Computergenerierte Bilder

Ist KI-Kunst ästhetisch wertvoll?

KI-generiertes Kunstwerk “Théâtre D’opéra Spatial” von Jason Allen
Foto: Jason Allen via Midjourney

KI-generiertes Kunstwerk “Théâtre D’opéra Spatial” von Jason Allen

Die steigende Qualität von KI-generierten Kunstwerken erhält nicht nur Zuspruch. Manche halten sie gar für minder wertvoll. Ein fatales Fehlurteil, das auch die kreative Zusammenarbeit von Mensch und Maschine blockiert
 


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Dieser Text ist zuerst beim "Philosophie Magazin" erschienen

 

In den vergangenen Wochen sind Social-Media-Plattformen mit Bildern geflutet worden, die auf Basis von Künstlicher Intelligenz erzeugt wurden. Nutzerinnen und Nutzer senden dabei ein Foto oder ein Bild an die KI, die es in ein Gemälde umwandelt. Oder es wird eine einfache Textbeschreibung in das System eingegeben – und schon erzeugt beispielsweise das KI-System DALL-E erstaunlich realistische Bilder.

Diese Technologie basiert auf dem neuronalen Netzwerk GPT-3, das vom Non-Profit Unternehmen OpenAI auf Millionen von Bildern trainiert wurde. Bei diesem Prozess wird eine Beziehung zwischen den eingegebenen Worten gesucht, die sich in einen Kontext stellen lassen. Dabei greift die KI auf bereits bestehende, von Menschen geschaffene Kunst zurück. Auf diese Weise entstehen aus einer Beschreibung in natürlicher Sprache zum Teil atemberaubende, bizarre und fesselnde Kunstwerke. Doch ist KI-Kunst ebenso ästhetisch wertvoll wie "herkömmliche" Kunst?

Als subjektiv wertvoll gilt jede Kunst, die den Betrachter sinnlich berührt. Das schließt keineswegs nur Kunstwerke ein, die wir als "angenehm" oder "schön" empfinden. Auch das Bild eines unförmigen Gesichtes oder einer beängstigenden Landschaft kann aus Sicht des Rezipienten künstlerisch wertvoll sein. Erst in der wechselseitigen Spannung zwischen der ästhetischen Form und ihrer Wirkung auf den Aufnehmenden bildet sich der ästhetische Gehalt der Kunst.

Kunst vermag uns wie kaum etwas anderes zu berühren

Das heißt, die handwerkliche Qualität eines Kunstwerkes allein entscheidet nicht darüber, ob ein ästhetisches Werturteil wie "schön", "fesselnd" oder "erschaudernd" treffend ist. Ebenso wenig genügt die subjektive sinnliche Evidenz, um von einem ästhetisch wertvollen Kunstwerk zu sprechen. Nach dem Philosophen Immanuel Kant hat ein Kunstwerk erst dann einen ästhetischen Wert, wenn die Möglichkeit der Beipflichtung eines ästhetischen Urteils durch andere gegeben ist (Gemeinsinn). Ob ein künstlerischer Gegenstand allgemeingültig wertvoll ist, liegt demnach einem Anspruch auf intersubjektive Nachvollziehbarkeit zugrunde.

Aus rezeptiver Sicht geht es bei jedweder Kunstform immer auch um die Wirkung auf die betrachtende Person. Denn Kunst vermag uns wie kaum etwas anderes zu berühren. Wenn wir Kunstwerke ansehen, hören oder lesen, lösen sie eine tiefe Betroffenheit in uns aus. Kunst kann aufwühlen, erschüttern oder erschaudern lassen, sofern man sich ihr hingibt. In der Hingabe treten wir ein Stück weit aus uns selbst heraus.

Dabei ist es gleichgültig, um welche Art von Kunst es sich handelt. Im ästhetischen Betrachten sehen wir dem Gegenstand ins Angesicht, lassen ihn auf uns wirken und uns von ihm ergreifen. Es ist dieser Moment der Hingabe, der ein Kunstwerk subjektiv ästhetisch wertvoll macht.

Kein Medium zwischen dem Ich und den Gegenständen

In seinem Buch "Die Bedeutung der Kunst" unterscheidet der Philosoph Moritz Geiger zwischen dem existentiellen Ich und dem empirischen Selbst. Ähnlich wie bei der wissenschaftlichen Erkenntnis spiele beim ästhetischen Erleben das empirische, von Alltagsgedanken geleitete Selbst keine oder nur eine geringe Rolle. Hingabe bedeutet für Geiger ein Zurücknehmen des empirischen Selbst: "Das Ich löscht sich als Selbst in der ästhetischen Erfahrung aus".

Während das empirische Selbst in der ästhetischen Anschauung in den Hintergrund gerät, wird das Ich von der Kunst ergriffen. Anders als in der Erkenntnis jedoch, die auf die Vermittlung des Begriffs angewiesen ist, um an die Welt heranzukommen, ist bei der ästhetischen Anschauung kein Medium zwischen dem Ich und den Gegenständen geschaltet.

Indem wir uns auf den Gegenstand einlassen, wird er der Unsere, wird er uns geistig einverleibt. In der Hingabe, dem Ausklammern des Selbst, tritt somit eine Herrschaft des Ich über den ästhetischen Gegenstand zutage: "Die Kluft zwischen uns und dem Gegenstand wird durch unser Erfassen geschlossen", so Geiger.

