Tipps und Termine:

Wohin am Wochenende?

Wolfgang Tillmans "Smokin' Jo", 1995
Foto: Image courtesy of the artist, David Zwirner, New York / Hong Kong, Galerie Buchholz, Berlin / Cologne, Maureen Paley, London

Wolfgang Tillmans "Smokin' Jo", 1995

Die Kunst der Woche in Basel, Berlin, Bern, Istanbul, Kaunas, Kassel, Koblenz, Köln, Lyon, Mailand, New York, Potsdam und Wiesbaden
 

Kunstgeschichte des Abfalls in Basel

Jean Tinguely baute seine kinetischen Skulpturen meist aus Schrott und Gefundenem. Dass es inzwischen für dies Tätigkeit Begriffe wie "künstlerisches Upcycling" gibt, zeigt, dass Abfall eine wachsende Bedeutung zukommt. Zwar begegnen uns in Europa selten Müllberge - wie es zu Tinguelys Zeiten der Fall gewesen sein muss. Dafür wird unser für unbrauchbar Erklärtes nun, inklusiver Schwermetallen und anderer gefährlicher Stoffe, in andere Länder geschifft und ist damit Zeuge und Teil von kolonialer Ausbeutungsgschichte.

Die Ausstellung "Territories of Waste", die nun im Tinguely Museum eröffnet, zeichnet eine Kunstgeschichte des Abfalls und zeigt, dass die Beschäftigung mit Weggeworfenem und Ökologie schon lange ein fester Bestandteil künstlerischer Praxis war und ist. In der Ausstellung erscheinen Arbeiten von Joseph Beuys oder Agnes Denes vor dem Hintergrund des Anthropozäns genauso aktuell wie zum Beispiel das zeitgenössische Video von Hira Nabi. Hier können Sie mehr über die Ausstellung erfahren.

"Territories of Waste", Museum Tinguely, Basel, bis 8. Januar 2023

Hira Nabi "All That Perishes at the Edge of Land", 2019, Filmstill 
Foto: Copyright und Courtesy Hira Nabi

Hira Nabi "All That Perishes at the Edge of Land", 2019, Filmstill 


Art Week in Berlin

Mit der Art Week steht Berlin inmitten von Tagen mit einem vollgepackten Kunstprogramm. An rund 150 Orten der Hauptstadt präsentieren gut 50 beteiligte Institutionen wie Museen und Galerien bis Sonntag etwa 300 Ausstellungen. Den zentralen Anlaufpunkt bildet bei dieser elften Ausgabe der Art Week das Gelände der Uferhallen im Stadtteil Moabit.

Dort haben zahlreiche Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers. Etwa auch Maria Eichhorn, die in diesem Jahr den Deutschen Pavillon für die Biennale in Venedig gestaltet hat. Zur Art Week hat sie ihre 1995 erstmals gezeigte Plakatwand mit sieben Motiven politischer Initiativen aktualisiert. Rosa Barba hat eines der alten Werkstore in eine Soundinstallation verwandelt, über die sie Geräusche, Klänge und Töne aus ihrem Atelier in die Außenwelt überträgt.

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat zwei ihrer Kollagen aus ausgeschnittenen Wörtern, die sie sonst in eigenständigen Bänden veröffentlicht, als "Fabrikhof 1+2" auf zwei Werkstore montieren lassen. In der großen Halle setzt sich die Gruppenausstellung "On Equal Terms" mit der Verdrängung von künstlerischen Freiräumen auseinander. Die Zukunft von Uferhallen und Ateliers als Kultur- und Kunststandort ist den Angaben zufolge weiter ungewiss.

Im Gropius Bau eröffnet zur Art Week die Ausstellung "Yoyi! Care, Repair, Heal" (Fürsorge, Reparatur, Heilung). Dort wurden 26 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit Themen wie Politisierung von Gesundheit, der Widerstandsfähigkeit indigener Wissenssysteme, gerechte Landnutzung und -verteilung oder der Dekolonisation auseinanderzusetzen.

