Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit

Auf der Suchen nach Helden

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Viele Kritiker haben Philipp Ruchs politisches Manifest "Wenn nicht wir, wer dann?" mit großer Geste verrissen und griffen den Vordenker des Künstlerkollektivs Zentrum für Politische Schönheit persönlich an. Ist die Wut gerechtfertigt?

In dieser Woche unterhielten sich Philipp Ruch und Bernd Stegemann in einer kleinen Berliner Theaterbuchhandlung. Philipp Ruch ist der Gründer des Zentrum für politische Schönheit und Stegemann Dramaturg der Schaubühne und der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Eigentlich sollte Ruch aus seinem sogenannten politischen Manifest "Wenn nicht wir, wer dann?" vorlesen, aber daraus wurde nichts. Es gab Wichtigeres zu besprechen, die uneingeschränkte Kritik an Ruchs Buch etwa, außerdem die Politik der Bundesrepublik, um die es unter anderem in diesem beschimpften Buch geht, und um die Frage, was der einzelne tut und lässt, wenn es um Flüchtlinge geht, vor allem aber, was er mitunter: denkt.

Fassen wir noch einmal kurz zusammen, was bisher geschah. Seit November liegt Ruchs Buch in den Buchhandlungen und seitdem übertreffen sich die Rezensenten in ihrer Wut auf seine Inhalte. Ruch wurde nicht nur Antimodernismus vorgeworfen und diktatorische Absichten unterstellt, nein, seine Gegner halten ihn für einen gekränkten Psychologensohn und sein Buch als dessen Coming-Out. Wären diese Interpretationen nicht so radikal, müsste man über sie lachen (so persönlich wird es schließlich selten im deutschen Feuilleton). Angesichts einiger herbeizitierten und angeblichen Vorbilder für Ruchs Denken musste man sich jedoch ernsthaft wundern: Wie um Himmels Willen kommt jemand darauf, Philipp Ruch mit Hans Sedlmayr, einem österreichischen Kunsthistoriker und aktiven NSDAP-Mitglied, zu vergleichen?

Das Künstlerkollektiv Zentrum für politische Schönheit hat Menschen in Berlin beerdigt, die außerhalb des Blickfelds seiner Bewohner an den Außengrenzen sterben, es hinterfragt Rüstungsexporte, entlarvt die Begeisterungsfähigkeit für Tierbabys als Blindheit gegenüber politischen Realitäten, es unterstützt Rollenspiele, für die man einmal aus seiner Gegenwart aussteigen soll, um Rechenschaft über das eigene Handeln abzulegen. Wie kann man einem seiner Mitglieder "Allmachtsfantasien" unterstellen?

Ruch macht sich auf knapp 200 Seiten auf die Suche nach "toxischen Ideen", die unser Denken konstituieren, das wiederum unser Handeln prägt. Dieser grundlegenden Annahme widerspricht niemand, wohl aber der Namen, die Ruch zur Verantwortung zieht. Neben den Naturwissenschaften wirft er vor allem Sigmund Freud einen Hang zum Determinismus vor, der den Menschen seiner Freiheit, vor allem aber seiner visionären Kraft berauben würde: Wer sich nur mit der Vergangenheit und dessen Einfluss auf unsere Psyche Gedanken macht, blickt weder in die Zukunft noch sieht er, welche Handlungsmöglichkeiten ihm offen stehen, so in etwa die Argumentation.

Zugleich kritisiert er die damit einhergehende Sprachregelung, die einer Transformation des Denkens gleichkomme: Wer nur noch über die Psyche redet, vergisst die Seele, wer Gefühle gleichwertig analysiert, vergisst die moralische Ordnung, die dem Mut und der Tapferkeit beispielsweise einen höheren Wert zuschreibt als der Angst.

Ähnlich vehement macht Ruch Schluss mit der von der praktischen Philosophie gesetzten Opposition aus Individuum und Gesellschaft, die wie Freud den Menschen in die Isolation treibe: Wer glaubt, die anderen stellten eine Bedrohung dar, die das Individuum aus seinem glücklichen Naturzustand herausrissen und in einen "Krieg aller gegen alle" führten, wird sie auch als solche behandeln.

Nun kann man Ruch all das zum Vorwurf machen, seine Sprache geschwollen finden, ihn als Liebhaber der Antike beschreiben und ihm Feindbilder unterstellen, die bekanntlich jede differenzierte Analyse unmöglich macht. Und man hätte vermutlich sogar Recht damit. Die noch recht junge Erforschung der Emotionen in etwa durch die Natur- und Humanwissenschaften kommt einer Revolution gleich, schaut man sich an, welche Verbote unserer Väter-Generation erteilt wurden. Auch würde niemand bestreiten, dass Psychotherapien sich konstruktiv auf das Bewusstsein von traumatisierten Patienten auswirkt. Zugleich übersieht man in dieser einseitigen Sicht jedoch die Qualitäten dieses Buches.

Interessant ist, dass Ruch die Kritik an seinem Buch an vielen Stellen antizipiert: Was Menschen denken, legt ihre Biografie fest. Die biografische Lesart aber entwertet dieses Denken, so Ruch. Genau diesem Impuls gibt derjenige nach, der in Ruch den Psychologensohn sieht. Auch weiß Ruch um die Furcht vor Größe, Bedeutung, Stärke: "Unser Horror vor Größenwahn und maßlosen Forderungen hat einen Namen: Adolf Hitler." Trotzdem schreckt er nicht davor zurück, diese mit großer Emphase zu fordern und zuzugeben, dass er Vorbilder, ja Helden vermisst, die nicht alles klein reden, sondern ethisch denken und auch danach handeln. Das begründet das ästhetische Programm des Zentrum für politische Schönheit. Wenn man bedenkt, dass Ruch das Buch vor Merkels Willkommensbotschaft "Wir schaffen das" und dem zivilgesellschaftlichen Engagement gegenüber Flüchtlingen verfasste, muss man fragen: Ist das ein Verbrechen?

"Wir leben in Saus und Braus, aber keiner ist bereit, den Preis dafür zu bezahlen", schreibt Ruch. Der Wohlstand des einen basiert auf dem Leid des anderen. Gerechtfertigt werde dieser Status quo in der Beschwörung von politischer Einheit und Harmonie. Und begründet von Gemütern, die ihr Glück im privaten Bereich suchen, der abgesichert werde müsse. Gemütern, die im Reich der "toxischen Ideen" glauben, dass sie keinen Unterschied machen, dass sie nicht aus der Reihe tanzen sollen, ja, dass im Angesicht kultureller Vielfalt und postmoderner Ironie ihre eigenen Werte relativ sind und sie sich deshalb auch nicht öffentlich für sie einsetzen müssen. Genau das aber fordert Ruch.

Die Schlagwörter heißen "aggressiver Humanismus" und "politische Schönheit" und meinen genau das: Im Sinne der Menschlichkeit gilt es den Tod unzähliger Syrer zu verhindern, die EU-Außengrenzen offen zu halten, Flüchtlinge in Flugzeuge steigen zu lassen, und dafür das Risiko in Kauf zu nehmen, die innenpolitische Harmonie zu gefährden. Das macht Angst: Im Publikum der Theaterbuchhandlung sitzt eine Frau, die das Nachkriegsdeutschland erlebt hat und mit Sorge auf die Ereignisse der Silvesternacht in Köln schaut. Auf das Diktum "Nie wieder Krieg" antwortet Ruch "Nie wieder Auschwitz".

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