Neues Verhältnis zu Lebewesen

"Rechte für die Natur würden mit Logiken des Kapitalismus brechen"

Den Geschöpfen die Bühne überlassen: Kunstwerke von Liv Brugge (vorn) und Kapwani Kiwanga auf der Venedig-Biennale 2022
Foto: Roberto Marossi /Biennale di Venezia

Den Geschöpfen die Bühne überlassen: Kunstwerke von Liv Bugge (vorn) und Kapwani Kiwanga auf der Venedig-Biennale 2022

In der Kunst geht es gerade vielerorts um ein neues, achtsameres Verhältnis zu unserer Umwelt. Was es bedeuten würde, der Natur tatsächlich Rechte zu verleihen, erklärt der Soziologe Frank Adloff
 

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Dieser Text ist zuerst beim "Philosophie Magazin" erschienen

 

Frank Adloff, zurzeit formieren sich vielerorts, auch in der Kunst, Bewegungen, die der Natur Rechte zusprechen wollen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Besonders in den lateinamerikanischen Ländern geht es darum, die Natur als gleichwertige Partnerin in das Rechtssystem aufzunehmen. Rechtswissenschaftler:innen sprechen gerne davon, eine juristische Waffengleichheit herzustellen. Einige weisen darauf hin, dass die im Gesetz enthaltenden Möglichkeiten bisher nicht vollständig ausgeschöpft werden, aber auch, dass die vorhandenen Möglichkeiten noch zu zahnlos sind. Das liegt daran, dass die Natur bisher nur objektivrechtlich geschützt wird. Sie hat keinen eigenen Rechtsstatus, was dazu führt, dass sie ihre Interessen vor Gericht nicht selbst vertreten kann. Wenn die Natur im Gesetz oder sogar in der Verfassung verankerte Rechte zugesprochen bekäme, würde sich genau das ändern.

Konkret gibt sich gerade Chile eine neue Verfassung und die Chancen stehen gut, dass die Natur berücksichtigt werden wird. Weisen die geplanten Änderungen hier in die richtige Richtung?

Absolut. Ich empfinde die Entwicklungen in Hinblick auf die Naturrechtsbewegung nicht nur als intellektuell sehr interessant, sondern meine auch, dass sie gesellschaftspolitisch in die richtige Richtung weisen. Angesichts der vielfältigen ökologischen Krisen ist es dringend notwendig, dass auch die Debatte um die Biodiversitätskrise stärker in den Fokus rückt. Was am Ende tatsächlich für die Natur herumkommt, ist derzeit noch nicht abzusehen. 

Was müsste durchgesetzt werden, damit die Verfassungsänderung aus Ihrer Sicht als ein Erfolg für die Natur zu verbuchen ist?

In Chile sehen die gestellten Forderungen vor, dass es jedem ermöglicht werden muss, im Namen und im Interesse der Natur vor Gericht zu ziehen. Dass die Natur an dieser Stelle nicht selbst tätig werden kann und Stellvertreter braucht, ist ja klar. Es müsste zu neuen Aushandlungsprozessen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Interessen kommen. Dabei geht es nicht darum, dass die Natur die menschlichen Interessen toppt, sondern darum zu erreichen, dass menschliche und nichtmenschliche Interessen auf einer horizontalen und egalitären Ebene miteinander ringen und gegeneinander abgewogen werden.

Einige Kommentatoren befürchten, dass es zu Konflikten zwischen Menschen und der Natur kommen könnte, wenn letzterer Rechte zugesprochen würden. Halten Sie das für plausibel?

Nein, das sehe ich nicht. Man muss nur einmal empirisch schauen: In den lateinamerikanischen Ländern wollen viele, beispielsweise indigene Bevölkerungsgruppen, auch aus ihrem eigenen Interesse heraus die Rechte der Natur schützen. Hier gibt es eine starke Kongruenz zwischen den Interessen von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren. Es ist nicht der Mensch an sich, der gegen die Natur an sich antritt.

