Künstlerin Valie Export

"Kunst ist frei, das Denken ist frei, das Handeln ist frei"

Porträtfoto einer Person mit rotem Kurzhaar und runder Brille in Galerieraum, seitlicher Blick
Foto: Monika Skolimowska/dpa

Valie Export, aufgenommen 2024 bei der Presseführung zu der Ausstellung „VALIE EXPORT“ im C/O Berlin

Die Österreicherin Valie Export ist eine der prägenden Figuren der feministischen Performance. In Berlin wird sie nun auch als Fotografin gewürdigt. Ein Gespräch über ihr Verhältnis zu dem Medium, die Kunstwelt der Gegenwart und die Flut der offenen Briefe


Valie Export, inwiefern sehen Sie sich selbst auch als Fotografin? Viele Leute kennen ja eher Ihre Performances wie das "Tapp- und Tastkino" oder die "Mappe der Hundigkeit".

Ich bin keine Fotografin im gewohnten Sinn. Wenn man hingegen den fotografischen Blick als Kriterium nimmt, dann bin ich durchaus eine Fotografin. Am meisten interessierten mich in der Fotografie immer die Prozesse und der Umgang mit dem Material. Angefangen habe ich damals mit einer ganz alten Kleinbildkamera. Das Beste in der vordigitalen Zeit war, das Gehäuse öffnen zu können, den Film wieder ein Stück weit zurückzudrehen und damit noch einmal zu fotografieren, um Überblendungen zu erzeugen. Motive anhand der Nummerierung des Zelluloids herauszusuchen, das Negativ in den Kühlschrank zu legen oder der prallen Sonne auszusetzen, lauter solche Überlegungen habe ich angestellt. Man kann also sagen: Ich war immer daran interessiert, mithilfe der Fotografie etwas Grafisches zu produzieren.

Den Großteil der Fotos in der neuen Ausstellung im C/O Berlin haben Sie nicht geschossen, sondern Sie sind darauf zu sehen. Bei Ihren feministischen Performances in den 1960er- und 1970er-Jahren waren zu Dokumentationszwecken oft mehrere Fotografen dabei, andernfalls hätten die Aktionen nicht derart berühmt werden können. Wie sah die Beziehung zwischen Performance und Foto aus? 

Meist waren zwei oder drei Fotografen aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis mit dabei. Meistens waren es Männer, denn die wenigsten Frauen besaßen in den 60er-Jahren überhaupt einen Fotoapparat. In dem Moment selber wollte ich nicht zu sehr auf die Fotografen achten, die Performance ist einfach durchgelaufen. Ich hatte für jede Performance eine Art Drehbuch vorbereitet – ein Skript und Skizzen –, nach dem wir vorgegangen sind, aber ich musste es auswendig kennen. Es ist natürlich jedes Mal ganz anders gekommen, das war ja auch das Interessante daran: Die Öffentlichkeit und die Stimmung wirken sehr stark auf die Situation ein. Man macht plötzlich etwas anderes und kehrt kurz danach wieder zum ursprünglichen Gedanken zurück, oder man kehrt vielleicht nie mehr zum Ursprung zurück. Man bricht früher ab oder verlängert das Ganze. Es war fast wie eine Partitur in der Musik.

Sie waren vor ein paar Wochen eine der Unterzeichnerinnen des Protestbriefs gegen die umstrittene Antidiskriminierungsklausel, die in Berlins Kunstförderung gelten sollte. Mittlerweile ist der Vorschlag wieder vom Tisch.

Das war wirklich sehr gut, dass die Berliner Akademie der Künste sich erfolgreich gegen die Klausel eingesetzt hat. Ich habe das sehr gerne unterzeichnet.

Wie finden Sie diese gegenwärtige Protestkultur der offenen Briefe und Gegenbriefe und Social-Media-Posts?

Na ja, das hat ja schon viel früher begonnen. Bereits in den 60er- und 70er-Jahren haben wir viele Protesttexte gegen alles Mögliche geschrieben. Es war bloß noch nicht so radikal öffentlich wie heute, aber man konnte solche Schreiben damals bereits sehr gezielt einsetzen. Heutzutage kommt diese Protestkultur viel stärker zum Tragen. Kunst ist frei, das Denken ist frei, das Handeln ist frei. Kunst darf nicht voraussetzen, dass man jenes Material oder jenen Ausdruck verwenden solle. Es ist schön, dass die Kunstfreiheit dadurch jetzt wieder so oft als Diskussionsthema aufkommt, und dass man sich zwangsläufig wieder mit ihr beschäftigen muss. Alles ist so stark reglementiert worden und so restriktiv. Das lässt uns zu wenig Platz zum Atmen.

