Markt für digitale Kunst

Gegenwind für NFT-Boom

NFT als die ultimative Trophäe: Screenshot eines Schmähvideos von Elon Musk 
Screenshot: Twitter

NFT als die ultimative Trophäe: Screenshot eines Schmähvideos von Elon Musk 

Der NFT-Hype hat diese Woche einen Knacks bekommen: Erst wurden digitale Kunstwerke gestohlen, dann stimmte Elon Musk ein Schmählied an und nun wird Superstar Beeple demontiert

Die Kunstwelt hat die gestiegene Bedeutung von NFTs längst nicht verdaut. Nachdem vergangene Woche ein digitales Kunstwerk von Beeple für 69 Millionen Dollar versteigert wurde, sprechen die einen von einer Zeitenwende, die anderen von einem PR-Stunt, während wieder andere weiterhin die Frage aufwerfen, was NFTs überhaupt sind. Eine einfache  Antwort hat der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz auf Twitter parat: Non-Fungible Tokens sind zunächst einmal ein Werkzeug, und es kommt darauf an, was man aus ihnen macht. Doch da digitale Kunstwerke, zum Beispiel Jpg-Dateien, durch Verknüpfung mit diesem Blockchainverfahren ein wirkungsvolles Echtheitszertifikat erhalten, wirbelt diese Technik den Kunstmarkt eben ganz schön durcheinander. 

Mit einiger Schadenfreude wurde deshalb zur Kenntnis genommen, dass auch diese Kryptotechnik mit ganz traditionellen Problemen der Branche konfrontiert ist: Am vergangenen Wochenende wurde der Account von einigen Nutzern der Verkaufsplattform Nifty Gateway gehackt und NFTs gestohlen. Inzwischen hat das Unternehmen zwar klargemacht, dass der Schaden nicht so groß sei und die Nutzer einfach eine Zwei-Faktor-Authentifizierung für ihre Konten benutzen sollten, aber der Vorfall erinnerte daran, dass auch NFTs wie Kryptowährungen oder Ölgemälde nicht vollständig vor dem Zugriff von Kriminellen geschützt sind.

Am Montag dann der nächste Schlag, als Elon Musk auf Twitter ein Video veröffentlichte, mit dem er sich musikalisch über NFTs lustig machte. Der Hohn des 49-Jährigen kommt überraschend, hat sein Unternehmen Tesla doch 1,5 Milliarden Dollar in die Kryptowährung Bitcoin investiert und sein Partnerin Grimes selbst NFTs verkauft. "NFT für deine Eitelkeit. Computer schlafen nie. Es ist verifiziert. Es ist garantiert", so die Hookline seines Techno-Kloppers. Dazu sieht man eine Art Nonsenstrophäe, die sich dreht und effekthascherisch blinkt. Um den Spott noch einmal ironisch zu überhöhen, kündigte der Unternehmer an, den Clip als NFT verkaufen zu wollen – was er aber am Mittwoch wieder zurücknahm.


Den Unterschied zwischen NFTs als bloßes Werkzeug und der Kunst, die sich dank dieses Werkzeugs gerade erfolgreich verkauft, erfasst Musk dabei auch nicht. Die Frage müsste eher lauten: Sind viele Künstlerinnen und Künstler, die jetzt dank NFTs Erfolg haben, tatsächlich effekthascherisch? Der US-Künstler Mike Winkelmann alias Beeple ist durch den spektakulären Verkauf seines Kunstwerks "Everydays: The First 5,000 Days" zum Gesicht des Booms geworden, und wird entsprechend skeptisch durch den etablierten Kunstmarkt beäugt. Nun hat sich "Artnet News"-Kunstkritiker Ben Davis die 5000 Einzelbilder, aus denen Beeples digitale Rekordpreis-Collage zusammengesetzt ist, genauer angeschaut und dabei einige Beispiele für latent oder offen rassistische, homophobe und sexistische Darstellungen und Bildunterschriften gefunden. 

Eine zeichnerische Darstellung eines Jungen aus dem Jahr 2007 ist etwa von Beeple als "ein fettes, nerdiges, chinesisches Kind und seine eingebildeten Freunde" betitelt, was besonders in dieser Woche, in der in den USA erneut rassistisch motivierten Gewalttaten gegenüber Asiaten oder Amerikanern mit asiatischen Vorfahren verübt wurden, für einen Aufschrei sorgt. 

Screenshot von Beeples "a fat nerdy chinese kid and his imaginary friends" vom 23. August 2007
Courtesy the artist, via "Artnet News"

Screenshot von Beeples "a fat nerdy chinese kid and his imaginary friends" vom 23. August 2007

Beeple ist nicht zimperlich in seiner Kunst, so viel dürfte auch schon vor Ben Davis' Kritik klargewesen sein. Doch die von ihm gefundene Beispiele haben noch einmal klargemacht, wie fern Beeple vom etablierten Betrieb steht. Davis selbst ist fassungslos in seiner Bilanz: "Wir haben Proteste gegen Rassismus und eine Abrechnung mit dem Sexismus hinter uns, und das kulturelle Projekt des Augenblicks ist  ... die Erfindung neuer Wege zur Anbetung jahrzehntealter Gehirnfürze auf 'BroBible'-Niveau? In einer Zeit der Verblödung wetteifern Investoren darum, zig Millionen Dollar ... in das hier zu stecken?"

Jerry Saltz wütet in den sozialen Netzwerken mit gegen den Hype: "Im Moment ist das nur der Markt, der so dumm ist, dass er nur das kauft, was andere Leute im Markt schon gekauft haben. Ein Hund, der seine eigene Scheiße frisst - Koprophagie. Es macht absolut Sinn, dass die Kannibalen bei Sotheby's und Christie's sich darauf stürzen, die Trottel zu bescheißen. Sie werden alle nur noch mehr zu dem, was sie schon waren - Anti-Kunst." Die durch ihre Kunstmarkt-Memes bekanntgewordene Künstlerin Jerry Gogosian wiederum ist so aufgewühlt, dass sie Christie's jetzt einen offen Brief geschrieben hat, in dem sie ernsthaft nach den Beweggründen nach dem Beeple-Verkauf fragt: "Ich sehe eine 'Werde-schnell-reich'-Masche und mittelmäßige digitale Renderings mit unklarem Narrativ und unklarer Bedeutung."

Dennoch sieht Jerry Saltz, dass NFTs Potenzial haben, wenn die richtigen Leute damit was anstellten: "Eines Tages wird ein Künstler der Francis Bacon der NFTs sein. Eines Tages, hoffe ich, werden Künstler aufräumen, das Urheberrecht brechen, die Autorenschaft forcieren und sich am Weiterverkauf ihrer Arbeit beteiligen - über NFT oder welches Medium auch immer."

Ob die Käuferinnen und Käufer, die Millionensummen investieren in Kunst, die ohnehin nicht von klassischen Kunst-Institutionen beglaubigt ist, all diese Einwände überhaupt wahrnehmen, darf bezweifelt werden. Beeple selbst hat sich immer wieder über die etablierte Kunstwelt lustig gemacht. Da verletzt das Lachen eines Tech-Milliardärs wie Elon Musks schon einiges mehr. Wenn selbst dieser Visionär nicht wirklich an das Werkzeug NFTs glaubt, wie soll sich dieser Markt dann etablieren?