Modedesignerin Nina Hollein

"Man muss auch eine gewisse Extravaganz spüren"

Entwurf von Nina Hollein aus der neuen Kollektion
Courtesy: Nina Hollein

Entwurf von Nina Hollein aus der neuen Kollektion

Die Modedesignerin Nina Hollein zeigt ihre neue Kollektion gemeinsam mit Kunstwerken ihres Bruders, dem Wiener Maler Philipp Schweiger, in Frankfurt am Main. Ein Gespräch über nachhaltige Kleidung, die Met-Gala und ihr Kleid zur Ehren von Beuys

Ihre Damengarderobe ist visuell sehr lustvoll und skulptural. Denken Sie beim Entwerfen an bestimmte Anlässe?

Meistens denke ich an bestimmte Lebenssituationen und gehe dann von mir selbst aus, wie ich mich darin am besten fühlen würde. So sind viele Kleider entstanden, die man vielfach kombinieren und auf verschiedene Arten tragen kann: sowohl leger als auch elegant, sowohl bedeckt als auch auffällig. Bestimmte Kleider und Kostüme entwerfe ich für spezielle Anlässe, Kostüme für einen Kunstfilm, Bühnenoutfits für eine Musikerin, Abendkleider für eine Gala, oder ein Kleid als Objekt zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys.

Ein dunkelblaues kurzes Kleid, das hauptsächlich aus Taschen besteht.

Beuys‘ Anglerweste ist eine klare Referenz, aber es ist auch ein Kleid, das getragen tolle Schultern macht, ein bisschen wie eine Rüstung. 

Denken Sie beim Entwerfen an spezielle Frauen?

Hier in New York und speziell in der Kunstszene ist man von starken, eigenwilligen und stilbewussten Frauen geradezu umringt. Ich brauche also nur mit offenen Augen durch die Gegend zu laufen. Mich inspirieren alle Frauen, die den Mut haben, nicht immer nur mit dem Strom zu schwimmen. Damit meine ich nicht nur Massenware, sondern auch angesagte Luxusmarken! Mein letztes Shooting habe ich mit Lisa Spellman, der Gründerin der 303 Gallery, als "Muse" gemacht. Sie ist nicht nur New York "art world royalty", sondern auch ein natürlicher Typ und sehr selbstbewusst.

Der "Suit Up Collection" liegen konzeptuelle Überlegungen zugrunde, aber sie ist auch verspielt, oder? Wie äußert sich welcher Anteil und was ist für Sie wichtiger?

Mir ist der Anspruch wichtig, dass der ethische Hintergrund eines Kleidungsstückes richtig und vernünftig ist. Nachhaltigkeit und Upcycling sind enorm relevant. Das ist aber nicht genug für ein starkes Modestatement. Man muss auch eine gewisse Lust und Extravaganz verspüren, die Mode für mich auslösen kann. Deshalb habe ich versucht, besondere Stücke hervorzubringen und den ökologischen Aspekt in etwas ästhetisch Spannendes, Unerwartetes, vielleicht auch Verspieltes zu entwickeln.

Ihr Ansatz ist dekonstruktivistisch - zum Beispiel bei einem Jackett, das in der Mitte zweigeteilt wird und daraus eine kurze Jacke und ein kurzer Rock wird. Sie recyclen Anzüge?

So ist es, ich liebe ja Herrenanzüge und all die Details wie Revers, Taschenklappen und Innentaschen. Da kam mir die Idee, sie zu sezieren und aus den besten Versatzstücken Damenmode zu machen. Es sind auch sehr große Kleider entstanden, die im Gegensatz zum oft langweiligen Herrenanzug deutlich mehr Glamour und Lebensfreude versprühen!

Es gibt auch lange fließende Kleider in sehr auffälligen Farben, aus was setzen sie sich zusammen?

Es sind bodenlange One-Size-Seidenkleider, die ich aus rechteckigen Restposten zusammengesetzt habe – wie ein überdimensionales, geometrisches Patchwork. Jedes Kleid ist ein Einzelstück und hat durch die Zero-Waste-Produktion seinen eigenen Farbkanon. Mir ist erst im Nachhinein bewusst geworden, dass die Farbauswahl sofort an bestimmte Kunstwerke erinnert, von Bauhaus über Mondrian bis Ellsworth Kelly. Für den Herbst plane ich eine eigene Kollektion mit nur diesen Kleidern in verschiedenen Ausführungen.

Ich erinnere mich an die Mode und Accessoires, die Sie früher aus traditionellen österreichischen Gebrauchstextilien gemacht haben. Ist Ihnen das Weiterverarbeiten von etwas Bestehendem ein Anliegen?

Ich kannte die Geschirrtuchstoffe aus den kleinen, regionalen Webereien meiner Heimat in Oberösterreich, die leider nach und nach wegsterben. Ich habe mir die alten Musterbücher mit Karos und Borten angesehen und fand die Stoffe einfach wunderschön und auch angenehm zu tragen – und habe sie so als Grundlage für eine meiner ersten Kollektionen verwendet. Nachhaltigkeit bezieht sich ja nicht nur auf ökologische und soziale Aspekte. Man kann auch versuchen, ein traditionelles regionales Kulturgut zu bewahren und etwas Neues daraus zu machen. 

Ist es einfacher, mit einer solchen Vorgabe zu arbeiten, oder schwerer?

Wenn man etwas aus seinem ursprünglichen Kontext hebt, wird es schwierig, nicht gleich in eine plakative oder gar kitschige Geste zu verfallen. Das Produkt muss am Ende gut aussehen und funktionieren, und nicht bloß "witzig" sein. Das gilt für ein Kleid aus Geschirrtuchstoff ebenso wie für eines aus recycelten Herrenanzügen.  

Ich muss Sie leider nach der Met-Gala fragen, der großen New Yorker Modegala im Metropolitan Museum. Der Traum fast jeder Frau, die ich kenne, und einiger Männer. Interessiert es Sie, inspiriert es Sie, nehmen Sie teil?

Die letzte Met Gala 2019 zum Thema Camp war ein einziges berauschendes Erlebnis. Mein gigantisches Kleid aus buntem Tüll habe ich nicht nur selbst entworfen, sondern auch selber genäht, damit war ich bestimmt die einzige dort. Ich war schon ziemlich aufgeregt vor der Gala, ganz im Gegenteil zu meinem Mann, Max Hollein, der sich erst am Vortag seinen Anzug zurechtgelegt hatte. Die Realität, das muss ich zugeben, hat dann all meine Erwartungen noch bei weitem übertroffen. Und ja, ich denke auch mein Kleid ist inmitten des Trubels und der vielen faszinierenden Ensembles durchaus aufgefallen und ist auch gut angekommen.

Erinnern Sie sich an ein Mode-Erweckungserlebnis, das Sie geprägt hat?

Als Kind wollte ich einmal eine Hose für meine Puppe nähen. Nach mühsamen Abmessungen habe ich dann ein langes Hosenbein an ein zweites genäht, längsseitig. Herausgekommen ist ein perfektes Doppelrohr, aber als Hose vollkommen ungeeignet. Damals ist mir erstmals gedämmert, dass Kleidungstücke komplexe, dreidimensionale Körper sind. 

Erinnern Sie sich an ein besonderes Kleidungsstück, das schon früh eine besondere Anziehungskraft auf sie ausgeübt hat?

Alles, was ich im Kleiderschrank meiner Mutter finden konnte.