Die Positions Berlin Art Fair versammelt in zwei Hangars des alten Flughafens Tempelhof 88 Galerien aus 20 Ländern mit rund 400 künstlerische Positionen. Mit Tegel wird auch der zweite ehemalige Flughafen während der Art Week mit Kunst bespielt. Dort ist "Departure: Räume III " im früheren Frachtbereich zu sehen.

Arbeiten der palästinensisch-britischen Künstlerin Mona Hatoum sind in einer großen Überblicksausstellung an gleich drei Orten zu sehen im Neuen Berliner Kunstverein, dem Georg Kolbe Museum und dem Kindl, Zentrum für zeitgenössische Kunst.

Die Neue Nationalgalerie zeigt in der oberen Halle "Huddle", eine Performance der US-Künstlerin und -Choreografin Simone Forti aus dem Jahr 1961. Der Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - präsentiert mit "Nothing left to be" die erste Einzelausstellung in Europa des US-amerikanischen Künstlers Cameron Clayborn. (dpa)

Berlin Art Week, verschiedene Orte in Berlin, bis 18. September

Mona Hatoum "Hot Spot III", 2009
Fotos: dotgain.info, © Mona Hatoum, Courtesy the artist and MdbK Leipzig

Mona Hatoum "Hot Spot III", 2009


Rosa Barba in Berlin

Einmal im Monat gibt die Reihe "Videoart at Midnight“ im Kino Babylon einer Künstlerin oder einem Künstler die Gelegenheit, Filme auf der großen Leinwand zu präsentieren. Zur Berlin Art Week steht Rosa Barba im Mittelpunkt des mitternächtlichen Screenings. Zu sehen ist unter anderem ihr Film "Inside the Outset: Evoking a Space of Passage" von 2021 zu ihrem aktuellen Projekt in dem zypriotischen Ort Deryneia. Im Niemandsland zwischen Nord- und Südzypern hat die Berliner Künstlerin ein Amphitheater errichtet, in dem nun regelmäßig Festivals stattfinden und Filme gezeigt werden – ein faszinierender Ort, an dem sich die Menschen aus den verfeindeten Landesteilen begegnen können.

"Videoart at Midnight“ mit Rosa Barba, Kino Babylon, 16. September, 24 Uhr

Kino Babylon, Berlin
Foto: Knut Klaßen

Kino Babylon, Berlin


Queerness und Fotografie in Berlin

Das Spiel mit den Geschlechterrollen ist keine Erfindung der Gegenwart. Von 1880 stammen die ersten Fotografien von Crossdressern, die in der Ausstellung "Under Cover" im C/O Berlin zu sehen sind. Sie stammen aus der Sammlung des bekannten französischen Filmregisseurs Sébastien Lifshitz, der die geheime Geschichte der Geschlechtertravestie erforscht.

Prominent sind auch die Macherinnen der beiden anderen Ausstellungen des Projekts "Queerness in Photography": Cindy Sherman zeigt in der Ausstellung "Performance and Casa Susanna", was passiert, wenn sich eine Künstlerin als Dragqueen verkleidet. Und Tilda Swinton hat als Kuratorin der Ausstellung "Orlando", benannt nach einem ihrer berühmtesten Filme, Fotografien von Künstlerinnen und Künstlern zusammengestellt, die dem Thema der Genderfluidität zeitgenössisch nahekommen.

"Queerness in Photography", C/O Berlin, 17. September bis 21. Januar 2023

Lynn Hershmann Leeson „Rowlands/Bogart (Female Dominant)“, 1982, aus der Serie „Hero Sandwich“
Foto: © Lynn Hershman Leeson, Hand-painted collage, Courtesy the artist and Bridget Donahue, New York

Lynn Hershmann Leeson „Rowlands/Bogart (Female Dominant)“, 1982, aus der Serie „Hero Sandwich“


Maria Lassnig in Berlin

Im Gutshaus Steglitz ist gerade die Ausstellung "Maria Lassnig - Werke aus der Sammlung Klewan" zu sehen. Lassnig, die als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Und 21 Jahrhunderts gilt, ist vor allem für ihre Selbstbildnisse bekannt. Diese zeichnet aus, dass die Künstlerin sowohl bei den Formen als auch bei den Farben stehts ihrem "Körpergefühl" gefolgt sei, wie sie einmal sagte. "Es ist nicht von etwas abhängig, was schon vorhanden ist. Es ist meine Entscheidung. (...) Die Stirne bekommt eine Gedankenfarbe, die Nase eine Geruchsfarbe, Arme und Beine Fleischdeckenfarbe."

