Anika Meier

Athen Biennale

Überall nur noch fragmentierte Erzählungen

11/30/2018 - 17:35

Athen ist das neue Berlin, heißt es. Deshalb vielleicht erinnert die 6. Athen Biennale an die 9. Berlin Biennale. Warum sich der Besuch anfühlt wie zwei Tage Binge Watching, berichtet Monopol-Kolumnistin Anika Meier

In Athen ist es Anfang November noch so warm, dass sich Menschen Cola-Dosen zur Kühlung an die Wange halten. Während sich die Touristen-Massen langsam den Hügel zur Akropolis hinaufschieben, steigt die Kunstcrowd Treppen in einem ehemaligen Bürogebäude auf und ab. Das Gebäude im Zentrum der Stadt wurde seit den 1930er-Jahren von einer Telekommunikations-Gesellschaft genutzt, bis vor drei Jahren konnten dort Telefonrechnungen bezahlt werden, heute ist es das Hauptgebäude der Athen Biennale. Jetzt hat es etwas von einer Kunstakademie, und die Besucher streifen wie bei einem Rundgang durch die Flure. Nur die Bierflaschen, die Essensreste und der penetrante Alkoholgeruch fehlen. Diese Biennale mit dem so passenden Titelthema "ANTI" und der erstaunlichen Künstlerliste (etwa Carsten Höller, Jon Rafman, Metahaven, Agnieszka Polska, Signe Pierce, Ed Fornieles) pendelt zwischen überwältigender Genialität und nervigem Trash.

Foto: Nysos VasilopoulosFoto: Nysos Vasilopoulos
Signe Pierce "A glitch in the echo chamber of big sister’s cave", 2018

Nervig, weil es in einigen Stockwerken irre laut ist, wenn zehn Videoarbeiten die Flure beschallen. Trash, weil man vielen Arbeiten ansieht, dass das Budget nicht üppig gewesen sein kann. Genial, weil man sich das erst einmal trauen muss, sich mit einer Ausstellung so radikal der Gegenwart und dem vielstimmigen digitalen Zeitalter in der Ära Trump zu verschreiben. Und überwältigend, weil sich der Besuch anfühlt, als hätte man es zwei Tage lang nicht geschafft, Netflix auszuschalten.

Poka-Yio, der Gründungsdirektor der Athen Biennale, weiß, dass er und sein Kuratorenteam die Besucher bombardieren. "Ja ja, ganz genau, das soll so sein", sagt er, "es geht doch heute eh überall nur noch um Mini-Dosierungen. Netflix, Instagram Stories, überall nur noch fragmentierte Erzählungen."
 

Foto: Nysos VasilopoulosFoto: Nysos Vasilopoulos
Installationsansicht: Korakrit Arunanondchai & Alex Gvojic "There’s a word I’m trying to remember from a feeling I’m about to have (let the song hold us)", 2018


Die Besucher haben tatsächlich sehr oft eine Aufmerksamkeitsspanne von der Länge einer Instagram-Story. Hipster laufen mit den neuesten Sneaker-Modellen in Räume, auf ihren tättowierten Armen stehen Sätze wie "Dream no longer". Schnell zücken sie ihr Smartphone, öffnen ihre Instagram Stories, filmen, zoomen, senden, weiter. Geduld, sich die Arbeiten anzusehen, das haben die wenigsten. Rein in den Raum, das Video als Begleitmusik beim Tippen von Nachrichten laufen lassen – weiter geht es, wenn der Chat beendet ist. Poka-Yio, dessen Augen man hinter der dicken schwarzen Kuratorenbrille fast suchen muss, stört das nicht, ganz im Gegenteil, er ist begeistert. "Die Kunst hat das Potential verloren, im Vordergrund zu stehen." Das sitzt. Im Titel dieser Biennale, der sechsten mittlerweile, steht ja auch in Großbuchstaben "ANTI".
 

Foto: Nysos VasilopoulosFoto: Nysos Vasilopoulos
Aliza Shvarts "How does it feel to be a fiction? Athens Virus", 2018


Im Katalog zur Biennale haben die drei Kuratoren, neben Poka-Yio sind das Stefanie Hessler und Kostis Stafylakis, klug aufgeschrieben, was ANTI bedeutet und wohin sie damit wollen. "Die 6. Athen Biennale flirtet mit dem Begriff, der Haltung, der (Un-)Möglichkeit von ANTI", schreiben sie, "(...) ANTI wird normalisiert. (...) ANTI ist dein Nachbar. ANTI ist dein Social-Media-Aktivismus. ANTI ist dein süßes Katzenvideo im Loop." Im Katalog lässt Poka-Yio seinem Frust und Ärger freien Lauf: Griechenland in der Krise, Athen in der Krise, die Touristen kamen und dann auch noch die Documenta, Griechenland ist nicht mehr in der Krise, Athen ist nicht mehr in der Krise, jetzt ist es das neue Berlin. Auf Instagram sieht es gut aus, auf Instagram sieht auch das Graffiti "Athens is the new Berlin" gut aus. Im Gespräch will er von diesem Frust nichts wissen. Die Documenta, ja, die war da – das Thema überspringt er jetzt wie eine langweilige Instagram-Story.

