorradfahrende mit ihren MZs und Simsons und fahren die Besuchenden mit verbundenen Augen durch den Chemiepark. Das wird eine Begegnung der besonderen Art und gefällt mir sehr, weil es so eine Formfreiheit hat. Solche Formate sind an anderen Festivals oder Theatern nur sehr schwer zu realisieren. 

Wie erfolgt die Auswahl der künstlerischen Positionen? Formulieren Sie einen konkreten Auftrag?

AD: Das ist eine Mischung aus künstlerischen Positionen, die wir aus unseren jeweiligen Arbeitskontexten kennen, mal mehr Theater, mal mehr bildende Kunst. Und es gibt natürlich Kunstschaffende, die initiativ auf uns zukommen. Außerdem haben wir das große Glück, mit einigen kontinuierlich zusammenarbeiten, etwa mit Tobias Zielony, Franziska Klose oder Lucila Guichon. Zentral ist die tiefgehende Auseinandersetzung mit den Themen des Festivals, die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung und oft die auf ein Jahr oder länger angelegte Arbeit vor Ort. 

AB: Es geht viel über persönlichen Austausch und Interesse, weniger über konkrete Kunstwerke, auch weil wir die meisten Arbeiten für das Festival vor Ort mit und für die Menschen entwickeln. Wir haben wenig Geld und müssen schauen, wer bereit ist, zu diesen Konditionen zu arbeiten. Die Themen liegen buchstäblich auf der Straße. Manche interessieren sich für Frauen und Arbeit, andere für langfristige Umweltschäden. Ob das am Ende eine Fotografie oder eine Performance wird, ist erst mal völlig offen. Viele haben Lust auf diese formale Freiheit, weil wir einfach sagen: "Komm her und guck dich um!" 

Das heißt, das verbindende Element aller Beiträge ist die Orts- beziehungsweise Raumspezifik von Bitterfeld-Wolfen? 

AB: Alle verhandelten Themen sind als Beispiel für den Osten zu lesen. Der Osten ist als Abstraktum nicht zu greifen. Wir befinden uns in komplexen Graustufen und da kommen bestimmte Aspekte vor. Wir werden niemals alle abdecken können. Jetzt haben wir viele migrantische Perspektiven im Programm und Feminismus spielt eine große Rolle, weil hier viele Frauen gearbeitet haben. 


Eine Handvoll von Künstlerinnen und Künstlern, zumeist mit Ostbiografie, hat sich diesen Themen in den letzten Jahren schon angenommen. Das "Osten Festival" scheint nun auch Kunstschaffende, die sich bisher nicht mit dem Osten beschäftigt haben, zu motivieren, das zu tun. Durch das Festival werden jetzt Werke produziert, die in der Zukunft von der Transformation nach 1989/1990 erzählen. 

AB: Der Begriff des Engagements spielt da eine starke Rolle. Der Künstler Michikazu Matsune kommt aus Japan, lebt in Wien und kam im letzten Jahr nach Bitterfeld. Er hat in der Vergangenheit ein Projekt gemacht, das sich mit Vornamen beschäftigt. In seiner offenen Werkstatt bittet er nun Menschen, kleine Episoden über ihren Vornamen zu teilen. Tobias Zielony kommt aus Wuppertal, fotografiert auf der ganzen Welt, und interessiert sich auch für Bitterfeld-Wolfen. Er hat in Leipzig studiert und seine ersten Fotos hier in der Gegend gemacht. Er kommt immer wieder und wir sind froh, ihm auf dem Festival eine Plattform zu bieten. Jetzt geht er der Geschichte des Farbfoto-Films Kodachrome nach – und den Legenden, die sich darum ranken.  

AD: Masharu bietet beim Festival eine Erdverkostung an und bringt ein Archiv essbarer Erde mit. Das passt nach Bitterfeld-Wolfen, weil wir sehr viel über Toxizität und die durchgearbeitete Landschaft sprechen. Und dann gibt es andere Kunstschaffende, wie Adele*Mike Dittrich Frydetzki, Judith Geffert und Jule Gorke, die sich mit Querness im Osten heute und lesbisch-feministischen Netzwerken in der DDR beschäftigen. 

Gibt es für die Teilnehmenden beziehungsweise  im Team eine Ost-Quote? 

AB: Es gibt keine Quote, aber es ist natürlich ein Thema. Wir schauen nicht, wo Kunstschaffende geboren sind, sondern, wie sie sich mit dem Thema beschäftigen. Wer aus dem Osten kommt, bringt eine besondere Sensibilität mit. Aber es ist auch gut, Menschen wie Michikazu Matsune einzuladen, die frisch auf die Dinge schauen. Ich bin etwa durch Familienmitglieder, die in der DDR Pfarrer waren, ideologisch vorgeprägt. Manchmal ist es hilfreich, wenn das in Frage gestellt wird. Und wenn sich jemand so intensiv mit Bitterfeld-Wolfen beschäftigt hat wie Anne, dann wäre es lächerlich zu sagen, sie dürfte darüber nicht sprechen, weil sie nicht im Osten geboren ist.

