Luxembourg Art Week

"Kleiner Patriotismus" im Großherzogtum

Dass sich Luxemburg zum wichtigen Kulturstandort mausert, hat auch die achte dortige Art Week bewiesen. Ein Rundgang durch Messen, Museen und Galerien

Ob dieser Empfang geglückt war? Gleich die erste Koje zu Beginn des Messeparcours konfrontierte die Besucher und Besucherinnen mit dem barocken Riesenformat des 1976 in Hanoi geborenen Malers Nguyen Xuan Huy, den die Galerie Rothamel aus Erfurt vertritt. Darauf steigt ein entwurzelter Baum wie ein Heliumballon in den Himmel und nur ein müder Elefant und eine nackte Grazie versuchen ihn an dünnen Schnüren festzuhalten. Zwischen orangenem Ledersofa und monumentaler, in allen Regenbogenfarben schillernder Diskokugel am Boden mühen sich weitere Nackedeis weiblichen und männlichen Geschlechts damit ab, die knallbunten Plastikschläuche loszuwerden, die sich wie Schlangen um ihre Körper winden. Der malerisch gekonnt in Szene gesetzte Bombast will als großes Kunsträtsel verkauft werden.  

Im weiteren Fortgang freilich erweist sich die Luxembourg Art Week, wie die Kunstmesse heißt, die nun schon zum achten Mal stattfand, als sehr erfreuliche Veranstaltung. In der temporären, zwischen dem Bankendistrikt und der Altstadt am Glacis gelegenen weißen Zeltkonstruktion zeigen 80 Aussteller, darunter 30 Galerien, die neu dabei sind, durchweg sehenswerte, interessante und qualitätvolle Arbeiten, überwiegend Malerei und Skulptur.

Bei der Frankfurter Galerie Heike Strelow fällt Starsky Brines (geboren 1977, Maturin, Venezuela) mit fabelhaften, menschliche und tierische Merkmale vereinenden Mischwesen und einem zeichnerisch akzentuierten, zwischen Figuration und Abstraktion changierenden Malstil auf. Nicht minder faszinierend: Nadja Adelmanns (*1987) kreisrundes Kunstpelz-Objekt, über das ein Metallzeiger streicht, der den Strich des Fells verändert und viertelt, eine Art Pelzuhr, in Variation zu Meret Oppenheims berühmter Pelztasse.

Auffällig: Fotografie, gar Video ist nur vereinzelt zu finden, kann dann aber die Aufmerksamkeit sofort auf sich ziehen – wie bei einem von drei zeitgenössischen Kunstinitiativen aus der belgischen Provinz nach Luxemburg getragenen Messestand. In der Gegenüberstellung von René Remacles (*1938) großartigen Schwarzweißaufnahmen bäuerlicher Arbeit aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, und Sarah Joveneaus (*1993) hippiesken Farbfotografien heutigen nomadischen Lebens in der freien Natur, geht Lyoz Bandie (*1994), der mit Aufnahmen aus dem konfliktreichen bosnisch-kroatischen Grenzgebiet bekannt wurde, leider etwas unter.

Mit dem Rücken zur Kunst

Der Messestand gehört zum Bereich "Take off", in dem 25 Galerien Künstler und Künstlerinnen vorstellen, die (wieder) zu entdecken sind. Es wäre schön, würden sie so abheben wie es der Messe selbst gelang. Ihre Premiere 2015 feierte sie noch in einer Mehrzweckhalle, bei der sich eine Kollegin von der Presse an Basketballkörbe zu erinnern glaubt, während ein Berliner Galerist davon erzählt, wie die luxemburger Banker und Rechtsanwälte den ganzen Eröffnungsabend lang auf dem niedrigen Holzpodest zusammenstanden, auf dem das Büffet aufgebaut war, und sich abgewandt von den Messeständen gut unterhielten.

So war das mit "dem Rücken zur Kunst" nicht gemeint, wie der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich seine Überlegungen zur Rolle der Kunst in der unternehmerischen Repräsentationskultur 2000 übertitelte. Inzwischen treten Fondsmanager und Steueranwälte – die ja teils schon lange durchaus beachtliche Sammlungen mit Gegenwartskunst pflegen – entschieden weniger reserviert auf, weil sie wissen, dass sie auch auf der heimischen Messe fündig werden. Vor allem dann, wenn luxemburgische Künstler und Künstlerinnen fester Bestandteil ihres Sammlungsrepertoires sind, was gängige Haltung zu sein scheint. Leslie de Canchy, Direktorin der Luxembourg Art Week, spricht stolz vom "kleinen Patriotismus" der Luxemburger Kunstliebhaber.

Die sind freilich, wie die restlichen Stadtbewohner, vor allem ein internationaler Haufen aus rund 156 Ländern, gesegnet mit ziemlich viel Geld. Liegt doch der Kaufkraftstandard eines Luxemburgers bei 253 Prozent des EU-Durchschnitts. Entsprechend entwickelt die Messe einen Kunstparcours auf der Höhe des globalen Diskurses.