Die Biennale hat natürlich ein ganz anderes Vorbild, nämlich die 2016 vom New Yorker Kollektiv DIS kuratierte Berlin Biennale. "Willkommen in der Post-Gegenwart. Die Zukunft fühlt sich wie die Vergangenheit an: vertraut, vorhersagbar, unveränderlich – und die Gegenwart steht mit den Unwägbarkeiten der Zukunft alleine da. Wird Donald Trump Präsident? (...) Leide ich an Depressionen? Sind wir im Krieg?" Das war vor zwei Jahren. Die Antworten auf diese Fragen kennen wir mittlerweile.

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Pinar Öğrenci "LED Light City Istanbul", 2013-2015

Da setzt die Athen Biennale an. Weil einige der Künstler auch hier dabei sind, entsteht schnell der Eindruck, jemand hätte die "nächste Folge" angeklickt. Die fünf Stockwerke im Bürogebäude sind Themen zugeordnet. Im ersten Stock findet sich beispielsweise das posthumane Labor mit Experimenten. Die Künstlerin Marianna Simnett unterzieht sich in ihrem Video "The Needle and the Larynx" einer unangenehmen Prozedur. Sie lässt sich Botox in ihren Kehlkopf injizieren, das sollte dazu führen, dass ihre Stimme tiefer, männlicher wird. Die Injektion führte aber nur dazu, dass ihre Kehle sich so sehr entspannte, dass sie kaum mehr Atmen konnte. Auf dem Weg bis in den obersten, den fünften Stock passiert man unter anderem die Themen Konsum, Self Care und Eskapismus.
 

Foto: Nysos VasilopoulosFoto: Nysos Vasilopoulos
Callum Leo Hughes "ebabes/eboys", 2016

Die Künstlerin Marisa Olson, die den Begriff der Post-Internet-Art prägte, zeigt mit ihrer Videoinstallation "WellWellWell" eine relativ neue Arbeit, in der Digital Detox gepredigt wird. Die Technologisierung wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus, besonders auf unsere Beziehungen. Ihre Antwort ist denkbar einfach – sie überzeichnet natürlich –, Smartphone weg, atmen: "We need to breathe. We need time."


Wirklich interessant ist die Biennale, wenn sie sich traut, unbequem politisch zu sein. Immer mal wieder begegnen einem beim Gang durch die Gebäude Menschen mit roten Armbinden. Im ehemaligen 4-Sterne Hotel Esperia Palace, das 2010 von einem auf den anderen Tag seinen Betrieb einstellte, laufen die Menschen mit roten Armbinden in Gruppen herum. Das Hotel selbst, accidentally Wes Anderson, ist aus der Zeit gefallen, es ist pompös – pompös runtergerockt.
 

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Michail Pirgelis: "Memory Games", 2017, im Eingang des Esperia Palace


In Zeiten sozialer Medien kommt man ohne eine Haltung nicht mehr aus. Denn wer keine Haltung hat, der hat auch nichts zu sagen. Die Front deutscher Äpfel wiederum, eine satirische, anti-faschistische Organisation mit Sitz in Leipzig, hat genau denen etwas zu sagen, die heute rote Armbinden nur zu gerne ganz unironisch tragen wollen würden. Die Front deutscher Äpfel, man kann es sich schon denken, ist eine nationale Initiative gegen die Überfremdung des deutschen Obstbestandes und gegen faul herumlungerndes Fallobst. Sie sind gegen Bananen und für Mus. Sie sind gegen den Kapitalismus und für Geld.
 


Im ersten Stock des Hotels, ganz in der Nähe des Versammlungsraumes der Front deutscher Äpfel, hängt eine Serie Comics von JP Downer, Musiker, Grafikdesigner und Cartoonist. Der Titel: "Decent Don". Er stellt sich vor, was wäre, wenn Donald Trump nicht Präsident, sondern der nette Nachbar wäre. Trump würde im Kino beispielsweise sein Telefon lautlos stellen. Und während man noch darüber schmunzelt, laufen einem schon wieder Männer und Frauen mit roten Armbinden vor die Füße. Der Ausflug in eine Welt, in der ANTI nicht das neue Normal ist, wird jäh unterbrochen.

"Nächste Folge", bitte.