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12 Kunst-Filme, die sich im August lohnen

"Pussy, Pleasure, Power", Filmstill, zu sehen auf Arte
Foto: Arte

"Pussy, Pleasure, Power", Filmstill, zu sehen auf Arte

Unsere Filme im August lauern einer heimlichen Fotografin auf, suchen nach Wahrheit in Künstlerkörpern und brechen das Tabu um weibliche Lust
 

Das Kindermädchen mit der Kamera

Sie arbeitete als Kinderfrau in Chicago. Nebenbei war sie mit der Rolleiflex-Kamera unterwegs, fotografierte wie ein Profi, nein, wie eine Künstlerin, hochtalentiert, neugierig, blitzschnell. Vergleiche mit Diane Arbus, Robert Frank und Lisette Model sind nicht zu hoch gegriffen bei Vivian Maier (1926-2009), deren Straßenfotografie erst nach ihrem Tod die verdiente Aufmerksamkeit bekam.

In "Finding Vivian Maier" spürt John Maloof der Fotografin und Nanny nach, berichtet aber auch von den dunklen Seiten. Außerdem erzählt Maloof, wie er als 29-Jähriger während einer Zwangsversteigerung auf Maiers Bilder stieß, schließlich mit 200 auf eine Website gestellten Fotos Klickrekorde erzielte und eine vielbeachtete Ausstellung organisierte. Maier starb einsam und verarmt. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie selbst der Welt ihren Bilderschatz geöffnet hätte? Wie erfüllend ist künstlerisches Tun ohne Betrachter, ohne Resonanz? "Finding Vivian Maier" ist ein faszinierender Film. Die Geschichte ist traurig. Aber immer pocht in ihr das Glück des gelebten – und fotografierten – Augenblicks.

"Finding Vivian Maier", Arte-Mediathek, bis 31. Dezember

Vivian Maier 
Foto: Mauritius Images / AF / Alamy

Vivian Maier 


Die vielleicht älteste Fashion-Influencerin der Welt

"Ich mag es zu improvisieren", erklärt die 93-jährige Iris Apfel der Dokumentarfilm-Legende Albert Maysles ihren Kleidungsstil. "Ich mag es, Sachen auf eine Weise zu tun, als würde ich Jazz spielen. Versuch' dieses, versuch' jenes." Eine schwarze, kreisrunde Brille, rote Lippen, an den Armen stapeln sich Armreife, um den Hals schwere Ketten, an den Füßen trägt sie selbstentworfene Sneaker.

Die stilistische Vordenkerin, Innenarchitektin, Modeikone, Geschäftsfrau und treue Stilbrecherin lebt im Film "Iris" von 2014 mit ihrem heute verstorbenen Ehemann Carl in einer bis in den letzten Winkel dekortierten Wohnung in der Park Avenue in New York City. Dorthin lädt sie Maysles ein und macht ihn etwa mit einem kleinen Teddybären aus dem Ritz vertraut. "Ich habe eine sehr talentierte Ehefrau, ich denke ich behalte sie", kommentiert Carl das Treiben seiner niemals still sehenden Iris, die die Zuschauenden zum Vintage-Shopping und Feilschen, zu Presseterminen, Fotoshootings und Ausstellungen ihrer enormen Schmuck-Sammlung mitnimmt und währenddessen jede Menge schneidige Lebensweisheiten raushaut.

"Es ist besser, glücklich zu sein, als gut angezogen", ist sie überzeugt, und doch scheint ihr beides gleichzeitig zu gelingen. Sie beschimpft die heutigen Modedesigner als "Medien-Freaks" und erzählt, wie sie mit viel Beharrlichkeit an ihr erstes Paar Jeans gelangte. Iris Apfels ganzes Leben, ein von allen Orten der Welt zusammengesuchtes, nicht enden wollendes Sammelsurium an Objekten, Kleidern und Accessoires und den Geschichten dahinter, die sie erzählt.

