Notunterkünfte in Wohnzimmern

"Opulenz und Armut kommen auf gewaltvolle Weise zusammen"

Die Fotografin Jana Sophia Nolle baut Obdachlosenunterkünfte aus San Francisco und Berlin in den Wohnzimmern reicher Menschen nach. Warum diese Inszenierung? Ein Gespräch über die Macht des Hinschauens und Voyeurismus


Jana Sophia Nolle, ich versuche mir gerade vorzustellen, wie Sie auf reiche Menschen mit großen Häusern zugehen und fragen, ob Sie in ihren Wohnzimmern eine Obdachlosenunterkunft aufbauen dürfen. Wie gehen Sie bei der Planung Ihrer Installationen vor?

Man muss zwischen San Francisco und Berlin unterscheiden. Mein damaliger Partner kam aus der US-amerikanischen upper class, und so war die Serie "Living Room" erstmal auch ein autobiografisches Projekt. Es war seltsam für mich, plötzlich in schicke viktorianische Villen eingeladen zu werden. Durch das Erleben dieser amerikanischen Wohnzimmer kam mir die Idee, die Opulenz mit der überall sichtbaren Armut auf den Straßen auf gewaltvolle Weise zusammen zu bringen. Zuerst habe ich einige Bekannte meines Partners überzeugen können, sich auf das Projekt einzulassen und eine Obdachlosenunterkunft in ihrem Zuhause aufbauen zu lassen. Mit den ersten Testfotos habe ich mich dann an Bekannte dieser Bekannten gewandt, und so habe ich mich sozusagen langsam an größere Kreise "herangeschlichen". Ich habe auch einen Brief mit dem Titel "Dear Living Room Owner" geschrieben und den über alle möglichen Kontakte verbreiten lassen. Es hat aber wirklich lange gedauert, bis mir die Leute genug vertraut haben und mich auch "weiterempfohlen" haben. Es ist Beziehungsarbeit.

Was war in Berlin anders?

In Berlin kannte ich schon mehr Menschen, weil ich länger dort gewohnt habe. Das heißt nicht unbedingt, dass ich Kontakt zu einer Gesellschaftsschicht mit riesigen Wohnzimmern hatte, aber ich habe mit einem Netzwerk aus Studienkolleginnen, Professoren oder auch Bildredakteurinnen gearbeitet. In Berlin gab es allerdings plötzlich all die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie. Da war es dann besonders schwierig, Leute zu überzeugen, mich in ihr Haus zu lassen. Ich glaube, die Motivation mitzumachen war bei den meisten entweder ein Interesse an Kunst oder ein sozialpolitisches Bewusstsein - manchmal wahrscheinlich beides. 

Wie geht so ein Aufbau dann vor sich, wenn Sie ein Wohnzimmer gefunden haben?

Mir ist wichtig, dass die Bewohner, ich nenne sie die "Behausten", dabei sind, wenn ich mit den Objekten in ihre Wohnung oder ihr Haus komme. Ich arbeite mit Materialien, die denen der realen Unterkünfte möglichst ähnlich sind - ich nehme den Obdachlosen ja nicht ihr "Haus" weg. Aber ich frage immer alle wohnungslosen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, welche Dinge ihnen wichtig sind und ihre Unterkunft ausmachen. Das sind manchmal sehr spezifische Materialien. Eine Frau hat sich aus Papierkrepp eine "Schutzmauer" gebaut und hat mich dann zu einer Fabrik dirigiert, die immer zu einer bestimmten Zeit ihre Reste entsorgt hat. Manchmal habe ich auch Objekte, die ich nicht finden konnte, gemietet oder den Menschen abgekauft – wie eine spezielle Justin-Bieber-Decke, die es nicht mehr gab. Wenn ich die Schlafstätten dann nachbaue, ist das auch ein performativer Moment. Wenn die Menschen, die in dem großen Wohnzimmer leben, dabei zuschauen, reagieren sie auf das Geschehen - manchmal auch sehr heftig. Das waren nicht nur angenehme Momente, auch für mich nicht. Manche Leute haben sich offenbar sehr unwohl gefühlt. Wir sprechen dann über ihre Gedanken und Gefühle, und manche schreiben sie auch auf. 

