Bilder des Jahres

2020 als Fotoalbum

Trauernde vor einem Wandbild in Minneapolis, das das Gesicht von George Floyd zeigt. Der 46-jährige Afroamerikaner wurde von einem Polizisten getötet
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Trauernde vor einem Wandbild in Minneapolis, das das Gesicht von George Floyd zeigt. Der 46-jährige Afroamerikaner wurde am 25. Mai 2020 von einem Polizisten getötet, der minutenlang auf seinem Hals kniete

Was in einem Jahr so alles passiert, kann man gerade in Zeiten der Pandemie schonmal vergessen. Ein paar Bilder bekommen wir aber nicht mehr aus dem Kopf. Die besten Fotos des Kunstjahres 2020

 

1. Wen wollen wir auf Sockel stellen?

Das Jahr 2020 war ein besonderes Jahr ­– nicht nur wegen der Corona-Krise. Unsere Gesellschaft ist im Umbruch, wir erleben eine Zeit der Debatten und Proteste. Die neuen Emanzipationsbewegungen in Folge von "Black Lives Matter" haben es geschafft, die Themen Kolonialismus und Rassismus nicht nur in den USA, sondern auch im Rest der Welt mit einer mit einer ganz neuen Dringlichkeit auf die Agenda zu setzen. Millionen Menschen demonstrierten, Straßen mit diskriminierenden Namen wurden umbenannt, öffentliche Denkmäler werden neu diskutiert, und alte Helden wurden gestürzt.

Auch der Sklavenhändler Edward Colston wurden von Demonstrierenden von seinem Sockel im englischen Bristol geholt. Seinen Platz nahm vorübergehen eine Statue des Bildhauers Marc Quinn ein, die die Aktivistin Jen Reid mit erhobener Faust zeigt. Ob es gerade weiße Künstler wie Quinn sein sollten, die neue Heldenbilder entwerfen, gehört auch zu den Fragen, die 2020 diskutiert wurden.

Die Aktivistin Jen Reid posiert vor ihrer Darstellung in einem Standbild aus Harz und Stahl mit dem Titel "A Surge of Power (Jen Reid) 2020" von Marc Quinn, die auf dem leeren Sockel installiert wurde, auf dem vor wenigen Wochen noch eine Edward-Colston-Statue stand
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Die Aktivistin Jen Reid posiert vor ihrer Darstellung in einem Standbild aus Harz und Stahl mit dem Titel "A Surge of Power (Jen Reid) 2020" von Marc Quinn, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem leeren Sockel installiert wurde, auf dem wenige Wochen zuvor noch eine Edward-Colston-Statue stand


2. Corona übernimmt alles

Aus dem Jahr der Pandemie könnte man ziemlich viele symbolträchtige Bilder auswählen.So ziemlich jede Statue im öffentlichen Raum bekam eine Maske aufgesetzt, die Ästhetik des Medizinischen übernahm den Alltag, Hallen für Kunstmessen wurden zu Hospitälern und viele Künstler versuchten sich in unterschiedlicher Qualität an Quarantäne-Werken. Selten kamen Corona und Kunst jedoch so unmittelbar zusammen wie in der DNA Gallery in Berlin-Mitte, die seit Anfang Dezember eine Teststation ist, in der aber weiterhin Bilder an den Wänden hängen. Vielleicht gar keine schlechte Kombination: Galerien sind ohnehin sterile Orte, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sitzen hinter Tresen wie Pflegepersonal, und befremdliche Dinge gehen in solchen white cubes doch andauernd vor sich. 

Die neu eröffnete Corona-Teststation in der DNA-Galerie in Berlin
Foto: Courtesy DNA Galerie/ schnelltestberlin

Corona-Teststation in der DNA-Galerie in Berlin


3. Die Nacht der Nächte

An dieser Stelle könnte auch eines der vielen Anti-Trump-Kunstwerke stehen, die in diesem Jahr während des US-Wahlkampfes entstanden sind. Aber die Kapriolen des nervenzehrenden Machtwechsels in den Vereinigten Staaten lassen sich vielleicht am ehesten an der Wahlnacht und dem Krimi danach festmachen. Bildmächtig bespielte die US-Künstlerin Trisha Baga vom 4. auf den 5. November das Fridericianum in Kassel, dem das Weiße Haus in Washington architektonisch ziemlich ähnlich ist. In ihrer Videoprojektion warf sie in einem dystopischen Bilderstrom Szenen aus Trumps Amtszeit auf die Fassade, zum Schluss der Arbeit keimte jedoch Hoffnung auf. Man darf gespannt sein, welche Art von Kunst unter dem gewählten Präsidenten Joe Biden entsteht.