"Iris", auf Mubi

Iris Apfel 2016 in Puerto Rico
Foto: Thais Llorca/EFE/EPA/dpa

Iris Apfel 2016 in Puerto Rico


Die Augen öffnen für Roma-Kunst

Bei der Documenta Fifteen in Kassel hat das Kollektiv Off Biennale aus Budapest gerade eine Roma-Biennale im Museum Fridericianum eingerichtet. So hängt dort beispielsweise das riesige Gemälde "Geburt" von Tamas Péli, das der Volksgruppe der Roma einen Schöpfungsmythos geben will.

Um die Kunst als Selbstbehauptungs-Werkzeug einer verfolgten Minderheit dreht sich auch der Film "Der offene Blick – Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma" von Peter Nestler. Die Dokumentation stellt Personen und Werke vor, die sich mit Identität und Geschichte auseinandersetzen und auch immer wieder an die Verfolgung und Vernichtung ihrer Vorfahren durch das deutsche NS-Regime erinnern.

Unter anderem besucht Peter Nestler die Malerin Lita Cabellut, die in Spanien aufwuchs und heute in den Niederlanden lebt. Sie erzählt auch über ihre Mitarbeit an einem Film, der die mutmaßlichen Sinti- oder Roma-Wurzeln von Charlie Chaplin thematisiert. Außerdem wird die Galerie und Stiftung Kai Dikhas vorgestellt, die Künstlerinnen und Künstlern seit Jahren eine Plattform bietet. Auf der Roma-Biennale der Documenta Fifteen sind mehrere Werke aus deren Sammlung zu sehen.

"Der offene Blick - Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma", ZDF-Mediathek, bis 21. Oktober

Wandteppich von Małgorzata Mirga-Tas bei der Off-Biennale im Kasseler Fridericianum, Documenta 15, 2022
Foto: Frank Sperling

Wandteppich von Małgorzata Mirga-Tas bei der Off-Biennale im Kasseler Fridericianum, Documenta 15, 2022


Betrüger und Gegenwartskunst

Falsche Firmen, falsche Gewinne, aber hohe Aktienkurse: Der Düsseldorfer Regisseur Jan Bonny hat gerade mit der Kölner Bildundtonfabrik eine Netflix-Satire vorgelegt, die sich grob am größten deutschen Finanzbetrug der Geschichte abarbeitet, dem Wirecard-Fall. "King of Stonks" ist nicht nur eine dramatisch-komische Betrachtung von Money-Makern auf dem Weg nach oben, die den Aktienkurs auf ihrem schmierigen Grinsen wieder runterrauschen, sondern auch eine feine Betrachtung des Kunstmarkts. Und dabei eine klug kuratierte Schau deutscher Gegenwartskunst.

So taucht dort immer wieder die Fernsehshow "Der richtige Riecher auf", bei der es darum geht, mit Werken möglichst viel Geld zu verdienen. Uschi Glas spielt eine Sammlerin, die ihr Vermögen auch für Spekulationen einsetzt und so die Verbindungen zwischen Kunst- und Finanzmarkt offenlegt.

Ein Interview zu "King of Stonks" lesen Sie hier

"King of Stonks", auf Netflix

Szene aus "King of Stonks" bei Netflix mit Kunstwerk von Magdalena Kita "Absolut Vanilla (Kleine Prinzessin)", 2018
Filmstill: Netflix; Kunstwerk: Courtesy of the artist 

Szene aus "King of Stonks" bei Netflix mit Kunstwerk von Magdalena Kita "Absolut Vanilla (Kleine Prinzessin)", 2018


Power To The Pussy

Ein Blick in die USA, wo viele Frauen durch ein Urteil des Supreme Court das Recht auf Abtreibung verloren haben, erschreckt. Wie kurz der Weg vom Körper zur Politik ist, zeigte beispielsweise die Künstlerin Carolee Schneemann bereits in den 1960er Jahren. Mit ihren lustvollen Choreographien und ihrer Body-Art, die sich mit ihrem Körper und ihrer Sexualität auseinandersetzt, provozierte sie die Öffentlichkeit und setzte sich für die Selbstbestimmung der Frau ein. Weibliche Lust? Das Thema war lange tabu.