AD: Ich komme aus dem Ruhrgebiet, einer Region, die wie Bitterfeld-Wolfen stark vom Strukturwandel geprägt ist. Viele meiner Familienmitglieder haben früher im Bergbau gearbeitet. Einige der Themen und Erfahrungen in Bitterfeld-Wolfen kenne ich daher aus meinem eigenen direkten Umfeld. Und dennoch gibt es natürlich auch hier gravierende Unterschiede, historisch, wie ökonomisch. In NRW gibt es etwa viel mehr Stiftungen als in Sachsen-Anhalt. Der Vergleich ist auch jetzt in unserem Programm präsent: Die Fotografin Franziska Klose und der Autor Lorenz Hoffmann haben für die jetzige Festival-Ausgabe Zeitzeuginnen und Zeitzeugen industrieller Arbeit aus Bitterfeld-Wolfen und dem Ruhrgebiet zusammengebracht und ein Bilder-Bingo entwickelt. Gemeinsam mit Menschen aus Witten im Ruhrgebiet, die dafür nach Wolfen reisen, und dem Festivalpublikum soll gerätselt werden, ob es sich bei den gezeigten Aufnahmen um Wolfen oder Witten handelt. Es geht eben um gegenseitiges Interesse.

AB: Im Ruhrgebiet haben Kultur und Kunst den Strukturwandel über viele Jahre begleitet. Im Osten ist das viel komprimierter und härter abgelaufen. 

Wenn wir unsere Narben nicht zeigen, werden wir nicht lernen, uns zu verstehen, sagt Steffen Mau in seinem Buch "Lütten Klein". Ist das Festival auch ein Beitrag zur deutsch-deutschen Verständigung?

AB: Absolut. Das ist ein tolles Zitat, zu dem wir auch schon eine Veranstaltung gemacht haben. Aber es geht bei uns eher um eine inner-ostdeutsche Verständigung. Ludwig Haugk hat immer gesagt: "Wir brauchen mehr 'inner east'!" Die Erfahrungen des Ostens, auch des Nachwende-Ostens, sind sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man aus einem Arbeiterhaushalt oder wie ich aus einem Pastorenhaushalt kommt oder die Eltern SED-Kader waren. Das sind komplett unterschiedliche Welten, die sich im Wohnumfeld, in der materiellen Ausstattung und Reisemöglichkeiten zeigten - vor und nach 1989. Es geht darum, sich darüber auszutauschen: Wie erfahren wir Osten? Wie denken wir Osten? Was kann das für die Zukunft sein? 

Sie sagten zu Beginn, Sie hätten früher eine gewisse Scham gefühlt, Ostdeutscher zu sein. Ich kenne dieses Gefühl auch. Es hat sich für mich in den letzten Jahren verändert, auch durch das poltische Klima seit 2017. Ich gehe nun selbstbewusster und offensiver damit um, dass ich aus dem Osten komme und in der DDR geboren bin. Gibt es ein neues Ost-Bewusstsein? 

AB: Für mich auf jeden Fall, aber ich kann das nicht allgemein beurteilen, weil das in meinem Fall stark mit dem Festival verknüpft ist. Ich habe mich im Zuge dessen als Ostdeutscher sichtbar gemacht. Ich führe dadurch ganz andere Gespräche und bekomme viel mehr mit. 

Die Förderliste des Festivals ist beeindruckend. War es leicht, Unterstützung zu finden? 

AB: Im Vergleich zu manchen Vereinen in Bitterfeld-Wolfen, die um 500 Euro Förderung bangen, war es leicht. Wir haben den Verein Kulturpark e.V. gegründet und eine Spendenaktion im privaten Umfeld gestartet. Denn wir haben zwar viel Unterstützung von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Bundeskulturstiftung und der E.ON-Stiftung bekommen, aber du bekommst nirgendwo Geld, wenn du nicht schon welches hast. Wir schreiben viele Anträge und die Projektförderung lief bisher sehr gut. Aber es ist extrem schwierig, in eine kontinuierliche Förderung zu kommen, um das Projekt für die Zukunft zu sichern. Wir haben uns von Anfang an vorgenommen, zu bleiben. Das haben wir uns leichter vorgestellt. Wir brauchen eine institutionelle Förderung, um das gewährleisten zu können. 

AD: Wir werden oft als Institution wahrgenommen, obwohl wir es nicht sind und die Grundstrukturen jedes Mal neu schaffen müssen. Es ist mitunter eine extreme Belastung, Förderanträge für die nächste Ausgabe zu schreiben, während wir gleichzeitig ein Festival kuratieren und produzieren. Wir können auch niemandem eine Perspektive bieten. Das kann emotional und ökonomisch sehr herausfordernd sein. Viele Projekte gehen zu unserer großen Freude auch über das Festival hinaus weiter, etwa das 2022 initiierte Werksorchester oder Urban Gardening Projekte. Wir haben über die letzten vier Jahre so viele Verbindungen zu den Menschen hier vor Ort aufgebaut und hoffen, noch lange weitermachen zu können.