Warum diese Inszenierung der shelters in Innenräumen? 

In San Francisco habe ich mich oft in Gegenden bewegt, in denen viele Obdachlose auf der Straße sichtbar sind, und sie sind wirklich überall. Es hat mich schockiert, dass in einem der reichsten Länder der Erde so viel Armut herrscht und diese so offensichtlich in einem krassen Kontrast zum Wohlstand der Menschen steht. Ich wollte eine künstlerische Herangehensweise finden, um diesen Kontrast zu zeigen, deshalb konnte ich die shelters nicht einfach dokumentarisch fotografieren. Mir geht es um die Verschiebung von zwei Welten, die normalerweise versuchen, sehr weit voneinander entfernt zu bleiben. Wer in San Francisco ein Haus besitzt, ist bereits Millionär, und nach meiner Erfahrung versuchen viel home owners, Orte mit viel Armut zu meiden. Erst durch den Aufbau der Unterkünfte in den Wohnzimmern wird deutlich, wie groß diese Wohnräume sind und wie klein die shelters, in denen eine oder zwei Personen leben. 

Was versprechen sich eigentlich die Menschen, die auf der Straße leben, von dem Projekt? Ihre konkrete Lage ändert sich dadurch ja nicht. 

Ich habe im Kontakt mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer deutlich gemacht, dass ich keine Sozialarbeiterin bin, sondern eine Künstlerin. Das Projekt wird ihre Situation nicht ändern, aber vielleicht kann es eine Möglichkeit sein, dem Thema Obdachlosigkeit nochmal eine andere Form von Sichtbarkeit zu geben. Ich glaube, wir sind es alle gewohnt, dokumentarische Fotos von provisorischen Unterkünften oder Reportagen zum Thema Armut zu sehen. Das kennen wir. Meine Hoffnung ist, dass dieses Zusammenführen der verschiedenen Welten ungewöhnliche Bilder schafft, mit denen man sich anders auseinandersetzt. Mein Fokus liegt auf dem Symbol der Behausung, und ich finde es faszinierend, auf wie viele unterschiedliche Arten man sich einen Schutzraum bauen kann. Dieses aktive Element des Gestaltens möchte ich würdigen. Überwiegend hatte ich sehr positive Reaktionen von den wohnungslosen Menschen. Es gab viel mehr, die mitmachen wollten als ich Wohnzimmer gefunden habe. Mein Eindruck war, dass sich die Menschen in dem wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen, wie sie sich ihre Unterkunft schaffen und ihr Wissen einsetzen. Mit den meisten bin ich lange in Kontakt, und die Behausungen ändern sich auch ständig. Manche fanden die Vorstellung seltsam, dass ich ihre Unterkünfte wieder aufbauen will, andere hatten sofort Ideen dazu. Allgemein habe ich ein großes Interesse gespürt, mitzumachen. 

Die Künstlerin Martha Rosler hat in ihrer Serie "Bringing The War Home" Szenen des Vietnam- und des Irakkriegs in Bilder von hübschen Einfamilienhäusern montiert. Sie wollte damit den oft zementierten Gegensatz zwischen der Sicherheit der eigenen vier Wände und dem Weltgeschehen "draußen" aufheben. Geht Ihre Idee in dieselbe Richtung?

Ja, und ich glaube auch, dass die Arbeit deshalb eine große Resonanz hat, nicht nur in der Kunstwelt. Die meisten Menschen, die nicht auf der Straße leben, haben einen Ort, den sie "Wohnzimmer“ nennen, und vielen ist dieser Raum heilig. Wenn dort plötzlich die gesellschaftliche Realität einbricht, macht das etwas mit den Menschen. Mir geht es aber gar nicht darum, mit dem Finger auf Einzelne zu zeigen und zu sagen: Du bist reich! Die Wohnzimmer stehen für mich stellvertretend für das System des Kapitalismus und das Gefälle zwischen Arm und Reich. 

Im Kontext von Kunst sind wir darauf trainiert, genau hinzusehen, im Alltag schaut man oft eher betreten weg, wenn man an Lagern von Wohnungslosen vorbeigeht. Machen Sie sich diesen Gegensatz zunutze?