Dass die Freiheit der Frauen mit ihrem Körper beginnt, macht auch die Sendung "Pussy, Pleasure, Power!" in der Arte-Mediathek bewusst. Der Film richtet seinen Blick auf die Popkultur und verfolgt die Entwicklung der Sexpositivität innerhalb des Genres. Von Madonnas Masturbationsperformance und skandalträchtigen Videos zu Christina ­Aguileras Auftritt in "Dirrty", sammelt der Dokumentarfilm-Pionierinnen, die das adrett gekleidete Frauenbild hinter sich gelassen und sich ihrer Objektivierung durch den männlichen Blick entzogen haben. Prominente feministische Stimmen wie die der Schriftstellerin Laurie Penny geben in den 53 Minuten Antworten auf die Frage, warum das Sich-Selber-Sexualisieren nicht einfach eine Neuinterpretation alter Sexismen ist.

"Pussy, Pleasure, Power!", Arte Mediathek, bis 5. September 

"Pussy, Pleasure, Power", Filmstill
Foto: Arte

"Pussy, Pleasure, Power", Filmstill


"Natural Born Killers" in der Alpenidylle

Philip Grönings Film über ein Zwillingspaar, das 48 gemeinsame Stunden in einer Voralpenlandschaft verbringt, ist ein schwieriger Fall. Schwierig heißt aber nicht schlecht. "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" spaltete auf der Berlinale 2018 jedenfalls die Gemüter. Wohl auch deshalb, weil Künstler und Regisseur Gröning sich nicht um Psychologie oder eine kohärente Erzählung schert.

Es ist Sommer. Eine Wiese, ein Kornfeld, die Alpen im Hintergrund. Windräder drehen sich, an einer gewundenen Landstraße steht eine Tankstelle, bei der man sich Bier holen kann. Robert hilft seiner Zwillingsschwester Elena beim Lernen fürs Abitur, Fach Philosophie. Die beiden reden über Augustinus, Brentano und Heidegger, vor allem diskutieren die beiden über die Beschaffenheit der Zeit. Etwa darüber, dass man die Vergangenheit nicht zurückholen und die Zukunft nicht herbeischnipsen kann. Dass man nur die Gegenwart hat, um Nutzen daraus zu ziehen. 

Robert und Elenas Beziehung ist symbiotisch, vielleicht inzestuös. Sie albern herum, sie schubsen und ohrfeigen sich. Sie wetten miteinander. Elenas Vater (den man nie sieht) hat ihr ein Auto zum Abi versprochen. Das Auto würde Robert kriegen, wenn Elena es nicht schafft, in den nächsten Stunden "mit irgendeinem zu vögeln". Wenn sie nicht im Gras liegen und philosophieren oder in einem Waldsee schwimmen, stiefeln die Geschwister zur Tankstelle. Ein banaler und zugleich seltsamer Ort. Im Hinterzimmer, an einem Türrahmen, sind Elenas und Roberts Körpergröße über die Jahre angezeichnet worden, dazu sind Kinderfotos angepinnt. Doch die Tanke kann nicht ihr Elternhaus sein. Ein Tankstellenmitarbeiter, wohl Mitte 20, heißt Adolf, der andere, ältere, trägt den Namen Erich. Adolf will keinen Sex mit Elena, Erich auch nicht. Adolf, Erich: die historischen Referenzen sind unüberhörbar.

Die Tankstelle mit ihrem Mini-Shop – Wasserpistolen im Sortiment, eine echte Waffe in der Geldschublade – ist auch der Ort, an dem sich die Zwillinge im surrealen Schnelltempo radikalisieren. Im Verlauf der 174 Filmminuten verwandeln sich Robert und Elena zu "Natural Born Killers". Wie in "Die Frau des Polizisten" (Jurypreis in Venedig 2013) erzählt Gröning von eruptiver Gewalt, ohne das monströse Verhalten der Figuren erklärbar zu machen.

Wenn Elena und Robert realistische Figuren wären, würde man ihnen aber schon, neben der Lektüre von "Sein und Zeit", eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Nähe zum Nationalsozialismus empfehlen. Und mehr Beschäftigung mit jüngerer deutscher Geschichte. Doch Elena und Robert sind Chiffren, zumindest drehbuchseits. Dank der sensationellen Akteure Julia Zange und Josef Mattes werden sie zu Figuren aus Fleisch und Blut. Die Paradoxien des Films sind zum Verrücktwerden. "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" ist ein konzeptionelles Wagnis.