Die bunten, verzerrten Bilder der Malerin erhielten erst ab den 1980er-Jahren internationale Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Der Sammler Helmut Klewan war zu diesem Zeitpunkt schon 30 Jahre mit Maria Lassing befreundet. Seine Sammlung umfasst Bilder von den 60er-Jahren bis zu ihrem Tod 2014. Die Ausstellung sei die erste Einzelausstellung der Malerin in Berlin seit 1997, so das Gutshaus Steglitz.

Maria Lassing "Maria Lassnig - Werke aus der Sammlung Klewan", Gutshaus Steglitz, Berlin, bis 26. Februar 2023

Maria Lassnig "Großes Sesselselbstporträt", 1968
©Foto: Maria Lassnig Stiftung/Foundation /VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Maria Lassnig "Großes Sesselselbstporträt", 1968


24 Stunden Humboldt Forum in Berlin

Mit der letzten Teileröffnung des Humboldt Forums sind im aktuell wichtigsten Kulturprojekt Deutschlands nun auch die als koloniales Raubgut geltenden Benin-Bronzen zu sehen. Von Samstag an öffnet der rund 16.000 Quadratmeter große Ostflügel des Kultur- und Ausstellungszentrums mit etwa 20.000 weiteren Objekten. Das 680 Millionen Euro teure Projekt hinter der umstrittenen rekonstruierten Schlossfassade war seit 2020 zunächst digital und dann in zwei ersten Teilschritten eröffnet worden.

Deutschland und Nigeria hatten zuletzt den Weg frei gemacht für die Rückführung der Benin-Bronzen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat inzwischen das Eigentum seiner 514 Benin-Bronzen an Nigeria übertragen. Es war der größte Bestand in Deutschland. Statt wie geplant rund 200 sind als Leihgaben noch etwa 40 Objekte aus dem Königreich Benin zu sehen, das heute zu Nigeria gehört.

Generalintendant Hartmut Dorgerloh verwies auf die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften etwa für die fünf temporären Ausstellungen. Damit zeige sich, was das Forum als globale Diskussionsplattform leisten könne.

Stiftungspräsident Hermann Parzinger nannte das Humboldt Forum einen Prozess. Ausstellungsbereiche seien durch die enge Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften ganz anders realisiert worden als geplant. "Wir müssen einen neuen Diskurs wagen", fasste Parzinger die Erfahrungen zusammen. Restitutionen werde es weiter geben, "da, wo es angebracht und richtig ist". Es gehe auch darum, "Geschichte zurückzugeben".

Anlässlich der Öffnung des Ostflügels bleibt das Humboldt Forum dieses Wochenende 24 Stunden geöffnet. Ein Teil des Programm ist die "Sauer Power Klubnacht", kuratiert vom aktivistischen Künstlerkollektiv Slavs and Tatars - bekannt für seine forschende Kunst an eingelegten Gurken in der eigenen Pickle Bar. Die Gruppe setzt ihren Fokus "auf das Gebiet östlich der Berliner und westlich der Chinesischen Mauer". Die slawischen Aperitivos werden dieses Wochenende zu Konzerten, DJ-Sets und Performances bis tief in die Nacht gereicht. (dpa)

"24 Stunden offen", Humboldt Forum, Berlin, 17. bis 18. September

Slavs and Tatars "Gurken-Mikrofon",Sour Power Klubnacht, Humboldt Forum, Berlin, 2022
Foto: Raimund Zakowski/Slavs and Tatars

Slavs and Tatars "Gurken-Mikrofon", Sauer Power Klubnacht, Humboldt Forum, Berlin, 2022


Gurlitt-Erbe in Bern

Man muss sich tief hinunterbeugen, um die Schatten einer ausradierten Unterschrift zu entdecken, oder die roten Farbreste eines abgerissenen Stempelaufdrucks. Bei solcher Arbeit stellt man sich eher einen Sherlock Holmes mit Vergrößerungsglas als eine Kunsthistorikerin vor. Aber genau diese Arbeit macht das Kunstmuseum Bern. Es zeigt jetzt die ersten Früchte seiner Arbeit mit dem schweren Gurlitt-Erbe. Die ungewöhnliche Ausstellung wirft einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen und hinter die Kunstwerke.

