Annette Kelm in Berlin

Zeitzeugentreffen

Annette Kelm fotografiert die verfemten Bücher der Nazis. Ihre präzisen Objektbilder sind gerade in Berlin zu sehen. Eine sachliche Hommage mit großer Wirkkraft

Bücher sind Zeitmaschinen. In eine Geschichte versunken, kann man mit ihnen Jahrhunderte überbrücken. Gleichzeitig tragen sie als Objekte ihre eigene Zeit mit in die Gegenwart. Da ist diese Erstausgabe von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" aus dem Jahr 1929: Der Umschlag mit der rasant geschwungenen, vielfarbigen Typo und den kleinen Illustrationen ist an den Rändern ganz schön abgestoßen, mitten drauf prangt ein kleiner Kaffeefleck – vielleicht hat jemand im Romanischen Café am Potsdamer Platz darin gelesen, oder bei Aschinger, dem großen Restaurant am Alex.

Und vielleicht hat dieser jemand das Buch wenige Jahre später ganz hinten in seinem Bücherschrank verstecken müssen, als es gemeinsam mit seinem Autor von den Nationalsozialisten verfemt wurde. Am 10. Mai 1933 verbrannten nationalsozialistische Studenten in Berlin rund 33.000 Bücher, die brutale Gleichschaltung des kulturellen und politischen Lebens begann. Auch "Berlin Alexanderplatz" landete in den Flammen, der Jude Alfred Döblin floh aus Deutschland.

Jetzt hat die Berliner Künstlerin Annette Kelm ein Original von damals fotografiert, gemeinsam mit zahlreichen anderen Büchern, die von den Nationalsozialisten verboten wurden. Das Konzept ihrer Serie "Die Bücher", zu sehen im Museum Burda Salon Berlin, ist so einfach wie wirkungsvoll: Sie fotografiert die Bände im Stil der Objektfotografie vor neutralem Hintergrund, alle in der gleichen Größe, nur leicht überlebensgroß. Der Blick der Kamera ist so sorgfältig und scharf, dass man die feinsten Knicke auf den alten Papierumschlägen sieht und fast meint, die Stücke greifen und aufblättern zu können. Es ist eine denkbar sachliche, gänzlich unkitschige Form der Hommage, die umso tiefer wirkt. Denn im Kopf falten sich hinter jeder Fotografie die Geschichten der Bücher und ihrer Verfasser auf. Wie abgrundtief dumm war dieses System, dass es Kinderbücher von Erich Kästner verbot?  Und Romane von Thomas Mann?

Einbände mit Persönlichkeit

Kelm hat sich bemüht, nicht nur die bekannteren, meist männlichen Autoren wie Tucholsky oder Döblin aufzunehmen, sondern auch die weiblichen, von denen es in der Weimarer Republik gar nicht wenige gab, von der Dichterin Else Lasker-Schüler bis zu der deutschen Frauenrechtlerin Helene Stöcker oder der damals populären Autorin Eva Leidmann, deren Romane über bayerische Kellnerinnen und Prostituierte zwar mit einer harmlos fröhlichen Coverillustration daher kommen, den Nationalsozialisten aber wohl ein zu düsteres Bild der "deutschen Frau" zeichneten.

Überhaupt, die Cover: Man sieht deutlich, wie sich in den Weimarer Jahren die Formen und Gestaltungsmöglichkeiten vervielfältigen und die Moderne sich Bahn bricht. Da trifft zugeknöpft seriöse Frakturschrift auf rasant collagierte Fotografien und expressive Typo, und wenn die Revolution anklopft, dann reicht auch einfach der blutrot geschrieben Name auf weißem Grund: Lenin.

Ein Archiv der als undeutsch verfemten Bücher gibt es weltweit nicht, nur einige private Sammler, die sich für das Thema engagieren. So steckt hinter Kelms Projekt eine beachtliche Recherchearbeit, die sie tief in die intellektuelle Szene der Weimarer Republik hat eintauchen lassen. Bibliophile kennen das Gefühl, dass ein Buch einem manchmal erscheint wie ein Wesen mit Persönlichkeit, ein echtes Gegenüber. In Kelms Fotoserie stehen uns diese Persönlichkeiten nun als Zeugen gegenüber, ungewohnt stumm, und doch mit komplexen Erzählungen im Gepäck.