Ausstellung in Dresden

Gerhard Richter, der Comiczeichner

Gerhard Richter ist vor allem für seine Gemälde bekannt, hat aber auch ein besonderes Verhältnis zu Büchern. In Dresden ist nun eine Auswahl seiner Publikationen zu sehen, die eine andere Seite des Künstlers zeigen

Man kennt Gerhard Richter als Maler großformatiger Bilder auf Leinwand, allerdings umfasst sein Œuvre auch Arbeiten in einem handlicheren Medium, dem Buch nämlich. Bücher nehmen in Richters Werk einen besonderen Platz ein, bieten sie ihm doch einen Rahmen zur Erprobung anderer medialer Mittel. Richters Bücher, so zeigt die aktuelle Ausstellung "Gerhard Richter. Bücher" im Dresdner Albertinum, sind nicht zwingend Künstlerbücher im klassischen Sinne.

Richters aktueller catalogue raisonné verzeichnet 26 Bücher. Die Dresdner Ausstellung zeigt nur jene, die ausdrücklich von Richter in seinen Katalog aufgenommen wurden. Grundsätzlich lassen sich für Richter drei Varianten des (Künstler-)Buches feststellen: Eigentlich im Kontext von Ausstellungen herausgegebene Kataloge, die Richter für sich als Teil seines Werkes definiert. Zweitens Kataloge, die als Vorzugsausgaben eine Signatur oder Zeichnung Richters beinhalten und damit zu Unikaten werden. Und nicht zuletzt genuine Künstlerbücher, die vom Künstler selbst konzipiert sind.

Immer wieder kombiniert Richter hierfür Fotografie und Malerei. Etwa, wenn er während eines Aufenthaltes in Halifax eines seiner mitgebrachten Bilder vom Rahmen nimmt und es aus nächster Nähe über einem Stuhl liegend fotografiert. "128 Fotos von einem Bild" (1978) zeigt eine Kraterlandschaft in Schwarz-Weiß. Richter zeigt aber nicht einfach Details des Originalbildes, sondern die Verwandlung einer farbigen Landschaft in eine 3D-Landschaft. So entsteht sein zweites Künstlerbuch "Halifax".

Ein Buch löst auch das Hierarchieproblem

Sein erstes Künstlerbuch ist eine Zusammenarbeit mit Sigmar Polke aus dem Jahre 1966. Es handelt sich um einen Katalog zur gemeinsamen Ausstellung, der Werkabbildungen und Biografien der Künstler enthält – so weit, so gewöhnlich. Allerdings verweigert sich der Katalog den typischen Katalogtexten, die versuchen, dem künstlerischen Gegenstand deskriptiv wie hermeneutisch näher zu rücken. An die Stelle von deutenden Formulierungen treten unter anderem Ausschnitte aus Perry-Rhodan-Texten, sozusagen Groschenliteratur der Zeit, die die vermeintliche Kluft zwischen Hoch- und Popkultur auflösen. Das Buch kann von vorne wie von hinten gelesen werden, das löst auch das Hierarchieproblem: Mit welchem Künstler öffnet das Buch? Das liegt ganz beim Leser.

Das vielleicht interessanteste Stück der kleinen Kabinettausstellung ist Richters Comicbuch, das ein Unikat ist, allerdings als Faksimileausgabe erhältlich ist. Ein gestempeltes Männchen bewegt sich darin von Seite zu Seite; es erinnert ein wenig an Kafkas Strichmännchen. Da nur eine aufgeschlagene Seite des Buchs zu sehen ist, lässt sich das Büchlein digital durchblättern. Das Buch, das zunächst als Leihgabe eines Sammlers ans Richter-Archiv ging, ist heute nach etwas abenteuerlichen Umwegen Teil des Bestands.

Der damals noch junge Künstler schickt es zu Verlagen, um sich als Illustrator zu bewerben. Märchenbücher für Erwachsene liefen im Moment nicht, heißt es von einem der Herausgeber. Dabei geht es auch hier um die Reduktion grafischer Mittel: Wie viel Bild braucht es, um eine Geschichte zu erzählen? Außerdem spielt Richter mit der Kombination von Text und Bild, die für das Buch so zentral ist. Dieses Thema - die Überblendung von Text- und Bildschnipseln – wird in zahlreichen seiner Künstlerbücher zum Thema. Auch in "War Cut" kombiniert Richter Fotografien von einem Gemälde mit Textausschnitten zum Irakkrieg von 2003 aus der "FAZ". Das Werk ist ein Kommentar zum Thema, der eine Festlegung des Künstlers gekonnt unterläuft (was man als Schwäche oder Stärke betrachten kann).

Richters Medium ist und bleibt die Malerei

Richters Medium, das zeigt die Ausstellung, ist und bleibt die Malerei; das Buch fungiert ihm als Objekt, das der Erweiterung der malerischen Mittel dient: Es lässt sich auf den Kopf stellen und eröffnet so neue Perspektiven auf das abstrakte Bild. Es lässt sich von vorne und hinten durchblättern, und immer wieder spielt Richter mit dem Wechsel der Leserichtung. Und doch bezieht sich Richter auf die vertraute Gestalt des Buches, wie auch Dieter Schwarz in seinem Text im Ausstellungskatalog bemerkt. Es geht ihm nicht um radikale formale Experimente mit dem Medium. Vielmehr um die Ausnutzung der Mittel, die auf der Hand liegen – das Wenden des Buches beispielsweise.

Weil Richters Malerei oft genug im fotografischen Abbild seinen Ausgang nimmt, schließt sich mit der Reproduktion von übermalten oder überarbeiteten Fotografien von Gemälden im Buch ein Kreis – oder bietet sich eher das Bild einer Schleife an? Es ergibt sich jedenfalls eine eigentümliche Selbstreferenzialität, die nochmals alle Möglichkeiten des Bildes beim Medienübergang erforscht.

Wie bei den vorangegangenen Ausstellungen des Richter-Archivs im Albertinum handelt es sich auch bei dieser Ausstellung um eine kleine Kabinettausstellung. Allerdings wird eine umfangreichere Version der Schau in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin vom 9. Februar 2022 an zu sehen sein. Pünktlich also zum Auftakt des Richter-Jubiläumsjahres anlässlich seines 90. Geburtstages.