In der Ausstellung "Gurlitt. Eine Bilanz" zeigt das Kunstmuseum nach acht Jahren Forschung, wie es die Geschichte von unzähligen Werken aus dem Gurlitt-Nachlass erforscht hat. Noch längst ist nicht alles klar und die Suche geht weiter, sagt Museumsdirektorin Nina Zimmer.

Das Museum erhielt 2014 überraschend den Nachlass von Cornelius Gurlitt, dem Sohn des während der NS-Zeit aktiven Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Der "Schwabinger Kunstfund" mit rund 1600 Werken hatte zwei Jahre vorher weltweit Schlagzeilen gemacht. Hoffnungen keimten auf, nun Hunderte verschollene, jüdischen Besitzern geraubte Gemälde wiederzufinden. Am Ende war es nur rund ein Dutzend, was an Erben früherer Besitzer zurückgegeben wurde.

Darum geht es in der Ausstellung: Welche Spuren hat die Geschichte an den Kunstwerken hinterlassen? Findet man Hinweise auf Vorbesitzer? Manche Werke liegen mit der Hinterseite nach oben, um Markierungen zu sehen. "Die Ästhetik stand bei der Präsentation nicht im Vordergrund," sagt Kuratorin Nikola Doll. Einige Werke konnten anhand von Schatten vorheriger Passepartouts den Originalmuseen zugeordnet werden. Reste von Zahlen, die der Katalogisierung in einer bestimmten Sammlung entsprechen, sind auch ein Puzzlestein in der Zuordnung.

Das Museum beschäftigt sich auch mit Hildebrand Gurlitt, der die Sammlung zusammengetragen hat. Was war er für ein Mensch? Zu sehen sind alte Familienfotos, ebenso ein Abstammungsnachweis, den Hildebrand mit devotem Schreiben und "Heil Hitler" einreichte. Es wird auch ein Brief des emigrierten Malers Max Beckmann gezeigt. Dieser war demnach von Gurlitt darum gebeten worden zu bestätigen, dass Gurlitt sich "in abfälliger Weise über das (NS)-Regime geäußert" habe. Beckmann kam diesem Wunsch in dem Brief nach. Schließlich wurde Gurlitt als "Mitläufer" eingestuft und lebte bis zu seinem Tod 1956 als Kunstsammler und Museumsleiter. (dpa)

"Gurlitt. Eine Bilanz", Kustmuseum Bern, bis 15. Januar 2023

Max Beckmann "Gesichter" in der Ausstellung "Gurlitt - eine Bilanz" im Kunstmuseum Bern, 2022
Foto: Anthony Anex/KEYSTONE/dpa

Max Beckmann "Gesichter" in der Ausstellung "Gurlitt - eine Bilanz" im Kunstmuseum Bern, 2022


Biennale in Istanbul

Nicht zuletzt angesichts der Pandemie verteilt sich die kommende Istanbul-Biennale auf die ganze Stadt. Auch die Berufung vieler Kollektive spiegelt ihren dezentralen Grundgedanken wider. So stellt beispielsweise das Kollektiv Inland, gerade auch auf der Documenta zu sehen, ebenfalls auf der Biennale aus. Ein Fokus der Großausstellung: bestehende Orte des zivilen und kulturellen Austauschs miteinander zu verbinden und andere zu aktivieren, die sonst wenig bis gar nicht genutzt werden. Das kuratorische Team aus Ute Meta Bauer, dem Künstler Amar Kanwar und dem Autor und Kurator David Teh setzt auf Kunst, die langfristig und nachhaltig wirkt.