Ja, die Menschen, die sich auf das Projekt eingelassen haben, haben sich gewissermaßen verpflichtet, hinzuschauen. Meine Bedingung war: Sie sind bei dem Aufbau des shelters in ihrem Wohnzimmer dabei und dürfen auch Objekte ins Bild rücken oder aus dem Bild herausnehmen. 

Aber ist dieses Hinschauen nicht auch voyeuristisch?

Ich verstehe, dass das Projekt als Provokation oder als voyeuristisch aufgefasst werden kann. Aber das wäre es auch, wenn ich dokumentarisch arbeiten würde. Sobald ich eine Kamera in die Hand nehme und sie auf etwas richte, das mit Menschen in Not zu tun hat, ist das in gewissem Sinne Voyeurismus. Das liegt im Medium selbst.

Sich im Wohnzimmer einen Unterschlupf bauen ist auch etwas, was Kinder tun. Hatten Sie Bedenken, dass die provisorischen Unterkünfte in den edlen Räumen zu "niedlich" aussehen?

Manchmal lesen die Leute die Bauten als Kinderhöhlen, wenn sie noch nichts über die Arbeiten wissen. Ich finde das ok, und spiele auch ein bisschen damit. Das ist ja das Traurige: Jedes Kind baut sich Höhlen, und wir erinnern uns alle an diese Spiele, aber genau solche Konstruktionen in dieser Größe bauen auch Menschen aus Not auf der Straße, um darin zu leben.

Gibt es Unterschiede zwischen den Behausungen in San Francisco und Berlin?

San Francisco ist trockener und wärmer, deshalb benutzen viele Menschen Materialien wie Papier und Kartons. In Berlin müssen die Behausungen wetterfester sein und unterscheiden sich im Sommer und im Winter stärker. Man muss mehr auf Wetterwechsel reagieren. Aber auch die Orte, wo Menschen ihre Unterkünfte aufbauen, sind anders. Die etwas permanenteren Schutzräume sind in Berlin versteckt, weil man in Deutschland schneller vom Ordnungsamt oder der Polizei verjagt wird. In San Francisco ist die Zahl der Obdachlosen nochmal so viel höher, dass sie extrem sichtbar sind. In Berlin nimmt das Problem ebenfalls zu, ist aber doch verborgener. 

In der Corona-Krise war das Zuhausebleiben plötzlich angeordnet, und viele haben ihre eigenen Wohnungen oder Häuser noch einmal viel intensiver kennengelernt. Haben wir darüber die vergessen, die kein Zuhause haben?

Ich habe in den Lockdown-Phasen viel Zeit mit Obdachlosen verbracht und dabei festgestellt, dass sich viele von der Gesellschaft vergessen gefühlt haben. Absurderweise wurden in dieser Zeit ja auch Angebote für Wohnungslose reduziert oder eingestellt. Es wurde also noch viel mühsamer für diese Menschen, weil ihr Netzwerk zusammengebrochen ist. Auch Geldverdienen wird schwieriger, wenn wenige Menschen unterwegs sind und man zum Beispiel keine Flaschen sammeln kann. Außerdem haben viele Menschen Angst, sich anzustecken, weil sie sich nicht so einfach isolieren oder eine Tür hinter sich zumachen können. Durch die Pandemie hat das Projekt noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Haben sich die Besitzer der Wohnzimmer und die Bewohner der provisorischen Unterkünfte eigentlich mal getroffen?    

In meiner Ausstellung in San Francisco war es so, ja. Ich lade immer alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den Präsentationen ein. Ich fand das einen spannenden Moment, weil beide vor dem Bild standen und plötzlich auf einer Ebene waren. In Berlin kam leider niemand von den Obdachlosen zur Eröffnung im Haus am Kleistpark. Ich glaube, es gibt doch eine große Hürde, einen Kunstraum zu betreten, viele fühlen sich dort ausgeschlossen. Deshalb bin ich froh, dass eines meiner Bilder auch im öffentlichen Raum an der Potsdamer Straße zu sehen sein wird.