Trisha Baga "Hope", Fridericianum, Kassel, 2020
Foto: Andreas Rossetti, © Trisha Baga, Fridericianum

Trisha Baga "Hope", Fridericianum, Kassel, 2020


4. Fridays for Abstandsmeeting

Zuerst war die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg (17) ein Mädchen, das einsam vor dem Parlament in Stockholm streikte. Nur wenige Monate später war "Fridays For Future" ein weltweites Phänomen mit Millionen von demonstrierenden jungen Menschen auf den Straßen. Die Corona-Pandemie zwang den Klima-Protest ins Digitale, während die Kritiker der Corona-Maßnahmen mit eifriger Unterstützung von rechts den öffentlichen Raum zunehmend für sich reklamierten. Im August saß Greta Thunberg dann mit ihrer deutschen "FFF"-Kollgegin Luisa Neubauer ziemlich einsam bei Kanzlerin Angela Merkel. Von jugendlichem Überschwang war auf den danach veröffentlichten Bildern nichts zu sehen. Wirkte eher wie die harte politische Arbeit von Erwachsenen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterhält sich mit den Klimaktivistinnen Luisa Neubauer (l) und Greta Thunberg (r) im Internationalen Konferenzsaal des Bundeskanzleramts
Foto: Steffen Kugler/Bundesregierung/dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterhält sich mit den Klimaktivistinnen Luisa Neubauer (l) und Greta Thunberg (r) im Internationalen Konferenzsaal des Bundeskanzleramts


5. Wut und Hoffnung in Beirut

Die Frau mit den wehenden langen Haaren reckt kämpferisch einen Stab in die Luft. Ende Oktober wurde die Skulptur der Künstlerin Hayat Nazer am Hafen von Beirut  aufgestellt - und sollte ein wenig Hoffnung verbreiten. Gebaut ist sie aus Trümmerteilen und Glassplittern, die überall in den zerstörten Vierteln der libanesischen Hauptstadt herumliegen. Anfang August hatte eine gewaltige Explosion große Teile Beiruts zerstört. Mindestens 190 Menschen wurden getötet, Tausende verletzt und Hunderttausende obdachlos. Auch die Kulturszene wurde hart getroffen und kämpft für einen Neuanfang.

Die Skulptur, die an klassische Revolutionsfiguren angelehnt ist, erinnert an den Moment der Detonation, die wohl durch unsachgemäß gelagerte Chemikalien im Hafen ausgelöst wurde. Die Uhr zu den Füßen der Frau zeigt 18.08 an - genau den Zeitpunkt, an dem sich die Katastrophe ereignete

Die Statue einer Frau im Hafen von Beirut
Foto: Bilal Jawich/XinHua/dpa

Die Statue einer Frau von Kayat Nazer im Hafen von Beirut


6. Der Mensch geht unter, das Smartphone lebt

Das Smartphone ist inzwischen zu einer Erweiterung des menschlichen Körpers geworden. Und im Lockdown wurde das Tor zur digitalen Welt noch wichtiger, manche hoben den Kopf gefühlt gar nicht mehr vom Display in Richtung Corona-Realität. Passend dazu ragte im Herbst aus dem Teich im Karlsruher Schlossgarten eine überdimensionale Hand mit Handy aus dem Wasser. Das Kunstwerk "Obsolete Presence" von Aram Bartholl gehörte zum Medienkunstfestival "Seasons of Media Arts" und sendete eine beunruhigende Botschaft: Der Mensch geht unter, die Technik überlebt.