Istanbul-Biennale, verschiedene Orte in Istanbul, 17. September bis 20. November

"Cooking sections", ohne Jahr, Künstlerporträt
Foto: Ruth Clark

"Cooking sections", ohne Jahr, Künstlerporträt


Yoko Ono in Kaunas

Eine Ausstellung in der Europäischen Kulturhauptstadt Kaunas präsentiert Werke der Künstlerin Yoko Ono. In der Gemäldegalerie von Litauens zweitgrößter Stadt eröffnete nun eine Retrospektive der japanisch-amerikanischen Konzeptkünstlerin - sie gilt als eine der Höhepunkte im Programm des Kulturhauptstadtjahres. Bis 4. Dezember bietet die Schau "The Learning Garden of Freedom" einen Überblick über das vielfältige Schaffen der 89 Jahre alten Witwe des Beatles-Stars John Lennon. Zu sehen gibt es konzeptuelle Kunstwerke, Installationen, Objekte, Experimentalfilme, Performances, Klang- und Textarbeiten. 

Ausstellungskurator Jon Hendricks sagt, Ono sei "sehr glücklich" darüber, dass die Ausstellung in Kaunas stattfinde. "Und besonders in diesem Museum, denn es befindet sich in der Nähe des Geburtsortes von George Maciunas. Sie wusste, dass er aus Kaunas stammt, und stimmte sofort zu", sagt der langjährige Freund der Künstlerin. Gezeigt werden in der Ausstellung auch Werke, die Ono und Maciunas gegenseitig einander gewidmet haben. 

Der gebürtige Litauer George Maciunas gilt als der Begründer von Fluxus, eine der weltweit einflussreichsten Kunstrichtungen. Dabei steht nicht das Kunstwerk im Fokus, sondern der Prozess. Ono ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der "fließenden" Kunstform, die die Grenzen der Gattungen sprengen will.

Die Retrospektive, die am Tag des Fluxus-Festivals in Kaunas eröffnet wurde, ist nach Angaben der Organisatoren die Fortsetzung einer früheren Ausstellung von Ono. Sie sei speziell an Kaunas angepasst und habe durch Russlands Angriffskrieg in der Ukraine eine besondere Relevanz. "Wir kannten die pazifistische Weltanschauung von Yoko Ono, die sie ihr gesamtes kreatives Leben hindurch begleitet. Einige der Werke sind Aussagen, die den Menschen direkt ins Gewissen treffen", sagte Kulturhauptstadt-Direktorin Virginija Vitkiene.

Die Litauerin verwies dabei auch auf eine Installation von Yoko Ono, die einführend zur Retrospektive schon seit Jahresbeginn im Gebäude der Litauischen Zentralbank gezeigt wird: 100 hölzerne Särge, aus denen Bäume hervorwachsen. Besucher verbanden dies Vitkiene zufolge zunächst mit den Opfern der Corona-Pandemie, dann mit dem russischen Krieg in der Ukraine. "Kunst, die zum Nachdenken anregt, und das ist das Ziel. Dass man Antworten nicht einfach so auf den Teller gelegt bekommt", sagte sie. (dpa)

Yoko Ono "The Learning Garden of Freedom", Kaunas Picture Gallery, bis 4. Dezember

Yoko Ono "Exit", im Gebäude der Litauischen Zentralbank, 2022
Foto: Uncredited/AP/dpa

Yoko Ono "Exit", im Gebäude der Litauischen Zentralbank, 2022


Antiwarcoalition in Kassel

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine kostet täglich Leben und zwingt viele Menschen zur Flucht. Doch was ist eigentlich mit dem nicht-menschlichen Leben während eines Krieges? Dieser Frage widmet sich einen Tag lang das Die Initiative Antiwarcoalition.art, ein Zusammenschluss von belarussischen und ukrainischen Künstlerinnen und Kuratoren. An diesem Wochenende ist das Projekt in einer Ausstellung auf dem Instar Square der Documenta Fifteen zu Gast. In der Ausstellung “Non-human agents during the war” werden Werke von 19 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, unter anderem von Francis Alÿs. Darüber hinaus wird sie begleitet von zwei Workshops und einer Diskussion von Nigel Clark (GB), Diana Lelonek (PL) and Alevtyna Kakhidze (UA).

