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10 Kunst-Filme, die Sie im November nicht verpassen sollten

Wagner / De Burca "Swinguerra" (Film Still), 2019
Foto: © Bárbara Wagner & Benjamin de Burca. Cortes ia [ Courtesy ] Fortes D’Aloia & Gabriel, São Paulo/Rio de Janeiro

Wagner / De Burca "Swinguerra" (Film Still), 2019

Die Filme im November blicken zurück auf geniale Leinwandheldinnen, die Anfänge des Fernsehens und deutsche Dämonen. Aber sie schauen auch nach vorn
 

Mehr als eine Leinwandgöttin: Hedy Lamarr

Hollywoodstars sind häufig anders gestrickt, als ihr Image glauben lässt. Das war vor der New-Hollywood-Ära noch keine Binse. Schließlich wachte bis in die 60er hinein ein mehr oder weniger totalitäres Studiosystem darüber, was die Öffentlichkeit über das Privatleben etablierter Stars wissen durfte. Der Anteil an Fake News war immens. Rock Hudson konnte nur als stockhetero gelten, Ava Gardner hatte selbstverständlich kein Alkoholproblem. Doch auch später überraschten die Hobbys und Nebentätigkeiten der Schauspielgrößen die Fans. Paul Newman als Lebensmittelproduzent? Sylvester Stallone als Maler, der für Malewitsch und Francis Bacon schwärmt? Beides ist wahr.

Die unglaublichste aller Hollywood-Backstage-Stories ist die von Hedy Lamarr (1914-2000), die der erhellende Film "Geniale Göttin" erzählt. Anders als bei Newman und Stallone tritt bei ihr eine Art "Frauen-Malus" hinzu: Weiblichen Stars traute man abseits des Kinder-Küche-Kirche-Dreiecks (übrigens war Marlene Dietrich eine begnadete Köchin) traditionell wenig Innovation und Intelligenz zu. Lamarrs ironisches Schauspielerinnen-Credo lautete denn auch: "Du musst nur stillstehen und dumm gucken." Daran hat sich die in Österreich-Ungarn geborene Hedwig Eva Maria Kiesler vor der Kamera meistens gehalten. Vor der Kamera. Hinter den Kulissen war sie eine Erfinderin und hat eine Kommunikationstechnik entwickelt, die noch heute wertvoll ist. Die Dokumentation zeigt die unglaubliche Geschichte ihres Doppellebens - und eine Frau, die immer unterschätzt wurde. 

"Geniale Göttin - Die Geschichte von Hedy Lamarr", Arte-Mediathek, bis 18. November 

 

Alles so retro im Ersten Deutschen Fernsehen

Schwarz-Weiß-Sehen als Konzept und Mediengeschichte als Hype. Mit "ARD Retro" macht der Sender alte Beiträge aus der Nachkriegszeit digital zugänglich - und hat damit bereits große Begeisterung bei Nostalgikern und Neuentdeckern ausgelöst. In der Sammlung kann man sich ausgiebig festschauen, damalige Diskurse nachvollziehen und sich über die Skurrilitäten amüsieren. Die Politikerinterviews sind Dokumente der Zeitgeschichte, während man bei Beiträgen wie "Vermännlicht der Sport die Frau?" froh ist, dass sich manche Fragen nicht mehr stellen. 

"ARD Retro", ARD-Mediathek, bis auf weiteres 

"ARD Retro"
Foto: ARD

"ARD Retro"


Rund um die Uhr Videokunst bei der Performa 

Das Performance-Festival Performa in New York ist eigentlich für seine unvergesslichen Live-Erlebnisse berühmt. Da das gerade schwierig ist, sind auf der Website nun buchstäblich rund um die Uhr politische Kunstfilme zu sehen. Bis zum 30. November läuft jeden Tag ein Loop aus durchweg sehenswerter Videokunst. Dabei sind Ikonen wie Yoko Onos "Cut Piece" oder David Wojnarowiczs "Fire In My Belly", aber auch neuere Arbeiten von Kara Walker, Mykki Blanco (die Adaption von "I Want A Dyke For President" ist vor der US-Wahl aktuell wie selten) und Nicole Miller. Längere Werke haben spezielle Daten, wie der unwiderstehliche brasilianische Tanzfilm "Swinguerra" von Barbara Wagner und Benjamin De Burca, der auf der Venedig-Biennale 2019 Premiere feierte (läuft am 3. und 5. November). Zum Programm geht es hier. 