Was genau? 

Es bleibt so wenig Zeit und Raum. Alles muss heute sehr schnell gehen: schnelle Entscheidungen und verkürzte Prozesse. Man sagt immer, aus vielen kurzen Prozessen ergebe sich schon noch ein großes Ganzes. Aber das ist jetzt nochmal eine andere Überlegung von mir.

Ist Ihnen die heutige Kunstwelt denn fremd geworden? Ein Berlin mit 10.000 bildenden Künstlerinnen und Künstlern, von denen viele auf staatliche Förderung angewiesen sind.

Ja, das ist so eine Sache. Wenn man mit Fördergeldern arbeitet, muss man auch richtig darauf antworten. Jeder hat natürlich das Recht, Fördergelder in Anspruch zu nehmen, dafür ist der Staat schließlich da. Mithilfe der Gelder kann man eine kontroverse Antwort geben, eine kontroverse Aktion machen, eine Gegenreaktion gegen den Staat. Dann wird der Staat sich wiederum überlegen, was genau er in Zukunft fördern will, und dann macht man immer noch mehr von dem Kritischen, stellt einfach noch mehr Forderungen an den Staat, und dann sieht man, wie dieser Kampf ausgeht – oder besser gesagt: wie dieser Kampf abläuft. Denn enden wird er sicher nicht.

Damals war es eine recht überschaubare Kunstszene, bei den Wiener Aktionisten kannte jeder jeden. Welche Bedeutung hatte der 2023 verstorbene Peter Weibel für Ihre Kunst? 

Oh, das ist ganz schwer zu sagen. Wir haben viele Arbeiten gemeinsam gemacht, wie die "Mappe der Hundigkeit". Wir waren auch Partnerin und Partner. Somit hatte ich eine große Bedeutung für ihn, und somit hatte er eine große Bedeutung für mich. Aber jeder von uns beiden erlebte diese Zeit damals eigenständig, niemals durch die andere Person hindurch, nie durch das Echo des anderen. 

Elfriede Jelinek sagte, mit dem Stempel "Schockkünstlerin" wollte man Sie als ernstzunehmende Künstlerin disqualifizieren. Sehen Sie das auch so? 

Ja, das ist sicherlich so gewesen, und das gilt genauso für die Texte der Jelinek. Einerseits hat der Begriff Schock natürlich durchaus etwas mit meinen Arbeiten zu tun, weil ich elektrischen Draht verwendete und mir selbst elektrische Schocks verpasste. Die Gesellschaft löst einen Schock bei mir aus, dann kann ich wohl nur mit einem Schock darauf antworten. Andererseits wurde ich nie im positiven Sinne als Schock wahrgenommen und geschildert, sondern immer im ablehnenden Sinne: "Wie kann man denn sowas nur machen wie sie? Wie kann sie bloß so aggressiv gegen alle Regeln und Gesetze sein?"

Und manchmal sogar aggressiv gegen sich selbst?

Nein, ich war niemals aggressiv gegen mich selbst. Das wäre grundfalsch gewesen, denn da hätte ich ja an Kraft verloren. In dem Wort aggressiv, aus dem lateinischen aggredere, steckt auch mit drin: Ich gehe an etwas heran, ich gehe in etwas hinein. Aber es lag mir fern, zerstörerisch mit mir selbst umzugehen. Einen Masochismus gab es nicht in diesen frühen Aktionen wie "Hyperbulie", "Asemie" und "Kausalgie". Das Wachs in der Performance war so heiß, weil es flüssig sein musste, um meine Hände und Füße damit übergießen zu können. Es war nicht so, als ob ich Wunden davongetragen hätte.

Wären die Aktionen heute noch genauso möglich?

Die Performances waren zeitabhängig, das ist klar. Es brauchte zu genau dieser Zeit genau diese Art von Performance. Zwar ändert die Gesellschaft hin und wieder ihre Regeln, doch grundsätzliche Dinge sind seit damals konstant geblieben: dass die Gesellschaft Menschen unterdrückt. Dass sie einteilt, was gut und was schlecht ist; wer arm und wer reich ist; was sie den Reichen geben will und was den Armen. Daran muss man sich auch heute immer weiter abarbeiten. Die Gesellschaft kommt mir oft vor wie ein Gummiband: Ja, es stimmt, es dehnt sich. Aber sobald man sich nur einen Moment lang wegdreht, schnalzt es zurück und sitzt wieder ganz eng am Hals.