Antiwarcoalition.art "Non-human agents during the war", Documenta-Halle, Documenta Fifteen, Kassel, bis 18. September

Francis Alÿs "Color matching"
Foto: Courtesy Antiwarcoalition.art

Francis Alÿs "Color matching"


Anne und Patrick Poirier in Koblenz

Ständiger Dialog mit französischer Kunst: Das Ludwig Museum am Zusammenfluss von Rhein und Mosel in Koblenz feiert an diesem Sonntag mit einem Fest sein 30-jähriges Bestehen. Am 18. September 1992 übergab das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig das Haus für zeitgenössische Kunst der Öffentlichkeit. Seinen Fokus legt das Museum auf französische Kunst nach 1945. Das Gründerehepaar rief auch andernorts Museen ins Leben, Peter Ludwig (1925-1996) war aber in Koblenz geboren worden und aufgewachsen.

Das Museum am Deutschen Eck in der Rhein-Mosel-Stadt ist auf mehreren Etagen im ursprünglich 1216 erbauten Deutschherrenhaus untergebracht. "Die Besucher können die Vielfalt der circa 500 Objekte umfassenden Sammlung in einem ständigen Wechsel der Dauerpräsentation kennenlernen", teilt das Ludwig Museum mit. Hinzu kommen Sonderausstellungen, die Entwicklungen in der internationalen Kunst von Amerika bis China verdeutlichen sollen.

Es gibt auch eine Jubiläumsschau: "Die Ausstellung 'Fragilité' (Zerbrechlichkeit) von Anne und Patrick Poirier ist eine lang ersehnte Ausstellung zweier Künstler, die zu den Gründungskünstlern des Ludwig Museums zählen", erklärt eine Sprecherin.

Für die bis zum 30. Oktober laufende Ausstellung hat das französische Paar, das seit mehr als einem halben Jahrhundert gemeinsam Kunst gestaltet, laut Museum drei neue Werke geschaffen. Rund 25 frühere Werke vervollständigen die Schau. Schon seit der Museumsgründung steht die Installation  "Dépôt de mémoire et d'oubli" (Stätte der Erinnerung und des Vergessens) von Anne und Patrick Poirier draußen vor dem Eingang. (dpa)

Anne und Patrick Poirier "Fragilité", Ludwig Museum, Koblenz, bis 30. Oktober

Ludwig Museum, Koblenz
Foto: Thomas Frey/Thomas Frey

Ludwig Museum, Koblenz


"Grüne Moderne" in Köln

Ökologie ist heute für die Kunst ein großes Thema. Gerade deshalb sollte man die Details nicht aus dem Auge verlieren. Die Ausstellung "Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen" im Kölner Museum Ludwig führt zurück ins frühe 20. Jahrhundert und untersucht, wie in den Künsten nicht die Natur im großen Maßstab, sondern das einzelne Gewächs betrachtet wurde. Zentrale Referenz ist Walter Benjamin, dessen Faszination für optisch-technische Innovationen – Pflanzen wachsen im Zeitraffer oder werden in vielfacher Vergrößerung gezeigt – von einem großen Publikum geteilt wurde. Und von den Kunstschaffenden dieser Ausstellung, darunter Aenne Biermann, Karl Blossfeldt, Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Albert Renger-Patzsch und Renée Sintenis.

"Grüne Moderne", Museum Ludwig, Köln, 17. September bis 22. Januar 2023

Otto Feldmann "Park mit Palme und Herr in Blau", 1911/13
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Sabrina Walz, Museum Ludwig, Köln.

Otto Feldmann "Park mit Palme und Herr in Blau", 1911/13


Biennale in Lyon

"Manifest der Zerbrechlichkeit" lautet der Titel der 16. Biennale in Lyon, die neben neuen Werken auch historische Arbeiten aus Museen der französischen Stadt integriert. Unter anderem wird der Fokus auf den Seidenhandel des 19. Jahrhunderts und auf den Kolonialismus gesetzt. Auf der Künstlerliste stehen Kunstschaffende wie Christina Quarles, deren Arbeiten auch gerade auf der Venedig-Biennale zu sehen sind, und Joanna Piotrowska, die sich mit menschlichen Gesten von Fürsorge und Kontrolle auseinandersetzt. Beide Künstlerinnen beschäftigen sich mit dem in Lyon zentralen Thema aktueller globaler Fragilität.