Bekanntlich spielt hier Nachhaltigkeit eine große Rolle, ein Thema, das Adrien Vescovi bearbeitet, indem er Gemälde aus alten Stoffen komponiert, die er mit Naturpigmenten einfärbt. Der Künstler, der in Marseille lebt und arbeitet, hat zur Zeit eine große Einzelausstellung im Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain und gestaltete nun auch das Café der Messe markant mit seinen Tuchbildern.

Abenteuer zeitgenössische Kunst

Die Zusammenarbeit der Messe mit dem 1996 eröffneten Projektraum hat Symbolwert. Denn mit dem Casino Luxembourg begann vor Ort das Abenteuer mit der zeitgenössischen Kunst, das – dank der Schenkung eines Museums für moderne Kunst an den luxemburgischen Großherzog Jean zu seinem 25jährigen Thronjubiläum 1989 – eigentlich längst schon hätte in vollem Gang sein sollen.

Doch das Projekt stieß auf erbitterten Widerstand, und als Luxemburg 1995 europäische Kulturhauptstadt wurde, fehlte der Ort für die aktuelle Kunst. Dazu wurde dann das Casino Luxembourg bestimmt, gedacht als temporäres Haus bis zur Realisation des von Stararchitekt Ieoh Ming Pei entworfenen Musée d'art moderne Grand-Duc Jean, kurz Mudam. Das eröffnete dann aber erst 2006, zehn Jahre nach dem Start des Casino. Das war 1998 Zentrum der Manifesta 2 gewesen und danach als feste Institution mit einem international beachteten Programm etabliert.  

2022 ist das Großherzogtum Luxemburg mit Esch-sur-Alzette wieder Standort einer Kulturhauptstadt Europas. Die 36.000-Einwohner-Stadt mit dem rauen Charme des einstigen Schwerindustriezentrums – Grundlage des Wohlstand des Großherzogtums waren die hier gelegenen reichen Erzvorkommen und die entsprechenden Stahlwerke – steckt mitten im Konversionsprozess zu einer Stadt der Wissenschaft und Kultur. 

Nadja Adelmann "Gegenstrich II", 2022, bei der Frankfurter Galerie Heike Strelow
Foto: Nadja Adelmann & Heike Strelow, Courtesy Luxembourg Art Week

Nadja Adelmann "Gegenstrich II", 2022, bei der Frankfurter Galerie Heike Strelow


Mit der Konschthal in einem ehemaligen Möbelhaus am Boulevard Prince Henri ist die zeitgenössische Kunst nun auch in Esch präsent. Mit dem enormen Raumangebot von 2400 Quadratmetern auf vier Ebenen, bietet sie Platz für mehrere parallel laufende Ausstellungen, wobei Gründungsdirektor Christian Mosar von jungen, experimentellen bis avantgardistischen Projekten spricht. Für kommendes Jahr ist Ben Greber (*1979) eingeplant. Seine strengen Vitrinen und Verpackungsboxen, in denen er den Fundus seiner Skulpturen und Installationen archiviert, stellt die Berliner Galerie Lage Egal auf der Messe vor. Die Meta-Installation kommentiert die "fortlaufenden Entgegenständlichung aller unser Leben betreffenden Prozesse und Zusammenhänge".

Das eigenwillige Erscheinungsbild, das die Kontschthal mit den freigelegten tragenden Elementen, den rohen Betonstrukturen und Metallträgern zeigt, und das sich deutlich vom üblichen White Cube unterscheidet, könnte einen gegenläufigen Akzent zu Grebers Laborästhetik setzen. Die derzeitige Ausstellungsarchitektur bringt allerdings die Ästhetik des Raums zum Verschwinden. Ihn füllen 13 mächtige Holzkuben, in denen der litauische Bildhauer Deimantas Narkevičius seine zwischen dokumentarischer und autobiografischer Perspektive wechselnden Filme projiziert. In diesen ist er dem postkommunistischen Leben und Alltag in dem baltischen Land auf der Spur. Das litauische Kaunas ist ja ebenfalls Kulturhauptstadt Europas, was den Austausch anregt.

Repräsentativ für Narkevičius' stets mitlaufende Reflektion des Mediums wie für seinen Humor ist "Once in the XX Century" (2004). Während der Ton sich chronologisch voran bewegt, laufen die dokumentarischen Bilder vom Abbau einer Leninstatue rückwärts, was den verrückten Effekt hat, dass der größte Jubel der umstehenden Menge ausgerechnet in dem Moment aufbrandet, als die Statue wieder an Ort und Stelle ist.