Sondern?

Vielmehr lassen sich verschiedene Koalitionen erkennen. Natürlich ist es so, dass verschiedene Akteure, meistens Unternehmen, ein starkes Extraktionsinteresse, also ein Interesse an der Ausbeutung und Nutzung der Natur, verfolgen. Dies führt dann zu einer Kollision zwischen den Interessen der Natur und denen des Unternehmens. Teilweise sind die Rechte der Natur aber immer schon an die Rechte oder die Ansprüche der vor Ort lebenden Menschen gebunden. Im ganzen Diskursfeld zentral ist nach wie vor der französische Soziologe Bruno Latour. In seinen letzten Schriften hat er betont, dass sich im Grunde die Interessen der sogenannten erdverbundenen Bevölkerungsgruppen und jene der nicht erdverbundenen Akteure gegenüberstehen. Es geht nicht um den Konflikt Mensch versus Natur, sondern um Natur versus bestimmte, nicht erdverbundene Gruppen. Diese würden sicherlich auch gegen die Rechte der Natur vorgehen.  

Und sollte es doch zu einem Konflikt zwischen Interessen von Menschen und der Natur kommen, wie würde man dann vorgehen? 

Auf das deutsche Recht bezogen könnten wir uns beispielsweise einen Verfassungszusatz vorstellen, der besagt, dass die Rechte der Natur zu achten und zu schützen sind. Ein solcher Zusatz würde nicht aushebeln, dass Artikel 1 des Grundgesetzes die menschliche Würde noch immer prioritär schützt. Die menschliche Würde stünde weiterhin höher als andere Grundrechte, auch wenn diese Verfassungsrang haben.

Sie sprachen gerade vom unterschiedlichen Naturverständnis der sogenannten Erdverbundenen und derjenigen Akteure, die diese Erdverbundenheit nicht haben. Worin macht sich diese Differenz fest?

Mit der Neuzeit hat sich eine Zweiteilung im Denken durchgesetzt, die zwischen Subjekt und Objekt unterscheidet. Gerne wird auch René Descartes als Gewährsmann für diese Unterscheidung angeführt. Das denkende, menschliche Subjekt steht der Welt gegenüber, die als Objekt gedacht und behandelt wird. Dieser sogenannte ontologische Naturalismus entspricht weitgehend unserem Selbstverständnis und ist unserem Rechtssystem auch heute noch tief eingeschrieben. Dass er bereits vielfach kritisiert wurde, hat daran nicht viel verändert.

Kann man denn sagen, dass der Westen erdunverbunden ist, während indigene Kulturen noch erdverbunden leben und handeln?  

Das würde ich nicht so schematisch betrachten. Ein der Natur näheres Weltverständnis lässt sich nicht nur bei den Indigenen, sondern auch in vielen anderen Kulturen und Gesellschaften, auch in unser eigenen, erkennen. Der ontologische Naturalismus ist zwar wie gesagt noch immer einflussreich, allerdings auch in der Neuzeit nie unwidersprochen geblieben. Die ontologische Unterscheidung Natur versus Kultur und Materie versus Geist wird weltweit aber nicht unbedingt geteilt. Es gibt ganz andere Naturvorstellungen. Eine weit verbreitete, die man aus einem westlichen-wissenschaftlichen Blickwinkel nicht abwerten darf, ist der Animismus. 

Können Sie erklären, was unter Animismus zu verstehen ist?

