Die Ideen-Kolumne

Keine Eier sind auch keine Lösung

Monopol-Kolumnist Friedrich von Borries spricht mit den Designerinnen Gesche Joost, Matylda Krzykowski und dem Designer Jesko Fezer über unerfüllte Lebensträume und "Projekteritis"

Haben Sie sich auch schon immer mal gefragt, ob das Ei bereits seine perfekte Form gefunden hat oder ob die Natur da doch ein Stück daneben lag? Wie also sähe das perfekt gestaltete Designer-Ei aus? Und obwohl ich für dieses "Ungelegte Ei" drei Designer:innen eingeladen hatte, haben wir uns nicht über derartige Gestaltungsfragen ausgetauscht, was auch damit zu tun hat, dass die drei ein ganz anderes Selbstverständnis haben, als es Designer:innen meist zugeschrieben wird.

Gesche Joost, Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin, wollte eigentlich Architektin werden, aber weil sie kein räumliches Vorstellungsvermögen besitzt, hat sie dann doch Kommunikationsdesign studiert. Weil sie weniger kreativ als vielmehr analytisch unterwegs ist, hat sie sich der Wissenschaft zugewandt, um neue Wege zwischen Gestaltung und Forschung zu entwerfen.

Die Designerin und Kuratorin Matylda Krzykowski, die unter anderem als Mitbegründerin und künstlerische Leiterin des Depot Basel bekannt geworden ist, würde am liebsten einen Eisladen leiten. Eigentlich wollte sie Tänzerin werden, und der Eisladen entpuppt sich im Gespräch als Metapher für das, was Kern ihrer Arbeit ist: Räume für soziale Interaktionen zu gestalten, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Interessen zusammenkommen. Gerade bereitet sie für die Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel einen neuen Ausstellungs- und Diskursraum namens CIVIC.

Mein dritter Gast, Jesko Fezer, Professor für experimentelles Design an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, hat Architektur studiert, aber weil er die dort erwartete Form von Architektur "eh nicht konnte", sich als Student im künstlerischen Feld bewegt und danach erstmal in Berlin den Buchladen Pro qm eröffnet. Vielleicht ist Design ein Sammelbecken für all jene, die nicht genau wissen, in welche Bahnen sie ihre Kreativität lenken sollen.

Jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie des Kunstbetriebs

Aber nun zu den ungelegten Eiern. Matylda Krzykowski möchte ein Theaterstück schreiben, das sich mit postmigrantischer Identität auseinandersetzt; also auch ihrer eigenen Geschichte. Am Theaterstück reizt sie, dass man für die Dauer des Stücks die Zuschauende in eine andere Realität entführen kann. Gesche Joost möchte die Kunsthochschule neu erfinden, zu einem Ort weiterentwickeln, an dem Menschen nicht-hierarchisch und in vielen unterschiedlichen Phasen des Lebens mit- und voneinander lernen und sich dabei weiterentwickeln können. Und Jesko Fezer? Er möchte keine Eier mehr legen.

Die Gründe dafür sind mehrschichtig. Zum einen stört ihn inzwischen die beständige Vermischung von Privatem und Beruflichem, in dem jede Beziehung in Projekten verwertet wird. Außerdem stößt seine bisherige Vorgehensweise auch inhaltlich an Grenzen. Bislang hat er Formate entwickelt, in denen er gesellschaftspolitische Fragen aus gestalterischer Perspektive verhandeln konnte. Aber inzwischen hat er den Eindruck, dass einige drängende Fragen der Zeit – wie zum Beispiel den Krieg in der Ukraine – nicht sinnvoll von Gestalter:innen verhandelt werden können. Statt weiter Eier zu legen, will er in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld mehr Verantwortung übernehmen – politisches Engagement nicht im symbolischen Raum, sondern im unmittelbaren Alltag, jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie des Kunst-, Design- und Architekturbetriebs.

Wir reden im Anschluss viel über "Projekteritis" und über die Verweigerungshaltung von Herman Melvilles Bartleby. "Ein ungelegtes Ei", so meinte etwa Gesche Joost, "wäre, endlich mal nicht dauernd funktionieren zu müssen." Und Matylda Krzykowski berichtet von einem Aufenthalt in Andrea Zittels "Institute for Investigative Living" in der kalifornischen Wüste, in der man in temporären Gemeinschaft zusammenlebt. Dort hat sie gelernt, dass regelmäßige gemeinsame Arbeitsroutinen nicht nur Gelassenheit und Zufriedenheit ermöglichen, sondern auch die Möglichkeit, ungezwungen Nähe und intensive Gespräche zu ermöglichen.

Lasst uns eine Lehr-Revolution starten!

Auch gemeinsames Essen ermöglicht Intensität und ungezwungene Nähe, und ich habe von den ungelegten Eiern meiner drei Gäste viel gelernt. Während ich diesen Text schreibe, rollt die Hitzewelle über Europa, und ich denke mir: Ja, her mit dem Eisladen, unbedingt. Als sozialer Begegnungsort, aber auch einfach zur Abkühlung. Wie jeden Sommer bereite ich meine Seminare für das Wintersemester vor und denke mir: Ja, lasst uns eine Lehr-Revolution starten und Hochschule neu denken. Dies also als Appell an alle, die an Kunst-, Design- oder Architekturhochschulen lehren und Lust haben, etwas neues auf die Wege zu bringen: Meldet Euch!

Und schließlich denke ich über mein Leben nach. In jeder Einladung zu "ungelegten Eiern" mische ich Privates und Berufliches, mache aus der Idee, Freunde und Bekannte zum Essen einzuladen, ein "Projekt". Klar, ein Leben, dass nur noch aus "Projekten" besteht, ist nicht erstrebenswert. Denn das kann zu einer Mischung aus Leere und Erschöpfung führen, eine Erfahrung, die ich selbst gut kenne. Aber gar keine Projekte, in die man mit Leidenschaft und Entgrenzung seine Energie steckt, sind doch auch keine Lösung?