Lyon-Biennale, verschiedene Orte in Lyon, bis 31. Dezember

Eva Nielsen "Decaradian", 2019
Foto: Eva Nielsen / VG Bild-Kunst Bonn 2022

Eva Nielsen "Decaradian", 2019


Bruce Nauman in Mailand

Bruce Nauman hat in den letzten Jahren große Fußstapfen in europäischen Institutionen hinterlassen – angefangen von der sensationellen Ausstellung im Schaulager Basel im Jahr 2018 über die große Tate-Ausstellung und die Schau in der Punta della Dogana in Venedig. Das Ausstellungshaus der Pirelli-Werke in Mailand ergänzt die bereits in London und Amsterdam gezeigten Werke durch eine große Anzahl ikonischer Korridore und Räume.

Die Ausstellung, kuratiert von Roberta Tenconi und Vicente Todolí zusammen mit Andrea Lissoni, Nicholas Serota, Leontine Coelewij, Martijn van Nieuwenhuyzen and Katy Wan, beleuchtet Zusammenhänge zwischen den Werken, zeigt thematische Entwicklungen und formale Variationen. Mit dem Einsatz von Licht, Klang, Sprache und Video ist der Künstler auch in dieser Ausstellung auf seine unvergleichliche Art daran interessiert, die Betrachtenden einzubinden und ihnen zugleich das Gefühl zu geben, keinen einzigen Gedanken an sie zu verschwenden, weil er so fokussiert ist.

Bruce Nauman "Neons Corridors Rooms", Hangar Bicocca, Mailand, bis 26. Februar 2023

Bruce Nauman „One Hundred Live and Die“, 1984
Foto: Collection Benesse Holdings, Inc/ Benesse House Museum, Naoshima, © 2022 Bruce Nauman, VG Bild-Kunst, Bonn 2022/SIAE, Courtesy Sperone Westwater, New York

Bruce Nauman „One Hundred Live and Die“, 1984

 


Wolfgang Tillmans in New York

"Für mich ist Fotografie immer ein Nachdenken über die Welt. Nur dass ich das eben ohne Worte machen kann", sagte Wolfgang Tillmans einmal imInterview mit Monopol. Bereits Ende der 1980er-Jahre begann Tillmans mit diesem fotografischen Nachdenken über die Welt, erst auf Raves, in Clubs und im Kreis der Wahlfamilien in den queeren Subkulturen der 1990er-Jahre, dann auch auf Reisen in der ganzen Welt.

Er fand klassischen Faltenwurf und Zärtlichkeit in einer hingeworfenen Jeans, fotografierte Menschen unter der Dusche und am Strand, beim Küssen und beim Demonstrieren, zeigte Flugzeuge, Stillleben und irgendwann auch die eigene Verletzlichkeit in Gestalt seiner HIV-Medikamente. Die Fotografie als solche nahm er dann in seinen abstrakten, im Fotolabor entstandenen Werken in den Blick, seine ungewöhnliche Präsentationsform, in Clustern, groß und klein gemischt, teilweise ohne Rahmen direkt an die Wand gepinnt, setzte Standards.

Der Turner Prize für Tillmans, der lange in London lebte, kam bereits im Jahr 2000 – er war nicht nur der erste Deutsche, sondern auch der erste Fotograf, der den renommierten britischen Kunstpreis gewann. Viele große Museumsausstellungen folgten, darunter zuletzt eine viel beachtete Retrospektive, die von der Tate London in die Fondation Beyeler weiterreiste. Nur das Museum of Modern Art in New York fehlte noch in der Sammlung – immer noch ein Ritterschlag für einen Künstler. Die für September geplante MoMA-Retrospektive mit dem Titel "To look without fear" soll nun tief in sein Werk eintauchen und über drei Jahrzehnte umspannen. Zu sehen sind unter anderem längst ikonisch gewordene Bilder wie der "Tukan", der abstrakte "Freischwimmer" oder "Lutz and Alex sitting in the trees", das den Modemacher Lutz Huelle und die heutige Künstlerin Alexandra Bircken zeigt. Nur ein DJ-Set des Künstlers, der in den vergangenen Jahren immer mal wieder auch seine Leidenschaft für elektronische Musik gezeigt hat, ist leider noch nicht angekündigt – wir hoffen weiter.