"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot", ARD-Mediathek, bis 28. September

© 2017 Philip Gröning
© 2017 Philip Gröning
Josef Mattes und Julia Zange in Philip Grönings "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot".


Vier Künstlerinnen und die Wahrheit der Körper

Dramatisch hämmernde Elektro-Musik begleitet "Body Of Truth", dieses filmische Stelldichein von Marina Abramović, Sigalit Landau, Katharina Sieverding und Shirin Neshat, als gelte es, ein Amazonen-Quartett bei seiner Mission möglichst martialisch in Szene zu setzen. Nein, die Dokumentation von Evelyn Schels ist nicht gerade zurückhaltend in ihren Mitteln, wenn es darum geht, die Fokussierung der vier Künstlerinnen auf Schmerz und Verletzung einzufangen, auf die Sprache des Körpers, der niemals lügt, wie es Marina Abramović gleich am Anfang sagt. Im Gegensatz zum Geist, den es der Wahrheit wegen zu überlisten gilt.

Ins direkte Gespräch kommen nur Abramović und Neshat. Das ist bedauerlich, denn so wirken die von reichlich Archivmaterial profitierenden Einzelporträts etwas konstruiert aneinandergereiht entlang einer These, die dazu dient, den Künstlerinnen in ihren Ateliers in New York City, Jerusalem, Berlin und Düsseldorf bei der Arbeit zuzusehen. Sehenswert ist der Film trotzdem, denn aus den hier geführten Interviews kristallisieren sich allmählich Überschneidungen des familiären Hintergrunds mit gesellschaftspolitischen Konfliktlagen heraus. So etwa, wenn die Israelin Sigalit Landau traumatische Holocaust-Erfahrungen ihrer Verwandtschaft mit den Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern verknüpft, um sie sich buchstäblich einzuverleiben. 
                   

"Body Of Truth", ARD-Mediathek, bis 6. August

Marina Abramovic und Shirin Neshat im Film "Body Of Truth"
Foto: Courtesy Börres Weiffenbach

Marina Abramovic und Shirin Neshat im Film "Body Of Truth"


Weisheiten vom Street-Art-Künstler JR

Der französische Street-Art-Künstler JR ist bekannt für seine flächendeckenden Schwarz-Weiß-Fotografien, die bereits weltweit diverse Häuserfassaden, Straßen, Brücken und öffentliche Plätze zierten. Motiv und Bildsprache seiner überdimensionalen Plakate greifen kulturell und zeitgeschichtlich relevante Themen auf und entlarven dadurch gesellschaftliche Missstände. Es sind weniger Handlungsanweisungen als Impulse, die JR mit seiner Kunst zu vermitteln versucht: "I’m not an activist, I’m just an artist. I don’t try to tell people what to think. I just try to make them think."

So auch geschehen in einem seiner jüngsten Projekte, für das er mit männlichen Häftlingen und Wärtern eines kalifornischen Hochsicherheitsgefängnisses an einer riesigen Bodencollage arbeitete, die sich aus einzelnen Porträts der Insassen zusammensetzt. In einem charmanten und wortwitzigen TED-Talk berichtet der 39-Jährige über die Erfahrungen, die er hinter den Mauern der California Correctional Institution in Tehachapi machen durfte. Das Projekt, das von JR über mehrere Wochen betreut und über Instagram geteilt wurde, zeigt auf, wie Kunst als wirksame Kommunikationsbrücke eingesetzt werden kann. Und so scheint es, als hätte die künstlerische Zusammenarbeit auf diversen zwischenmenschlichen Ebenen Mauern zu Fall gebracht.

"JR: Why art is a tool for hope", TED-Mediathek
 

Street-Art-Künstler JR 2020
Foto: Georges Biard

Street-Art-Künstler JR 2020


Das dramatische Leben der Malerin Séraphine Louis

Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden wird gerade die Ausstellung "Die Maler des Heiligen Herzens" gezeigt. Darin geht es um Künstlerinnen und Künstler, die man früher "naiv" nannte, und die ohne akademische Ausbildung ihren Weg in den Kanon fanden. Eine von ihnen ist Séraphine Louis (1864-1942), eine malende französische Haushälterin, die durch ihren Vorgesetzten, den deutschen Sammler Wilhelm Uhde, gefördert wurde.

