Anna Gien

Scheitern mit Christian Jankowski

I’m the Über-Loser, Baby!

08/08/2018 - 13:15

Christian Jankowski ist der zweitbeste Künstler Deutschlands. Das Scheitern ist für ihn irgendwo auf dem Weg nach oben zum Ursprungsmythos seiner Karriere geworden. Monopol-Kolumnistin Anna Gien hat mit ihm über Scham, Erfolg und Männersachen gesprochen

Im Prenzlauer Berg gibt es einen Laden, der "School of Life" heißt. Da liegen Bücher, T-Shirts mit motivational quotes, außerdem veranstalten sie dort Seminare und Workshops, bei denen man etwas übers Leben lernen kann. Die Corporate Identity des Ladens ist serifenlos und sonnengelb, was das Ganze mehr nach Outdoorbekleidungsshop als nach esoterischem Selbsthilfegebimmel aussehen lässt. Ein Buch liegt ganz vorne in der Auslage: "How To Fail - The Self-Hurt Guide". Vom Titel grinst ein gelber Smiley.

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Anika Meier

Bilder und Klischees

Was die Fotografie heute noch taugt

08/05/2018 - 20:39

Die sozialen Medien bringen die Fotografie in eine Krise, wird oft behauptet. Dabei muss man sich nur in aktuellen Ausstellungen umsehen, um zu einem anderen Befund zu kommen

Auf meinem Notizzettel zu diesem Text steht in großen Buchstaben das Wort "PENIS", daneben der Name des Fotografen Juergen Teller. Man kann sich tatsächlich über diesen und jenen Penis wundern. Zum Beispiel über den von Lars Eidinger. Der Schauspieler darf wie ein kleiner Bub mit seinem Penis auf Instagram herumalbern, während sogar übervorsichtigste Fotos von Künstlerinnen, die ein bisschen Brust zeigen, wegen Anstößigkeit gelöscht werden. So eine Protzerei mit dem "Rohr" – der Witz ist nicht von mir, sondern von Bienchen387 oder so ähnlich – macht 6.170 Likes. 

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Die Monopol-Redaktion

Wagner-Festspiele

Surreales Bayreuth mit Neo Rauch und Rosa Loy

08/05/2018 - 20:23

Eindrücke von den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth: Uwe Eric Laufenbergs "Parsifal" läuft im dritten Jahr, Neo Rauch und Rosa Loy haben sich "Lohengrin" atemberaubend ausgemalt

Der Glaube lebt, die Taube schwebt? Ach was, stattdessen flattert eine Fledermaus durch das Finale des "Parsifal". Das Tier hat sich offenbar ins Bayreuther Festspielhaus verirrt, passt aber gut in Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung. In seiner Regie von Richard Wagners Abschiedswerk leistet die Gralsgesellschaft von Anfang an Flüchtlingshilfe. Am Ende tanzt eine Multikulti-Gesellschaft durch prasselnden Bühnenregen, Riesenpflanzen wachsen wild durcheinander. Und diverse Gläubige werfen ihre Kultgegenstände in einen Sarg. Weg mit Menora, Kruzifix oder Gebetskette. Mitleid verbindet alle Religionen. So verbrüdert sich der "Parsifal"-Chor am Ende auf der offenen Hinterbühne.

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Die Monopol-Redaktion

Unterwegs im Ruhrgebiet

Auskommen mit dem, was da ist

07/30/2018 - 14:21

Im Ruhrgebiet kommt man traditionellerweise ganz gut mit dem aus, was schon da ist. Das zeigt sich auf produktive Weise in der Kunstwelt. Elke Buhr war in Essen, Bochum und Dortmund unterwegs