Die Kosmologie des Animismus geht davon aus, dass die Natur nicht nur belebt, sondern ein beseeltes Gegenüber ist. Weniger metaphysisch ausgedrückt lässt sich sagen, dass animistisch denkende Menschen den Eindruck haben, es bei der Natur mit einem Du und nicht mit einem Es zu tun zu haben. Man spricht also in der zweiten und nicht in der dritten Person Singular zur und nicht bloß über die Natur. Darin besteht der Grundunterschied. Diesen Animismus findet man nicht nur bei Indigenen. Im Grunde läuft dieser Strang auch in den westlichen Gesellschaften mit. Spätestens seit der Romantik haben wir eine Gegenbewegung zu diesem szientistisch aufklärerischen Bild, die auch jetzt immer wieder aufpoppt. Ich glaube, auch in unserem Alltagsverständnis ist es so, dass viele Menschen die Natur nicht rein als etwas Verfügbares, als eine Ressource betrachten. Es gibt diese moralische Intuition, dass Natur etwas Partnerschaftliches sein kann und Achtung sowie Respekt aus sich heraus erfordert. Und das nicht nur, weil sie uns nützt. 

Wie ließe sich diese moralische Intuition denn philosophisch greifen?

Im Grunde stehen sich ein moralischer Holismus und ein moralischer Individualismus gegenüber. Schon in den 1970er- und 1980er-Jahren gab es zum einen die Vorstellung, dass die Natur als Ganzes einen Eigenwert hat, dass beispielsweise Ökosysteme oder Arten an sich wertvoll sind. Zum anderen findet sich die Position des moralischen Individualismus, die nur denkenden und fühlenden Subjekten diesen Eigenwert zugesteht. Die Position des moralischen Holismus ist ziemlich ins Abseits geraten. Denn es ist philosophisch schwer zu begründen, warum der Natur als Ganzes ein Eigenwert innewohnt. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass man diese moralische Intuition nicht loswird. Das Interessante ist, dass die Rechtswissenschaft wesentlich weniger Probleme hat, einen Subjektstatus von natürlichen Entitäten anzuerkennen, als Philosophen das haben. 

Das heißt, dass die Philosophie an dieser Stelle dem Rechtswesen hinterherhinkt?

Dass die Philosophie es an dieser Stelle schwerer hat, ist sicher richtig. Denn philosophisch ist auch schwieriger zu begründen, weshalb beispielsweise ein Unternehmen den Status eines Rechtssubjekts haben sollte. Für Jurist:innen ist das unproblematisch. Sie arbeiten gerne mit dem Konzept der Personalitätsfiktion. Sie müssen nicht beweisen, dass etwas einen vollwertigen Subjektcharakter hat und über Autonomie, kognitive Fähigkeiten und so weiter verfügt. Die Personalitätsfiktion könnte man juristisch problemlos auch auf die Natur ausweiten.

Juristische Formulierungen und philosophische Begründungen sind das eine. Dass wir die Natur kulturell nicht mehr als ein Es, sondern ein Du ansehen, nochmal etwas völlig anderes. Kann dies denn wirklich gelingen?

Das kann man schaffen. Man muss nur an die Beziehung mancher Menschen zu ihren Haustieren denken. Ich würde sagen, dass wir in dieser Hinsicht ein gespaltenes Bewusstsein haben. Ich glaube nicht, dass man die Haltung der Menschen zur Natur im Schnellverfahren verändern kann. Es gibt aber mehrere Wege, um ein Umdenken anzustoßen. Neben der Naturrechtsbewegung gibt es den Ansatz der Tierrechte. Dabei geht es darum zu zeigen, dass auf der individuellen Ebene der Empfindungsfähigkeit und Intelligenz zwischen dem geliebten Hund und dem verspeisten Schwein kein fundamentaler Unterschied besteht, dass das Schwein also auch Rechte bekommen sollte. Ich denke, dass es in den nächsten Jahren mehr gelingen wird, diese unterschiedlichen Ansätze ins Gespräch zu bringen und miteinander zu verbinden.

Kommen wir nochmal auf die konkreteren Auswirklungen einer eventuellen Durchsetzung der Naturrechte zurück. Inwieweit steht die Achtung der Natur mit unseren gewohnten Lebensweisen und unserem Wohlstand im Konflikt?

