Ukraine-Krieg

Das Ende der Hyperrealität?

Demonstration auf dem New Yorker Times Square gegen die russische Invasion in der Ukraine
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Demonstration auf dem New Yorker Times Square gegen die russische Invasion in der Ukraine

Die bürgerliche Mittelschicht im Westen hat die vergangenen Jahre mit Zeichenspielen verbracht, Gewalt war ins Symbolische ausgelagert. Der Ukraine-Krieg ist ein Realitätsschock - aber auch der scheint hierzulande nicht durchzudringen. Ein Beitrag von Theresa Schouwink, Redakteurin des "Philosophie Magazins"

Die bürgerliche Mittelschicht im Westen hat die letzten Jahrzehnte zunehmend in der Hyperrealität gelebt. Zeichen und Geldströme zirkulierten frei, ungehindert durch Bindungen an die Wirklichkeit. Die digitale Welt legte sich über die analoge und man bereitete sich auf den Übergang ins Metaverse vor. Es war die Zeit der Postfaktizität, der Bullshit-Jobs und der Personality. Auch die Gewalt war ausgelagert in den Bereich des Symbolischen: Im Kampf um Aufmerksamkeit ging es um die Fabrikation einer individuellen Persönlichkeit durch gezielten Konsum oder Verzicht, im Kampf um Gerechtigkeit um die adäquate Repräsentation in der Sprache. Gesellschaftliche Konflikte wurden zu medialen Diskursen mit Profilierungsmöglichkeiten für Journalisten. In der unerträglichen Leichtigkeit der Hyperrealität war vermeintlich alles möglich und das Schicksal ausgeschaltet. 

Der Krieg in der Ukraine ruft die Bedeutung dessen in Erinnerung, was von der Hyperrealität tendenziell ausgeschlossen wird: Der Tod, die Gewalt, die Grenze, der Körper. In seinem Essay "Die Kriege des 20. Jahrhunderts und das 20. Jahrhundert als Krieg" beschreibt der tschechoslowakische Phänomenologe Jan Patočka "die Front" als existenzielle Realitätskonfrontation. Die Zeichenspiele und Codes, die den spätmodernen Alltag bestimmen, fallen im Fronterlebnis in sich zusammen. Karriere und Reputation, Ansehen und Fortkommen verlieren in der Bedrohungssituation ihre Bedeutung. In weite Ferne rücken die Ideologien von Fortschritt, von Liberalismus oder Sozialismus. Die Durchtrennung der gewöhnlichen Sinnzusammenhänge betrifft selbst die Wahrnehmung der Umgebung. In ihr sieht der Soldat nicht mehr zum Beispiel Häuser, "sondern das, was sie zu einem gegebenen Augenblick sein könnten, Unterstände etwa oder Stützpunkte". Die Front, so Patočka, bedeutet für die Soldaten eine fundamentale Sinnkrise. Sie werden in eine reine Gegenwärtigkeit, auf ihre Körperlichkeit und das nackte Sein zurückgeworfen.

Patočka betont, dass der Frontkrieg "schrecklich" ist, "und jeder in den Schützengräben (…) ungeduldig seine Ablösung" erwartet. Und doch sei er auch etwas "tiefgründig und rätselhaft Positives", das ein "überwältigendes Gefühl von Sinnfülle" erzeugen könne. Die Sinnfülle ergibt sich nicht aus der Gewalt und dem Töten. Sie resultiert gerade aus der beschriebenen Sinnkrise: Wie in Heideggers Bestimmung der Angst erweisen sich an der Front die durch Öffentlichkeit und Medien vorgegeben Sinnzusammenhänge als irreal. Die Menschen sind konfrontiert mit der Realität ihrer Endlichkeit und der Aufgabe der Sinnfindung.