Vier gelbe Striche auf grauem Beton ergeben ein Heim. Die Punks jedenfalls, die sich im Raucherbereich des Ankunftsgleises auf dem Dortmunder Hauptbahnhof gerade lachend ein Bier öffnen, sehen aus, als würden sie hier nicht nur sitzen, sondern wohnen. Es ist ungefähr 37 Grad warm, die jungen Menschen drumherum wollen noch schnell zum Juicy Beats Festival in den Westfalenpark, aber ich werde mich an diesem Abend in meiner alten Heimat Ruhrgebiet auf die Suche nach Kunst machen. Bei der Mutter in Bochum leihe ich mir erst einmal ein Auto aus, das bevorzugte Verkehrsmittel der Region. Autobahnauffahrten sind hier so häufig wie anderswo Straßenkreuzungen, und der so genannte Ruhrschnellweg zwischen Dortmund und Mülheim ist so etwas wie das Wohnzimmer der Anwohner – wobei man dort häufig so unbeweglich im Stau steht, als säße man auf dem heimischen Sofa.

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Anika Meier

Tom Galle, Meme-Künstler

"Das Internet erzeugt einen Großteil der Kultur"

07/26/2018 - 17:47

Tom Galle macht Memes für ein Kunstpublikum und Kunst für ein Memepublikum. Mit seiner Arbeit will er auch außerhalb der Galeriewelt neue Wege beschreiten

Tom Galle, Sie sind dafür bekannt, dass Sie Apple-Geräte scheinbar mutwillig zerstören oder überdreht einsetzen: MacBooks mit Selfie-Stick oder iPhone-Kartons als Sandalen. Wie reagieren Follower und Beobachter darauf?
Das ist mein Markenzeichen. Ich kritisiere selbstironisch das digitale Zeitalter. Humorvoll zeige ich, wie wir das Internet, soziale Medien und Technologie nutzen. Viele Menschen können sich mit den Gefühlen von Überforderung und Überaffirmation identifizieren. Es gibt eine interessante Dynamik zwischen der Überlastung durch Technologie und einer Zen-artigen Akzeptanz. 

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Die Monopol-Redaktion

Unterwegs in Berlin

Durch die Nacht mit Tee

07/23/2018 - 17:39

In der Kunst wird gerade gerne Tee zubereitet: Er hat Komplexität, Tiefe, Konsumierbarkeit und eine langanhaltende Wirkung

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Die Monopol-Redaktion

Unterwegs in London

Stadt mit Schnappatmung

07/16/2018 - 11:22

Brexit-Chaos, WM-Aus, Trump-Baby: Saskia Trebing unterwegs in London, einer Stadt mit Schnappatmung

London war in den letzten paar Tagen eine Stadt mit Schnappatmung. Zuerst die Rücktritte der Brexit-Hardliner David Davis und Boris Johnson, dann der sportliche Brexit der Engländer aus der Weltmeisterschaft (theatralisch trauernd oder volltrunken auf dem kochenden Asphalt liegende Briten inklusive) und dann der Staatsbesuch von Donald Trump, der sich mit seinen Protokollbrüchen bei der Queen die medienwirksamste Majestätsbeleidigung seit Morrissey und den Sex Pistols geleistet hat.

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Die Monopol-Redaktion

Shilpa Gupta in Baku

"Träume sind unzerstörbar"

07/10/2018 - 11:47

Die indische Künstlerin Shilpa Gupta hat im aserbaidschanischen Baku eine Ausstellung eröffnet, die um Redefreiheit kreist – in dem Land am Kaspischen Meer ein brisantes Thema

Die Show beginnt auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum. Die neuen Hochhäuser von Baku leuchten nicht einfach, sie sind Riesen-Screens für bewegte Bilder. Geometrische Lichtmuster huschen über die Fassaden, auf den Animationen werden Fahnen geschwenkt oder Großfeuer entfacht. Andererseits scheint eine geisterhafte Leere in der Hauptstadt Aserbaidschans zu herrschen. Als würde in der Metropole am Kaspischen Meer gar nicht für die Bewohner gebaut. Im kommenden Jahrzehnt sollen in Baku 500 neue Gebäude entstehen. Die drei "Flame Towers", die bis zu 200 Metern hohen Glastürme, sind bereits hochgezogen. Die Aserbaidschaner haben es eilig, ihre UdSSR-Vergangenheit hinter sich zu lassen. In einigen Vierteln dominieren noch die Betonklötze aus der Sowjetzeit. Was sich zumindest nachts mit Lichtkaskaden ganz gut überspielen lässt.