Wer mehr über diese Geschichte erfahren will, kann das biografische Drama "Séraphine" von 2008 anschauen, das Louis' Leben in künstlerisch komponierten Bildern erzählt. Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur) sieht in seiner eigenwilligen Angestellten (Yolande Moreau) ein großes Talent und will sie genauso bekannt machen wie seine früheren Schützlinge Henri Rousseau und Pablo Picasso. Doch nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges müssen Uhde und seine Frau aus Frankreich fliehen. Erst viele Jahre später trifft er Séraphine wieder und kann ihr einen gediegenen Lebensstandard ermöglichen. Doch die Große Depression vernichtet Uhdes Wohlstand, und Louis entwickelt psychische Probleme. Ihre letzten Lebensjahre verbringt sie in einer psychiatrischen Anstalt. Die Kunst, so glauben die Ärzte, habe sie verrrückt gemacht. 

"Séraphine", der mit sieben französischen Césars ausgezeichnet wurde, ist kein Film mit Happy End. Aber einer über die Kraft des Schaffens und eine Zeit, in der Unangepasstheit einen hohen Preis hat.

"Séraphine", auf Amazon Prime

Yolande Moreau (links) und Ulrich Tukur in "Séraphine"
Foto: Arsenal Filmverleih

Yolande Moreau (links) und Ulrich Tukur in "Séraphine"


Kunst in die Wüste schicken

Warum zieht es Künstlerinnen und Künstler in die Wüste, den lebensfeindlichsten aller Ausstellungsräume? Wie beispielsweise das "Burning Man"-Festival in Nevada immer wieder beweist, übt die karge heiße Landschaft eine starke Faszination auf Kreative aus. Die vierteilige Serie "Kunst in der Wüste" besucht Werke in vier Bundesstaaten im Westen der USA und die Menschen, die sie geschaffen haben. Der staubige Roadtrip führt unter anderem zu Michael Heizers Land-Art-Installation "Double Negative" und zu Andrea Zittel, die in ihrer Arbeit den Alltag in der Wüste dokumentiert.

"Kunst in der Wüste", Arte-Mediathek, bis 17. September

Kunst in der Wüste
Foto: Arte

"Kunst in der Wüste", Filmstill, 2018


Blider für die Ewigkeit

Die Aufgabe, mit der Dorothea Lange 1935 von der Farm Security Administration losgeschickt wird, ist keine einfache: Nichts Geringeres als die Conditio Humana soll die Fotografin auf ihrer Reise in die US-amerikanische Peripherie einfangen. Am Ende der Suche steht eines der eindrücklichsten Bilder der jüngeren Geschichte: "Migrant Mother". Es soll das Sinnbild für zwei der größten Katastrophen in der Geschichte des Landes werden, die Great Depression und den Dust Bowl, die Tausenden Farmer-Familien die Existenzgrundlage entrissen.

In ihrer Dokumentation "Dorothea Lange: Einen Funken Ewigkeit einfangen" spürt Langes Enkelin Dyanna Taylor, selbst preisgekrönte Filmemacherin, dem Leben der großen Fotografin nach. Eröffnet wird der Film mit einer persönlichen Erinnerung an einen Tag am Strand: Ein kleines Mädchen betrachtet die Steine in seiner Hand. "Aber siehst du sie wirklich?", fragt die Großmutter und drückt auf den Auslöser. Das Sehen, so sagt ihre Enkelin später, sei ihre Art gewesen, Nähe aufzubauen: Lichtbilder sind Berührungen durch die Linse.