Das Kunstwerk "Obsolete Presence" von Aram Bartholl ragt aus dem Schlossgartensee in Karlsruhe
Foto: dpa

Das Kunstwerk "Obsolete Presence" von Aram Bartholl ragt aus dem Schlossgartensee in Karlsruhe


7. Dunkle Wolken über Berlin Mitte

Für das Humboldt Forum in Berlin und seine Verantwortlichen war es kein einfaches Jahr. Die Debatten um Raubkunst in den preußischen Sammlungen rissen nicht ab, hinzu kam Empörung über ein christliches Kreuz auf dem Dach eines Hauses, in dem verschiedene Kulturen gleichberechtigt gewürdigt werden sollen. Das wiederauferstandene Stadtschloss wurde noch teurer und verschob die Eröffnungen wegen Corona nach hinten. Und dann standen Anfang April auch noch schwarze Rauchwolken über der Mitte Berlins. Auf der Baustelle des Humboldt Forums waren zwei Behälter mit Gussasphalt in Brand geraten. Der Schaden hielt sich jedoch in Grenzen, zwei Arbeiter wurden leicht verletzt.

Ende des Jahres gab es dann doch noch gute Nachrichten für Berlins kontroverses neues Wahrzeichen. Mitte Dezember öffnete das Humboldt Forum im Lockdown zumindest digital.

Rauchwolken am 8. April 2020 über dem im Bau befindlichen Humboldt Forum in Berlin
Foto: dpa

Rauchwolken am 8. April 2020 über dem im Bau befindlichen Humboldt Forum in Berlin


8. Die Kultur sieht rot

Die Protestformen unterschieden sich, die Botschaft war immer dieselbe: Kulturschaffende aus aller Welt machten darauf aufmerksam, dass sie die Anti-Corona-Maßnahmen in existenzielle Nöte bringt und Hilfen gerade bei Selbstständigen und dem Personal hinter den Kulissen nicht ankommt. Mehrmals leuchteten internatiole Kulturinstitutionen rot, um visuell Alarm zu schlagen. Im August erstrahlten überall in Großbritannien die Kunstorte, um auf den drohenden Verlust von einer Million Arbeitsplätzen in der Branche aufmerksam zu machen - so wie hier die Tate Modern in London.

Die Tate-Museen gerieten jedoch selbst in die Kritik, weil sie trotz Finanzspritze vom Staat hunderte Stellen streichen wollen - und die Kürzungen vor allem schlecht bezahlte Positionen betreffen, in denen viele nicht-weiße Personen arbeiten. Im Spätsommer streikte deshalb die Museums-Belegschaft.

Die Tate Modern und die Millennium Bridge in London leuchteten rot auf, um auf über eine Million Arbeitsplätze in der Unterhaltungsindustrie aufmerksam zu machen, die nach dem Ausbruch des Coronavirus ohne finanzielle Unterstützung sind
Foto: dpa

Die Tate Modern und die Millennium Bridge in London leuchteten rot auf, um auf über eine Million Arbeitsplätze in der Unterhaltungsindustrie aufmerksam zu machen, die nach dem Ausbruch des Coronavirus ohne finanzielle Unterstützung sind

 

9. Australiens Kultur im Feuerschein

Schrecklich schön erleuchten im Januar 2020 Buschbrände die National Gallery of Australia in Canberra. Das Museum hatte wegen der starken Rauchentwicklung durch die nahen Feuer schließen müssen, auch das Personal arbeitete nicht. Dabei ging es auch darum, das Risiko für die ausgestellten Kunstwerke zu minimieren. Die Nationalgalerie zeigte zu der Zeit die Ausstellung "Matisse & Picasso" mit Leihgaben aus der Tate in London und des Musée national-Picasso Paris.

Im australischen Sommer 2019/2020 wüteten begünstigt durch Hitze und Trockenheit beispiellose Buschfeuer. Forscher gehen davon aus, dass der Klimawandel in Zukunft solche Brände weiter begünstigen wird. Dass durch eine neue "Ära der Flammen" (Pyrozän) auch kulturelles Erbe gefährdet wäre, leuchtet unmittelbar ein. Der Kulturbetrieb ist deshalb besonders gefordert, eine Antwort auf die Klimakrise zu finden.