Meine Prognose wäre, dass das Verhältnis von Mensch und Natur ohnehin immer konfliktreicher werden wird, unabhängig von der Forderung nach Naturrechten. Aber natürlich, würde das Konzept konkret umgesetzt, könnte es auf mittel- oder langfristige Sicht auch eine Umstellung unserer gesellschaftlichen und ökonomischen Grundlagen mit sich bringen. Damit will ich nicht sagen, dass dahinter ein eindeutiger Automatismus steht. Die Forderung nach Naturrechten weist eine gewisse Nähe zum Postwachstumskonzept auf, und ich halte diese Nähe nicht für zufällig. Wenn sich die Natur besser verteidigen könnte, wäre es dem Menschen nicht mehr möglich, sie nach eigenem Gutdünken auszubeuten.

Kann die Forderung nach Rechten für die Natur also auch als eine Kapitalismuskritik gesehen werden?

Zumindest würden die Rechte der Natur mit einigen grundlegenden Logiken des Kapitalismus brechen. Der Kapitalismus beruht auf verschiedenen Prinzipen. Zum einen natürlich auf dem Prinzip der Profitmaximierung, zum andern aber auch darauf, dass die Natur relativ billig zur Verfügung steht. Würde sie teurer oder wäre nicht mehr so leicht verfügbar, würde eine zentrale Grundlage des Wirtschaftssystems in Frage gestellt werden. Die Rechte der Natur könnten also dabei helfen, aus der kapitalistischen Wachstumslogik auszusteigen. Aus meiner Sicht wäre das eine positive Entwicklung. Normativ muss man das natürlich nicht teilen. Nicht auszuschließen ist, dass eine Postwachstumsgesellschaft weiterhin eine Art von Marktwirtschaft ist. Das permanente Wachsen der Ökonomie könnte vielleicht von Vorstellungen aufgebrochen werden, die eigentlich nicht neu sind. Schon der Ökonom John Maynard Keynes glaubte, dass eine reife Volkswirtschaft so etwas wie eine Steady State Ökonomie, die sich auf einem optimalen und stabilen Niveau hält, sein könnte. In einer solchen sind die Dinge im Gleichgewicht und erfordern kein permanentes Wachstum.

Sie haben angesprochen, dass die Interessen der Natur vielerorts mit den Interessen der dort lebenden Menschen zusammenfallen. Weist die Naturrechtsbewegung also auch postkoloniale Züge auf?

In Lateinamerika ist relativ eindeutig, dass das Konzept der Rechte der Natur in ein anderes und größeres Verständnis einer alternativen Entwicklung eingefasst ist. Die angesprochene Extraktion beruht auf einem Beziehungsmodell zwischen Unternehmen des Nordens und der Natur in den betroffenen Staaten. Dieses Verhältnis würde tangiert und die postkoloniale Ausbeutung der Naturräume des Südens gestoppt. Chile, um nochmal darauf zurückzukommen, ist dafür aktuell ein gutes Beispiel. Dort ist die Förderung von seltenen Erden sehr umstritten und es besteht die Hoffnung, dass der Ausbeutung in den Minen Einhalt geboten würde. Man sieht daran auch, dass die Umstellung auf CO2-Neutralität mit neuen Kosten und ökologischen Verheerungen verbunden ist. Faktisch geht es um die Produktion von Batterien, welche für die Umstellung auf Elektromobilität benötigt werden. Würden die Rechte der Natur in der chilenischen Verfassung verankert, hätte das direkte Folgen für das westliche Entwicklungsmodell.

Sind Sie insgesamt optimistisch gestimmt, dass sich die Anliegen des Arten- und Naturschutzes in naher Zukunft nachdrücklicher und schneller durchsetzen werden?

Hoffnung habe ich, allerdings ist fraglich, ob die Entwicklung schnell genug kommt. Wir wissen eigentlich recht genau, was im Sinne des Biodiversität- und Umweltschutzes getan werden müsste. Doch bin ich Sozialwissenschaftler und habe daher meine Zweifel, dass sich Gesellschaften schnell ändern können.