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Kommentar

Baselitz-Bühnenbild ist für Opernkritiker "Ärgernis des Jahres"

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Das Musiktheater ruft nach bildenden Künstlern, die dann aber auf der Bühne häufig scheitern. Georg Baselitz' Ausstattung der "Parsifal"-Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper ist für die Zeitschrift "Opernwelt" das "Ärgernis des Jahres". Ein Kommentar

William Kentridge entwirft Animationen für "Wozzeck", zeitgleich in Salzburg inszeniert Shirin Neshat "Aida". Ein knappes Jahr später, im Sommer 2018, malen Rosa Loy und Neo Rauch in Bayreuth "Lohengrin" blau an. Das Musiktheater ruft nach bildenden Künstlern, die sich oft auch nicht zieren. Und mitunter auch nicht lange fackeln. Georg Baselitz' Ausstattung der "Parsifal"-Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper wirkte schnell hingeworfen, war arm an Reflexion und bot wenig Spielraum für die Darsteller. Das Jahrbuch der Zeitschrift "Opernwelt" stellt das Münchener Bühnenbild nun als "Ärgernis des Jahres" heraus.

Das wichtigste Ranking des Musiktheaters rekapituliert Spielzeiten, aktuell das Theaterjahr 2017/18. In 15 Kategorien benennen 50 Kritikerinnen und Kritiker ihre persönlichen Glanzlichter und eine schwere Enttäuschung; die Statistik entscheidet über das Gesamtranking.  Als Spitzeninszenierung wurden die Bayreuther "Meistersinger von Nürnberg" in der Regie von Barrie Kosky ermittelt, des Intendanten der Komischen Oper Berlin. Auch der "Regisseur des Jahres", Peter Konwitschny, ist ein ausgewiesener Theaterprofi.

Baselitz' Bühnenbild wurde siebenmal explizit geschmäht, signifikant häufig, wenn man bedenkt, dass es sich beim "Ärgernis" traditionell um den unspezifischsten Punkt im Ranking handelt. Dort wird oft auf kulturpolitische Misstände hingewiesen. Aber letztlich weist Baselitz' routiniert um dessen typische Überkopf-Ästhetik kreisende und Wagners Finalwerk weitgehend verfehlende Ausstattung auch auf Probleme im Opernbetrieb. Musiktheaterproduktionen sind teuer, die Sängerstars für große Häuser ebenfalls, oft bleibt kaum noch Geld und Zeit für kompetente Regie. Künstler bieten da wenigstens die Aura von Kompetenz und Bildermacht, vor allem figurative Maler, die fix und fertige Zeichensysteme versprechen. Die beste Notlösung sind die Ritter der Biennalen allemal. Hat der Baselitz den Parzival-Mythos nicht schon beackert? Her mit dem Kerl!

Doch was nützen gediegene bis starke Bilder, wenn die Regie ausfällt? Neshat, die ja schon Spielfilme inszeniert hat, scheiterte 2017 in Salzburg vor allem an der Personenregie. Anna Netrebko, die Aida gab, durfte wieder an die Rampe. Ähnliches Herumstehtheater ließ Pierre Audi zu, der Regisseur des Münchener "Parsifal", als hätte Baselitz# Action-Painting die Darsteller in Schockstarre versetzt, auch den sonst so sportiven Jonas Kaufmann in der Titelrolle. Und Neo Rauchs hochambitioniertes, teils aufregendes Comeback der Theatermalerei in Bayreuth konnte die "Lohengrin"-Figuren und ihre Konflikte in den gemalten Hintergrund drängen, weil der Regisseur kurzfristig ausgewechselt worden war.

Der Kunstbetrieb geht zum Theater. Klingt spannend, geht öfter schief. Wie sagte Chris Dercon, bevor er sich als Berliner Volksbühnen-Intendant zurückzog: "Die Idee ist, dass wir etwas erfinden wollen, was noch keinen Namen hat, das vielleicht völlig anders ist als die Kunst oder das Theater oder das Kino, das wir kennen." Wenn man sie kennt und praktisch beherrscht, bietet sich die Tradition tatsächlich als Ausgangspunkt für Neues an. Aber mit Ideen ist es bei Weitem nicht getan.

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