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Anna Gien

Das wird schon

Aktmodell für Zoë Claire Miller

07/03/2018 - 11:59

Ich war noch nie Aktmodell. Nur einmal aus Versehen, und das ist schon ziemlich lange her. Etwas an der Idee erschien mir, zumindest aus verklärt-abstrakter Perspektive, immer schon irgendwie reizvoll. Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich nicht in alle Ewigkeit auf den Brief aus Hogwarts würde warten können, dass das mit der Popstarkarriere nicht wirklich realistisch war und meine Mathelehrerin mir bereits in der fünften Klasse klar machte, dass man ab hier nur noch Schadensbegrenzung betreiben könne, war mein erster ernstgemeinter Berufswunsch Muse. Dafür muss man einfach nur man selbst sein, dachte ich, und imaginierte mir ein Leben in verstaubten Ateliers zwischen leeren Rotweinflaschen und amourös aufgeladenen, hochtrabenden Konversationen. Trotz exzessiven Flanierens in den richtigen Gegenden wurde ich nicht früh genug entdeckt, und weil es keine offiziellen Agenturen für Musenvermittlung gab, und ich mir die Chancen einer Initiativbewerbung mit Lebenslauf und Motivationsschreiben nicht sehr hoch ausmalte, legte ich das Ganze vorübergehend auf Eis. 

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Die Monopol-Redaktion

Eröffnung im Barberini

Gerhard Richter verschwindet durch die Tiefgarage

07/02/2018 - 09:48

Gerhard Richter hat am Wochenende seine Ausstellung "Abstraktion" in Potsdam eröffnet. Silke Hohmann hat die Vernissage besucht und sich gewundert: Wo sind seine Malerkollegen?

Gerhard Richter hat gesagt, dass seine Bilder sich gegen die Realität behaupten können müssen. Gegen das, was man sieht, wenn man aus dem Fenster schaut, denn draußen stimme immer alles.

Das gilt vielleicht für die gesamte Welt, aber nicht für Potsdam. Denn wenn man im Auditorium im zweiten Stock auf der Fensterbank Platz genommen hat und nicht nach vorne zu Norbert Lammert schaut, der eine Laudatio hält, sondern nach draußen auf den gepflasterten Platz, dann stimmt nichts: Das Alte Rathaus im Stil einer Renaissance-Villa, die klassizistische Kirche, das Stadtschloss und das Gebäude, in dem man selbst sich befindet, das Museum Barberini, sind von einer kulissenhaften Makellosigkeit und erdrückendem Repräsentationswillen.

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Anika Meier

Debatte

Kunstkritik und Museen in Zeiten sozialer Medien

06/29/2018 - 12:15

Social Media hat alles verändert. Bloß muss das noch in der Kunstwelt ankommen, denn Museen verkennen oft die Wichtigkeit von Twitter, Instagram und Facebook. Bei der Kunstkritik ist es komplizierter, aber auch hier gilt: Besser mitmachen!

Das Internet geht wieder weg. Im Basler Historischen Museum ist man sich da offenbar sehr sicher. Anders ist es nicht zu erklären, dass Anfang Juni gemeldet wurde, die Sache mit den "Tweeds" und irgendwas mit Blog werde fortan nicht weitergeführt. Zitiert wurde aus dem aktuellen Jahresbericht des Museums:

Die Effizienzanalyse der bisherigen Aktivitäten der Abteilung Kommunikation führte allerdings zu dem Entscheid, das Projekt "e-culture" mit Tweeds (sic!) und Blogbeiträgen 2018 nicht weiterzuführen. Die Auswertung der letzten Jahre hat nämlich gezeigt, dass es nicht gelungen ist, mit den sozialen Medien derart zielgruppenspezifisch zu kommunizieren, dass am Ende mehr Besucherinnen und Besucher an der Kasse oder auf unserer Webpage verzeichnet werden konnten.

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