"Performa: Radical Broadcast", Performa Online, bis 30. November 

Kara Walker "Possible Beginnings" (Film Still)
Foto: Courtesy Kara Walker und Performa

Kara Walker "Possible Beginnings" (Film Still)


Anstößig und rührend: Die Kunstfigur Borat ist zurück

Der gewohnt anstößige, ungebildete, irgendwie rührende Typ mit dem buschigem Schnauzer im schlecht sitzenden Anzug ist zurückkehrt. Doch die "U, S and A", in die Borat in "Anschluss Moviefilm" zurückkommt, haben sich verändert. Der fiktive kasachische Reporter deckte mit seinen naiven Fragen früher noch Rassismus, Judenhass, Frauenverachtung in der amerikanischen Gesellschaft auf, der versteckt war unter einer gesellschaftlichen Decke aus Freundlichkeit. Wenige Jahre später wird all das offen ausgelebt. Er kann beim Konditor unbeanstandet "Juden werden uns nicht verdrängen" auf eine Torte schreiben lassen und kauft, ohne auf Widerstände zu stoßen, einen Käfig für seine vorgeblich 15-jährige Tochter, die er Vizepräsident Mike Pence schenken will. Trumps Anwalt Rudy Giuliani ködert er mit dieser blondierten Tochter und bringt ihn in eine unmissverständliche Lage (auch wenn Giuliani das später abstreitet – es gibt keine andere Deutung). Sacha Baron Cohen ist unverzagt furchtlos, komisch und auch im derbsten Klamauk noch moralisch.

"Borat. Movie Anschlussfilm", Amazon Prime


 

Kunstfilme von Ben Rivers: Faultier müsste man sein

Der britische Regisseur Ben Rivers ist in der Kunst genauso zuhause wie auf Filmfestivals. Und er ist das Gegenteil von einem Action-Liebhaber. Auf die Idee, ein Faultier in Zeitlupe zu zeigen, muss man erst mal kommen. Rivers' Produktion "Now, At Last" (2018) zeigt auf 16mm gefilmte radikale Entschleunigung. Doch die Bilder des körnigen, verlangsamten Faultiers entfalten einen meditativen Sog und lösen die Kategorie Zeit völlig auf. Auch in dem Essayfilm "Ghost Strata" widmet er sich dem flüchtigen Augenblick des "Jetzt". Gar nicht so unpassend für den bevorstehenden Winter, der wohl zwangsläufig lang und entschleunigt wird. 

Ben Rivers "Now, At Last" und "Ghost Strata", Mubi


 

Christoph Schlingensiefs "Terror 2000"

Im Herbst 2020 hat der Titel "Intensivstation Deutschland" eine neue Bedeutungsebene bekommen, die ziemlich unmittelbar mit Krankenhausbetten, Gesundheitssystemkollaps und fehlenden Pflegekräften zu tun hat. Der atemlose, überfordernde Film "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (1992) von Christoph Schlingensief sieht die Krankheiten des Landes jedoch anderswo. In einem absurd theatralischen Bildrausch zwischen erbärmlichen Gangsterfantasien, Ausländerfeindlichkeit und der Brutalität der Kleinbürgerlichkeit hat der Regisseur und Künstler den Finger in ziemlich viele noch immer offene deutsche Wunden gelegt. Man würde gern wissen, was er zum Lockdown-Deutschland von 2020 sagen würde.

"Terror 2000 - Intensivstation Deutschland", Arte-Mediathek, bis 19. November, ab 18 Jahren 

"Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (Filmstill)
Foto: Arte

"Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (Filmstill)