Lange hat es wie kaum eine andere geschafft, die Gesichter der USA zu porträtieren – jene Menschen, die es vielen anderen nicht wert waren, abgelichtet zu werden. Die Entscheidung, Fotografin zu werden, trifft sie noch bevor sie das erste Mal eine Kamera in der Hand hat. Ihre Fotos sind Sozialstudien, getrieben aus einem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn, die immer wieder auf die Essenz menschlicher Existenzfragen zurückfallen. Eindrücklich und mit einer Präzision, die Kommentierung obsolet macht, fängt sie Grundstimmungen, Machtverhältnisse und Dynamiken ein: Ein Landbesitzer, der selbstbewusst an sein Auto lehnt, während ehemals versklavte Feldarbeiter im Hintergrund auf Arbeit warten, Schlangen verarmter Männer in Anzügen, die während der Wirtschaftskrise in Suppenschlangen warten, japanisch-stämmige Familien, die nach Beginn des Weltkriegs mit einem Zettel versehen und gesamtem Hab und Gut stoisch ihrem Abtransport in Arbeitslager entgegenblicken. Letztere Bilder und auch jene, die Lange in den Lagern selbst machte, wurden Jahre lang von den Auftraggebern selbst unter Verschluss gehalten – denn für die intendierten Propagandazwecke waren die Fotos, die die Ungerechtigkeit und das Leid der enteigneten und gedemütigten Menschen zeigten, nicht zu gebrauchen.

Etwas zu einseitig und voreingenommen ist der Blick der Enkelin auf die große Fotografin. Trotzdem ist es ein rührender Film, der von originalen Filmaufnahmen und einer Vielzahl beeindruckender Fotografien Langes getragen wird. In den Filmschnipseln sieht man etwa die alternde Frau mit ihrem Assistenten das Archiv durchkämmen, oder mit der Fotokoryphäe John Szarkowski, dem damaligen Kurator von der Fotoabteilung des MoMA, über die bevorstehende Retrospektive in dem New Yorker Museum sprechen. Es ist die erste große Einzelausstellung einer weiblichen Fotografin in dem Haus. Es ist ein Lebenswerk, was dort 1965, drei Monate nach ihrem Tod, gezeigt wird. Der Film von Dyanna Taylor hat denselben Anspruch.

"Dorothea Lange: Einen Funken Ewigkeit einfangen", Arte-Mediathek, bis 28. September

Dorothea Lange (1895-1965) sitzt mit einer Graflex Kamera auf einem Ford V8 in Kalifornien
Foto: Rondale Partridge für Farm Security Administration / Office of War Information / Office of Emergency Management / Resettlement Administration. Gemeinfrei

Dorothea Lange (1895-1965) sitzt mit einer Graflex Kamera auf einem Ford V8 in Kalifornien

Doug Aitkens macht die Räume weit

Doug Atiken macht Kunst für die beschleunigte Gegenwart. Seine Videos, Fotografien, Skulpturen und Performances verbinden traumgleich die Weiten der Wüste mit den Dschungeln des Urbanen. Was ist Natur, was ist Hightech? Der Unterschied ist nicht mehr relevant in einer Welt, in der die Bilder schneller fliegen als Jets. Seit Ende der 90er-Jahre erregt Aitken, 1968 in Kalifornien geboren, mit aufwendigen Mehrkanalinstallationen  Aufsehen. Sein Timing ist perfekt wie das eines DJs. Und wenn der Break einsetzt und das Bild stillsteht, bekommt der Gedanke Raum, so weit wie der Himmel, den ein Flugzeug mit einem weißen Kondensstreifen markiert.

Auf Mubi ist nun sein neuer Kurzfilm "Wilderness" zu sehen, der in seiner Heimat Venice Beach entstand: Wir sehen Menschen, die an dem berühmten Strand abhängen, in die kalifornische Sonne schauen, Handys werden in den Himmel gereckt, Flieger kreuzen das Blau-Rot über ihnen. Der Künstler will Momente des Übergangs festhalten, Schnappschüsse evolutionärer Stadien. Es entsteht eine fragmentierte filmische Erzählung, die Innen und Außen, Wahrnehmung und Welt verknüpft. All seine Werke seien Bewegungen und Gesten, sagte Aitken einmal im Monopol-Interview. "Sie sind wie Röntgenaufnahmen, Kristallisationen dieser mysteriösen Landschaft von Bewegung und konstantem Fluss."

"Wilderness", auf Mubi

Still aus Doug Aitken "Wilderness", 2022
Screenshot: Mubi

Still aus Doug Aitken "Wilderness", 2022