Das Doppelspiel der Kunst

Gerade aus dieser Spannung der überwundenen Fremdheit erwächst die existentielle Ergriffenheit. Der ästhetischen Erfahrung wohnt demnach ein Doppelspiel inne: Kunst ermöglicht es uns einerseits, ein Stück weit aus uns selbst herauszutreten, um andererseits auf tiefere Schichten unserer Existenz zuzugreifen. In diesem Lichte betrachtet hat KI-Kunst genauso einen ästhetischen Wert wie von Menschen gemachte. Geht es nämlich allein um die Wirkung und die sinnliche Erfahrung der Kunst, dann spielt der Urheber im Erleben des Rezipienten keine Rolle.

Wie sieht es auf Seiten der Produktionsästhetik aus? Zwar generiert die KI das Kunstwerk, doch am Anfang des Prozesses steht immer eine menschliche Person, die das gewünschte Bild wörtlich beschreiben muss. Das heißt, das Programm führt aus, was ihm vorgegeben wurde. Dahinter steckt das Gesetz von Ursache und Wirkung.

Unter Rückgriff auf bereits bestehende Kunstwerke folgt die KI bei der Erzeugung der Bilder einem Algorithmus und nicht einer Intuition oder Intention, wie es menschliche Kunstschaffende tun. Gerade für das Genie aber spielt die Intuition laut Kant beim Erzeugen schöner, ästhetisch wertvoller Kunst eine wichtige Rolle. Das Genie sei ein natürliches Talent, das in einem kreativ-schöpferischen Akt ein Werk erschaffen kann, das sowohl neuartig als auch exemplarisch ist. Nur so kann der Möglichkeit Bahn gebrochen werden, eine Kunstgattung zu revolutionieren. Jedes künstlerische, insbesondere im eigentlichen Sinne avantgardistische Schaffen schöner Kunst verdankt sich demnach der Genialität des Schöpfers. Diese Möglichkeit fehlt der KI, weil sie weder einer Intuition folgt noch ein herausragendes Beispiel der Kunst erzeugen kann.

Wenn Nietzsche Gott in die Tiefe stürzt

Auch der Moment der Freiheit beziehungsweise der Willkür ist, so Kant in der "Kritik der Urteilskraft", eine notwendige Bedingung für das künstlerische Schaffen. Kunst ist ein Raum der Freiheit, weil sie, anders als die Naturwissenschaften, die sich an der "universellen Kausalität der naturwissenschaftlichen Weltauffassung" orientierten, "jenseits des Reiches von Ursache und Wirkung bestehend angesehen werden muss."

Kunst entsteht folglich nicht in einer Zweck-Mittel-Relation, sondern einzig auf Grundlage von Zwecken. So ist der Künstler "die hervorbringende Ursache derselben", weil er sich "einen Zweck gedacht hat, dem dieses seine Form zu danken hat". Nach Kant vermag KI keine schöne Kunst hervorzubringen, weil sie weder über schöpferischer Freiheit noch über Genialität verfügt.

Dennoch hat auch KI ein schöpferisches Potential, bedenkt man, dass es sich bei den Kunstwerken häufig um ein Zusammenspiel von Menschen und KI-Systemen handelt. Schließlich werden viele der Kunstwerke mit Hilfe von Worten und dem Zutun von Künstlern erzeugt. Die Kommunikation, die dabei stattfindet, lässt sich jedoch nicht mit der zwischen Menschen vergleichen. Wenn man beispielweise eine menschliche Künstlerin darum bittet, ein Bild davon zu malen, wie Nietzsche an einem felsigen Abgrund steht und dabei ist, Gott in die Tiefe zu stoßen, dann wird die Kommunikation anders ausfallen als bei der Benutzung einer KI.

KI wird Künstler nicht überflüssig machen

Nichtsdestoweniger erfordert auch KI-generierte Kunst eine Zusammenarbeit von Benutzer und System. Denn es müssen mitunter sehr viele Versionen eines Bildes generiert werden, bis man auf eines stößt, das den eigenen Vorstellungen entspricht. Dafür muss die Wortwahl mit Bedacht ausgesucht und unzählige Bilder begutachtet werden. Ein langwieriger Prozess. Bei der Schaffung eines Gemäldes etwa sind viele Aspekte zu durchdenken, beispielsweise das Bildsujet, das Farbenspiel und worauf der stilistische Fokus liegen soll.

Dass dieser Prozess komplex ist, offenbart sich, wenn man versucht, ein beliebiges Kunstwerk oder ein Musikstück möglichst genau zu beschreiben. Das ist ein schwieriges Unterfangen, weil die Anschauung wesentlich mehr Schichten und Dimensionen aufweist, als von unserer Sprache erfasst werden kann.

Hinter KI-Kunst verbirgt sich mehr, als zunächst sichtbar wird. Sie ist nicht bloß ein schnell erzeugtes Bild, unter Ausschluss von jeglichem kreativen Zutun. Ebensowenig wird sie Künstler in Zukunft überflüssig machen. Es handelt sich vielmehr um ein komplexes hybrides Netzwerk, das von menschlichen und nichtmenschlichen Instanzen begründet wird, die gemeinsam kreativ agieren und so ästhetisch wertvolle Kunst schaffen können. Zukünftig wird diese Kunstform neben der herkömmlichen bestehen und sie sogar um neuartige Möglichkeiten bereichern.