Neue Nationalgalerie

Ganz die Alte

David Chipperfield Architects haben Ludwig Mies Van der Rohes Neue Nationalgalerie meisterhaft runderneuert – nicht nur für Architekturnerds 

Berlins schönster Museumsbau ist gar keiner. Den ursprünglichen Entwurf für die Glashalle der Neuen Nationalgalerie hatte Ludwig Mies van der Rohe Ende der 1950er-Jahre für den Firmensitz von Bacardi in Santiago de Cuba gemacht. Die Begegnung von Modernismus und Rumcocktail wurde von der kubanischen Revolution verhindert. Als der Architekt wenige Jahre später den Auftrag bekam, West-Berlin ein neues Haus für die Kunst zu geben, holte er die Pläne aus der Tasche, ersetzte den Stein, den er für das karibische Klima gedacht hatte, durch Stahl und schenkte der frisch geteilten Stadt in Sichtweite der Mauer ein gebautes Manifest der Transparenz.

Alles, was zum Museum im engeren Sinne gehörte, steckte Mies van der Rohe ins Untergeschoss: geschlossene Räume mit Wänden, an die man Gemälde hängen konnte, plus Depot und Büros für die Verwaltung. Oben in der von Stützen freien, quadratischen Halle herrschte die Symmetrie vor, ein überwältigend geschmackvoller Akkord von Granit, Marmor und Stahl mit einem ungehinderten Blick in alle vier Richtungen der Stadt. Wer da Kunst ausstellen wollte, musste
die Bilder an Paneelen befestigen, die von der Decke hingen – eine schwankende Angelegenheit. Oder man baute Stellwände hinein und blockierte die Durchsicht.
Vor allem diese Durchsicht ist es, an der man sich jetzt nicht sattsehen kann in dem frisch renovierten Gebäude. Die riesigen Fenster, die man in den letzten Jahren vor der Sanierung nur noch leicht beschlagen kannte, mit herunterlaufendem Kondenswasser, sind klar, spiegelfrei, perfekt. Eine Spezialanfertigung
aus China, erklärt der Leiter der Neuen Nationalgalerie Joachim Jäger bei der Vorbesichtigung, dicker und sicherer als die ursprünglichen Gläser, aber immer noch nur einfach, damit die ursprüngliche Anmutung erhalten bleibt.

So viel Mies wie möglich, war das Motto für das Architektur­büro David Chipperfield, das die Sanierung verantwortet hat. Ende 2014 war das Gebäude geschlossen worden, danach startete die umfangreiche Bestandsaufnahme – Ergebnis: Es ist kompliziert. Das Gebäude wurde mehr oder weniger komplett auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, der Beton saniert, der Stahl, wo nötig, ersetzt. Oberfläche und Rohbau wurden erhalten, alles dazwischen – Putz, Estrich, Dämmung, Technik – ist neu. Die Arbeit sei von chirurgischer Natur gewesen, so Chipperfield: "Wir hoffen, den Patienten dem Anschein nach unberührt entlassen zu haben – nur in viel besserem Zustand."

Architekturdenkmal von Weltrang

Man kann die Genesung als ein Festival der Zahlen erzählen: Tausende von Archivmaterialien wurden gesichtet, um die perfekte Rekonstruktion zu ermöglichen, 35 000 originale Bauteile demontiert, je nach Zustand restauriert und am ursprünglichen Ort wieder eingebaut, 56 Glasscheiben ausgetauscht. Nebenbei entstand noch ein neues Depot mit 900 zusätzlichen Quadratmetern unter der Potsdamer Straße. 140 Millionen Euro hat die Grundsanierung gekostet, jetzt soll das Haus fit sein für die nächsten 50 Jahre. Ein Aufwand, den man nur aus einem Grund betreibt: weil Mies van der Rohes letztes Gebäude, Quintessenz seines Werks, ein Architekturdenkmal von Weltrang ist.

Denkmalpflege ernst zu nehmen hieß in diesem Fall: origi­nale Lichtschalter im Direktorenzimmer nachbilden, die längst nicht mehr so hergestellt werden, genauso wie die Waschbecken und Kacheln im Bad. Granitplatten im ­wunderschön hergerichteten Skulpturengarten lieber kitten als ersetzen. ­Raufasertapete an die Wände der Büros und im Untergeschoss ein grauer Wollteppich, der mit schrägem Charme Midcentury-Lounge-Gefühl verbreitet. Doch gleichzeitig ging es um die Herstellung der Funktion als Museum, wie man es heute braucht. Mit Beleuchtung und Klimatechnik, die die Energiekosten substanziell reduzieren, einem in der Holzgarderobe versteckten Aufzug und einem Empfangsbereich, der den heutigen Publikumszahlen angemessen ist. Hier, im Untergeschoss, konnte David Chipperfield sich das Fitzelchen Freiheit zur Interpretation nehmen. Auf den neuen Besuchertresen flackern ungewohnt glamouröse silbrige Glanzpunkte im schwarzen Marmor, in der Garderobe, die dort Platz findet, wo früher das Depot war, lässt nackter Beton im Kontrast mit dem dunklen Holz die Gegenwart aufblitzen.

Als Mies van der Rohe seinen modernistischen Tempel errichtete, galt der International Style als demokratischer Baustil. Doch wie elitär man Museum damals dachte, wird erst heute so richtig sichtbar, nachdem die Fenster geputzt sind. So durchsichtig der Kasten auch ist, er wirkt distinguiert wie ein Herr im gut geschnittenen Anzug. Es waren die Happy Few, die ihre Mäntel an die winzige Garderobe im Obergeschoss hängten, die Treppe hinunterschritten und sich auf diesem grauen Wollteppich ergangen, um die kanonische Kunst des 20. Jahrhunderts zu sehen. Nicht nur in der nerdhaft akribischen Rekonstruktion der Oberflächen, auch in den neu interpretierten Teilen bewahrt Chipperfield diese Anmutung eines Juwels von ausgewählter Qualität.

Doch gleichzeitig bietet die große Halle das Potenzial, Museum anders zu denken. Allein aus energetischen Gründen wird man hier oben nicht unbedingt empfindliche Gemälde ausstellen, die aufwendig klimatisiert werden müssen. Stattdessen ist hier Platz für Begegnung, für Bewegung, für Performance. Kurz: für das, was man heute von einem offenen Haus der Künste erwartet. Gelegentliche Drinks inklusive – es muss ja nicht unbedingt Bacardi sein.