Wolfgang Tillmans "To look without fear", MoMA, New York, bis 1. Januar 2023

"Icestorm", 2001
Fotos: Courtesy of the artist, David Zwirner, New York/Hong Kong, Galerie Buchholz, Berlin/Cologne, Maureen Paley, London

"Icestorm", 2001


Thomas Ruff in New York

Nur wenige Tage nach dem Beginn einer Ausstellung mit Werken von Wolfgang Tillmans im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) gibt es in der Millionenmetropole nun auch noch eine zweite Schau eines deutschen Fotokünstlers zu sehen. In den Räumen des deutschen Star-Galeristen David Zwirner im Stadtteil Chelsea in Manhattan eröffnete eine Schau mit neuen Werken von Thomas Ruff. Sie soll bis zum 22. Oktober zu sehen sein.

Ruff ist 1958 in Zell am Harmersbach im Schwarzwald (Ortenaukreis) geboren und arbeitet inzwischen in Düsseldorf. Er zählt zu den weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Fotokünstlern.

Der Titel der Schau "d.o.pe." spiele auf die 1954 veröffentlichte Autobiografie von Aldous Huxley "The Doors of Perception" (Die Pforten der Wahrnehmung) an, hieß es von der Galerie. Zu sehen sind farbig-abstrakte Werke, gedruckt auf Samtteppiche.

Thomas Ruff "d.o.pe.", Galerie David Zwirner, New York, bis 22. Oktober

Der Fotokünstler Thomas Ruff vor Beginn seiner Pressekonferenz in der Kunstsammlung NRW, im Hintergrund ein bearbeitetes Foto aus der Serie "jpeg" von 2004
Foto: dpa

Der Fotokünstler Thomas Ruff vor Beginn seiner Pressekonferenz in der Kunstsammlung NRW, im Hintergrund ein bearbeitetes Foto aus der Serie "jpeg" von 2004


Erik Schmidt in Potsdam

Im Kunstraum Potsdam bietet die Ausstellung "Retreat" von Erik Schmidt den Besucherinnen und Besuchern eine kurzen Moment der Erholung. Gemeinsam mit den Galerien Carlier Gebauer und Krinzinger wird dort Schmidts neuer Werkzyklus präsentiert, den er während eines sechswöchigen Aufenthalts in Sri-Lanka fertigte. Zu sehen sind neben Gemälden auch Gouachen und zwei Videos.

Erik Schmidt "Retreat", Kunstraum Potsdam, bis 30. Oktober

Erik Schmidt "Samskara", 2022
Foto: Dan Carroll/Courtesy of the artist; Galerie Krinzinger, Vienna; carlier | gebauer, Berlin/Madrid

Erik Schmidt "Samskara", 2022


Ernst Wilhelm Nay in Wiesbaden

Im Museum Wiesbaden wird die Wanderausstellung "Ernst Wilhelm Nay — Retrospektive" präsentiert. Nay (1902–1968) zähle zu den bedeutendsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, teilte das Museum mit. Seine Malerei sei "figürlich und abstrakt". Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er sechs Jahre lang in Hofheim, dabei wurde er vom Museum Wiesbaden gefördert. Seine im Rhein-Main-Gebiet entstandenen Werke wurden unter anderem auf der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig präsentiert. (dpa)

"Ernst Wilhelm Nay — Retrospektive", Museum Wiesbaden, bis 5. Februar 2023

Ernst Wilhelm Nay "Afrikanisch", 1954
Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert © Ernst Wilhelm Nay Stiftung, Köln ⁄ VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Ernst Wilhelm Nay "Afrikanisch", 1954