Ike White - Vergessener Star des Funk 

Den Namen Jimi Hendrix kennt jeder halbwegs kulturinteressierte Mensch, bei Ike White dürften die meisten dagegen eher ratlos die Schultern zucken. Dabei hielten Musikerkollegen den Gitarristen für nicht weniger begabt als den weltberühmten Hendrix. Die sehenswerte Dokumentation "Super Duper Plastic Man - Die vergessene Funk-Legende Ike White" zeichnet die ziemlich unglaubliche Karriere des Musikers nach, die im Gefängnis begann, wo er seit seinem 19. Lebensjahr wegen des Mordes an einem Ladenbesitzer bei einem Raubüberfalls einsaß (er sprach von einem Unfall). In Haft begann er, Songs zu schreiben, und der Produzent Jack Goldstein erwirkte, dass er aus dem Gefängnis 1974 sein erstes Album veröffentlichen konnte. 1978 wurde er trotz lebenslanger Haftstrafe auf Initiative von Stevie Wonder freigelassen. Doch ein Superstar wie geplant wurde er nie. Der Film erzählt von einem Leben der Widersprüche und arbeitet langsam und detektivisch die unterschiedlichen Identitäten des Ike White nach seiner Haft heraus. Die einzige Konstante bleibt die Musik. 

"Super Duper Plastic Man - Die vergessene Funk-Legende Ike White", ARD-Mediathek, bis 29. Dezember 

Ike White 
Foto: ARD

Ike White 


Kunstgeschichten aus dem Whitney Museum 

Künstlerinnen und Künstler über Werke sprechen zu hören, die ihnen etwas bedeuten, ist immer etwas besonderes. Anders als Kunstkritik oder Kunstgeschichte wählen sie meist einen sehr persönlichen Ansatz, der neue Zugänge zu bekannten Bildern öffnen kann. In der Serie "Whitney Stories" des New Yorker Whitney Museums of American Art stellen Künstlerinnen und Künstler jeweils in circa fünf Minuten ein Werk aus der Sammlung vor - Martha Rosler spricht über Susan Meseilas, Vik Muniz über Robert Frank. Die kleinen Filmchen setzen sich zu einem virtuellen Streifzug durch das Museum zusammen - mit den fantastischsten Tourguides, die man sich vorstellen kann. 

"Whitney Stories", Whitney Museum online 

Foto: Karin Jobst, 2014
Foto: Karin Jobst, 2014
Blick auf das Whitney Museum


Das Ende des Mythos Leni Riefenstahl

Die Filmemacherin Leni Riefenstahl (1902-2003) hat bis zu ihrem Tod am Mythos der unpolitischen Künstlerin gearbeitet, die ideologisch mit dem NS-Regime nichts zu tun hatte. Diese Lesart ihrer Biografie ist im Grunde längst wiederlegt, der Mythos lebt aber noch immer. Eine neue Dokumentation, die sich zum großen Teil auf ein Buch der Autorin Nina Gladitz stützt, zeigt Riefenstahl mit neuen Erkenntnissen dagegen als skrupellose Mitläuferin, die sich außerdem mit der Leistung anderer schmückte. Eine ausführliche Review zur sehenswerten Dokumentation lesen Sie hier.

"Leni Riefenstahl – Das Ende eines Mythos", Arte-Mediathek, bis 19. Januar 2021. Ausstrahlung auf Arte am 18. November um 22.15 Uhr

Leni Riefenstahl mit Team bei den Dreharbeiten zu "Olympia", 1936
Foto: Fotograf unbekannt, Olympia-Film G.m.b.H., Berlin S.O. 36, Harzerstraße 39, Creative Commons-Lizenz

Leni Riefenstahl mit Team bei den Dreharbeiten zu "Olympia", 1936


Mit Paul McCarthy durch Amerika

Der Künstler Paul McCarthy, der im August 75 Jahre alt wurde, ist als amerikanischer Höllenclown bekannt geworden. Er ist einer der wenigen Blockbuster-Produzenten der Kunstwelt. Seine Werke leben von Ekel und Trauma, leihen sich aber die großen Gesten aus Hollywood und Disneyland. Kann man also mit dem Meister des Grotesken die USA verstehen? Ein Filmteam des dänischen Louisiana Museum hat ihn 2018 in Los Angeles besucht, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. "Ja, es geht um Amerika, aber es geht auch um den Zustand der restlichen Welt", lautet McCarthys Antwort in Kurzform. Vor und nach der US-Wahl am 3. November lohnt sich ein Blick auf die erstaunliche Künstlerkarriere, die in drei Teilen erzählt wird. 

"Becoming Paul McCarthy", 3 Teile, Louisiana Video Channel   

Paul McCarthy
Foto: dpa

Künstler und Filmemacher Paul McCarthy