Solidarität der Erschütterten

Anders als die von Heidegger beschriebene Angst ist die Front bei Patočka keine vereinzelnde Erfahrung. Gerade weil das Fronterlebnis das Individuum mit seiner Verletzlichkeit konfrontiert, verweist es auf die absolute Abhängigkeit von anderen. Die gemeinsam durchgemachte Sinnkrise enthält für Patočka den Keim einer "Solidarität der Erschütterten": "Die Solidarität derer, die zu verstehen imstande sind, um was es im Leben und Tod und folglich in der Geschichte geht; die verstehen, dass die Geschichte dieser Konflikt zwischen einem bloßen nackten Leben, das von Angst gefesselt ist, und einem Leben auf dem Gipfel ist, das den zukünftigen Alltag nicht plant, sondern klar sieht, dass der Alltag und das ihm zugehörige Leben und der ihm zugehörige 'Frieden' ein Ende haben werden."

Patočka sieht in der Solidarität der Erschütterten ein Widerstandspotenzial gegen jenen faulen Frieden, in dem techno-wissenschaftliche Aufrüstung und politische Fortschrittsideologien das Vorgehen diktieren und in dem der Einzelne nur eine statistische Größe ist. Ein Frieden, der schließlich immer wieder in den Krieg mündet. Wirklicher Frieden kann sich hingegen nur aus dem Zusammenhalt der Erschütterten ergeben. Ihre Verbundenheit gründet nicht in positiven Ideologien oder Programmen, sondern nur in der "Fähigkeit, 'nein' zu sagen zu allen Mobilisierungsmaßnahmen, die den Kriegszustand verewigen". Gleich dem daimonion des Sokrates spricht diese Solidarität "in Warnungen und Verboten". Solchermaßen könne sie zu "einer geistigen Macht werden, welche die kriegführende Welt dazu drängt, sich einzuschränken, und so bestimmte Handlungen und Maßnahmen unmöglich macht."

Das Kriegserlebnis durchbricht also die Hyperrealität und hat das Potenzial eines heilsamen Realitätsschocks, der die Erschütterten vereint. Was aber bedeutet das für uns im Westen, die wir nicht an der Front sind, ja überhaupt nicht direkt vom Krieg betroffen? Bei Patočka ist die Fronterfahrung sowohl wörtlich zu verstehen als auch in einem weiteren Sinne – als geteilte existenzielle Verunsicherung, die die Bequemlichkeit des Alltags durchbricht. Es ist möglich, ein Fronterlebnis zu haben, ohne an der Front zu sein; ebenso ist es möglich, an der Front zu sein, ohne ein Fronterlebnis zu haben.

Patočka selbst kämpfte nie an der Front, wurde aber von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit beordert und später vom kommunistischen Regime gegängelt, seines Lehrstuhls enthoben und der Publikationsmöglichkeiten beraubt. Erst 1977 entschloss er sich zum offenen Widerstand und gehörte mit Václav Havel und Jiří Hájek zu den Erstunterzeichnern der Charta 77. Wenig später starb er an den Folgen von Verhören durch die Staatssicherheit.

Idealisierung des Krieges

Auch hierzulande haben wohl manche die Ausläufer der Schockwelle des Ukraine-Kriegs gespürt und eine leise Ahnung vom Fronterlebnis bekommen – durch die Begegnung mit Geflüchteten oder allein durch die Tatsache, dass es Krieg in Europa gibt. Zugleich aber erleben wir den Krieg in erster Linie medial vermittelt. Er wird dadurch tendenziell von der Sphäre der Hyperrealität absorbiert. Das verbindet den Krieg mit der Coronakrise. Statt einer Konfrontation mit Leiden und Sterben brachte sie für viele vor allem symbolische Kämpfe.

Auch aus dem Krieg gehen neue Zeichenspiele und Möglichkeiten der Profilierung hervor. Die Menschen staffieren ihre Identitäten frisch aus, etwa mit ukrainischer Flagge und Ferntraumatisierung. Auf TikTok generieren Kriegsvideos, von denen viele gefälscht sind, Millionen Views. Die Irrealisierung des Krieges ist jedoch eine reale Gefahr. Durch sie lässt sich leichthin und ohne Bewusstsein für die Konsequenzen in Talkshows fordern, "den Himmel über der Ukraine zu schließen". Den Krieg verewigen jene, so Patočka, denen die Erschütterung durch die Realität fremd ist.