Anika Meier

Begriffsklärung

Was ist eigentlich ein "Instagram-Künstler"?

03/05/2018 - 11:17

Wer als Künstler Instagram nutzt, wird schnell als "Instagram-Künstler" bezeichnet. Zu Recht?

Als Künstler kann man sich schlecht gegen Zuschreibungen wehren. Da will man Künstler sein und wird vielleicht doch nur immer wieder Fotograf von Kunstkritikern und Ausstellungsbesuchern genannt. Weil das Medium Fotografie an der Wand hängt, sagt und schreibt es sich schnell: der Fotograf XY.

Noch schwieriger und unangenehmer wird es bei den digital natives, die als Künstler naturgemäß auch in den sozialen Medien unterwegs sind. Da will man dann Künstler sein und wird doch nur "Instagram-Künstler" genannt, weil das soziale Netzwerk genutzt wird. So genau schaut kaum noch jemand hin, ein Account reicht meist schon und etwas, das im entferntesten Sinne nach einer künstlerischen Arbeit aussehen könnte. Problem: Auf Instagram ist das Medium Fotografie. Potentiell steht also erst einmal alles unter Kunstverdacht, was auf dem Account eines Künstlers in den sozialen Medien erscheint. Und wenn dann Kunst von so genannten "Instagram-Künstlern" im Museum hängt, muss man sich fragen, ob das überhaupt Kunst ist, wenn ein Instagram-Post an eine Museumswand kommt. Muss man?

Es kommt doch auch niemand auf die Idee den Twitter-Account eines Autors zu rezensieren, wenn ein neues Buch erscheint. Es fragt doch auch niemand: Ist das Literatur, wenn Tweets zwischen zwei Buchdeckel gedruckt werden? Richtig, wenn Autoren Bücher schreiben, sind das in den seltensten Fällen zwischen zwei Buchdeckel gedruckte Tweets. Außer der Autor heißt Eric Jarosinksi und ist unter dem Namen @NeinQuarterly als gescheiterter Intellektueller bekannt, der lieber twittert, statt Bücher zu schreiben.

So ist das auch bei Künstlern. Außer sie heißen Amalia Ulman und sind mit der Instagram-Performance "Excellences & Perfections" bekannt geworden (siehe Interview in der aktuellen Ausgabe von Monopol). Die argentinische Künstlerin hängt deshalb tatsächlich Instagram-Postings in Museen und Galerien, weil genau das die künstlerische Arbeit ist. Eine Performance, die über mehrere Monate im Jahr 2014 auf Instagram in knapp 180 Postings gezeigt wurde.

 

Ulman inszenierte sich als vermeintliches Dummchen, das in der Großstadt zum hot babe wird, sich von einem sugar daddy aushalten lässt und nach einem Zusammenbruch Läuterung im Yoga findet. Wenn man Ulman eine "Instagram-Künstlerin" nennt, liegt man nicht ganz so falsch, schließlich folgte eine zweite Performance mit dem Titel "Privilege", die auch wieder zeigt, dass online jeder ein Lügner ist. Jetzt können ihre Follower etwa rätseln, ob sie schwanger ist oder nicht. Spoiler: Sie ist es nicht.

Wenn man allerdings digital natives, nur weil sie als Künstler auch in den sozialen Medien präsent sind, sich dort eine Community aufgebaut haben, bisweilen mehr Reichweite haben als klassische Medien und ab und an dort auch Arbeiten teilen, Instagram-Künstler nennt, ist das kurzsichtig. Und wenn man dann auch noch fragt, ob es Kunst ist, wenn ein Instagram-Post im Museum oder in einer Galerie hängt, hat das mehr mit Clickbaiting, als mit Kunstkritik zu tun. Denn Künstlerinnen wie Arvida Byström, Signe Pierce und Juno Calypso oder der Künstler Andy Kassier posten nicht etwas auf Instagram und sagen dann: "Huch, ja, das ist jetzt also Kunst!" Oder: "Nee, doch keine Kunst, nicht genug Likes, ist nur 1 Selfie! LOL." Es gibt wie gesagt ein Werk, das kann beispielsweise eine fotografische Serie sein, eine Installation, ein Video oder eine Skulptur.

Es muss ein neuer Begriff her, der sich nicht auf eine Plattform einschießt und suggeriert, dass es vielleicht doch keine Kunst ist, weil ein Massenmedium genutzt wird. Während Netzkunst etwas zu weit gefasst sein mag und eher in den 90ern hängen könnte, ist der Begriff Post-Internet-Art auch schon wieder etwas, das Künstler nicht gerne sind. Schon vor ein paar Jahren sagte das Künstlerkollektiv DIS, dass Post-Internet-Art eine Marketingfloskel ohne jeden Inhalt geworden ist, und der Kunstkritiker Kito Nedo schrieb, dass es sowieso kein Stil, sondern eine gemeinsame Haltung sei. Das Netz war Alltag und Teil der künstlerischen Praxis, heute sind es die sozialen Medien wie Instagram, Tumblr und YouTube, die Alltag und Teil der künstlerischen Praxis sind. Vielleicht wird es deshalb Zeit, von "Post-Social-Media-Art" zu sprechen, damit zumindest der negativ konnotierte Begriff Instagram-Künstler ad acta gelegt werden kann.