Alternativen zur Finanzwirtschaft

Derlei böse Ahnungen ob der Nostalgie der Leute für vergangene Zeiten plagen die Planer für das Gebiet Esch Belval nicht. Denn hier bietet sich die Chance, der luxemburgischen Alternative zu entkommen, die bislang allein auf Finanzwirtschaft und Fondsgesellschaften als Ersatz für den Stahl setzte. Nachdem die Minen und Hütten geschlossen sind, siedelten sich auf der 650 Hektar großen Industriebrache neben weiteren Dienstleistern und Verwaltungen die Universität Luxemburg, das Nationalarchiv und die Rockhal genannte Konzerthalle an.   

Wie die Erhaltung der stillgelegten Industrieanlagen funktioniert, zeigt die Möllerei, die hinter einem alten, auf Hochglanz polierten Hochofen liegt, dessen Erz- und Koksschütte sie einstmals war. Mühsam von Kohlestaub befreit und frisch renoviert ist sie jetzt Ausstellungsraum vorrangig für digitale Kunst.

Diese ist auch auf der Messe vertreten. Am attraktivsten in Form einer der "Repräsentantinnen" von Louisa Clement (*1987), KI-gesteuerte Sprechpuppen, die die Künstlerin im Mai dieses Jahres im Casino Luxembourg präsentierte. Eine dieser Figuren, der eine auf die Herstellung von Sexpuppen spezialisierte Firma in China genau Körper und Gesicht von Louisa Clement gab, war nun in den Gängen zwischen den Messeständen unterwegs. Dort sollte sie mit den Besuchern interagieren und dabei eine eigene Persönlichkeit entwickeln.

Studio Above Below "Aquateque", 2022, bei NFT Front Office
Foto: Studio Above Below, NFT Front Office & Luxembourg Art Week

Studio Above Below "Aquateque", 2022, bei NFT Front Office


Weit weniger sexy, es sei denn unter spekulativen Gesichtspunkten, zeigte sich digitale Kunst im Parallel NFT Front Office, das zukünftige Sammler von NFTs in das Gebiet einführen und beraten möchte. Die Gruppe arbeitet mit Feral File zusammen, Leuten, die Ausstellungen digitaler Kunst beauftragen und kuratieren und dabei mit Künstlern und Institutionen zusammenarbeiten, um neue Ausstellungsformen zu entwickeln. Es könnte sich lohnen, Parallel NFT Front Office weiter zu beobachten.

Vom wachsenden Interesse und Wissen hinsichtlich der zeitgenössischen Kunst profitiert auch die Galerieszene Luxemburgs, es gibt einige Neugründungen, die wie etwa die Galerie Reuter Bausch den großen Erfolg des ersten Jahres so gar nicht erwartet hätten. Dagegen und gegen die fünf Jahre atle Valerius Galerie ist die Galerie Nosbaum Reding ein alter Hase auf dem Feld, dem dann auch ein großer Anteil am Erfolg des blühenden Kunstlebens zufällt: Galerieeigner Alex Reding war Initiator der Art Week Luxembourg. Und inzwischen könnte es für die entscheidenden Player auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst eng werden im Großherzogtum mit seinen 650.000 Einwohnern.

Neu im Spiel ist Christian Mosar, der mit der Konschthal, so wird gemunkelt, auf den Luxemburger Pavillon in Venedig spekuliert. Womit er Kevin Muhlen, dem Direktor des Casino Luxemburg ins Gehege käme. Neu auf ihrem Posten als Direktorin des Mudam ist auch Bettina Steinbrügge, die zuvor den Hamburger Kunstverein leitete. Die derzeitige Ausstellung mit Tacita Deans Arbeiten zum Bühnenbild von "The Dante Project", einem von Thomas Adès komponierten Ballett, das im Oktober 2021 im Royal Opera House in London uraufgeführt wurde, hat noch ihre Vorgängerin Suzanne Cotter konzipiert.

Ambitionierte Player

Im Frühjahr aber startet Steinbrügge ihr Programm mit Ausstellungen einerseits zum Frühwerk des US-amerikanischen Malers Peter Halley und andererseits zu nachgelassenen Werk von Michel Majerus. Anlässlich des 20. Todestages des Luxemburger Künstlers, der 35-jährig am 6. November 2002 mit dem Flugzeug abstürzte, hatte sie jetzt zur Art Week das Symposium "What looks good today may not look good tomorrow: The Legacy of Michel Majerus" erfolgreich organisiert.

Es dürfte zukünftig noch spannender werden, was die Gegenwartskunst in Luxemburg angeht. Nicht Geld, sondern Aufmerksamkeit ist hier das knappe Gut. Wobei das Geld momentan viel Aufmerksamkeit hat. Der Ukraine-Krieg ist auch hier Thema, und mit ihm kommt nicht zuletzt die Frage auf, wie viel russisches Oligarchen-Geld sich in Luxemburg findet. 4,5 Milliarden sind bislang eingefroren, das russische Investment soll tatsächlich immer nur wenige Prozent betragen haben. Was glaubhaft ist: Denn so viel Luxemburg auch zu bieten hat, es fehlt die Küste, an der die Superyachten anlanden. Das macht auch die Kunst nicht wett.