Blick in die leere Nation Gallery of Australia
Courtesy of the National Gallery of Australia

Blick in die leere National Gallery of Australia


10. Berlin im Farbwirbel

Es ist eines der wenigen großen Kunstereignisse, das 2020 tatsächlich stattfand: Katharina Grosse verwandelte mit ihrer entfesselten Malerei-Installation "It Wasn't Us" den Hamburger Bahnhof in Berlin in einen betörenden Farbwirbel. Die Ausstellung, die sich aus der großen Halle in den öffentlichen Raum hinter dem Museum ergießt, gehört zu den Publikumslieblingen des Kunstjahres und ganz sicher zu den meistfotografierten Werken. Sogar im Lockdown sind die Farbflächen zumindest teilweise beim Spaziergang draußen zu sehen. Ob die Kunst hier das Investoren-Architektur-Ensemble um den Hamburger Bahnhof aufwertet (das das Museum wohl seine Rieck-Hallen kosten wird), kann man diskutieren. So belebt wie in diesem Herbst war das aus dem Boden gestampfte Viertel jedenfalls noch nie. 

Katharina Grosse "It Wasn’t Us", 2020, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Acryl auf Boden, Polystyrol und Bronze; Farbe auf Asphalt, Beton, Ziegel und Metall, 700 x 6.500 x 18.300 cm
Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo / Gagosian / Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Foto: Mathias Völzke, © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2020

Katharina Grosse "It Wasn’t Us", 2020, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Acryl auf Boden, Polystyrol und Bronze; Farbe auf Asphalt, Beton, Ziegel und Metall, 700 x 6.500 x 18.300 cm


11. Die große Leere

Es war das Erste, was man von der neuen Krankheit Covid-19 sehen konnte, als sie sich Anfang des Jahres von Wuhan aus über die ganze Welt verbreitete: die große Leere an sonst belebten Orten. Touristenattraktionen waren verwaist, in den Uffizien stand man plötzlich ganz allein vor den Meisterwerken. Auch Venedig, das sonst unter den per Kreuzfahrtschiff angelieferten Menschenmassen ächzt, gehörte ganz den Einheimischen. Die Architekturbiennale, die eigentlich im Sommer 2020 beginnen wollte, wurde auf nächstes Jahr verschoben, die Kunst folgt dann 2022. Wer es trotzdem in die Biennale-freie Lagunenstadt schaffte, berichtete von magischer Ruhe - eine Ruhe, die ökonomisch gefährlich ist, aber faszinierende Bilder der Leere lieferte.

Fast menschenleere Promenade in Venedig
Foto: dpa

Fast menschenleere Promenade in Venedig


12. Das kurze hoffnungsvolle Heute

Sich eng auf Tanzflächen aneinanderreiben, anhauchen und vollschwitzen: Was für viele Menschen zu einem gelungenen Wochenende gehörte, wurde in der Corona-Pandemie aufgrund von Ansteckungsgefahr undenkbar. Wann Clubs wieder öffnen können - wenn sie denn überhaupt wirtschaftlich durchhalten - ist noch immer völlig unklar.

In Berlin mischte sich jedoch zur Art Week im September ein wenig Hoffnung in die Nachtleben-Tristesse. Der legendäre Club Berghain verwandelte sich in Kooperation mit der Sammlung Boros in ein Ausstellungshaus und zeigte die Gruppenschau "Studio Berlin" mit über 100 Positionen. Das Banner mit der Aufschrift "Morgen ist die Frage" von Rikrit Tiravanija an der Fassade wurde zum Monument der Unsicherheit, aber auch zu einer Flagge der Zuversicht für die Kulturszene (auch wenn nicht alle davon begeistert waren, dass die Ausstellung 250.000 Euro öffentliches Geld aus einem Sondertopf des Senats bekam). Inzwischen ist sie wie alle Kultureinrichtungen wieder geschlossen. Nur das Banner lässt auf ein besseres Morgen hoffen.

Rirkrit Tiravanijas Banner am Berghain als Teil der Ausstellung "Studio Berlin"
© Rirkrit Tiravanija, Foto: Noshe

Rirkrit Tiravanijas Banner an der Fassade des Berghains als Teil der Ausstellung "Studio Berlin"


13. "Wir haben Platz"

Wenn es in der Politiker-Rhetorik zur Pandemie um Solidarität, Schutz für die Schwächsten und das Retten von Leben ging, wiesen Aktivisten immer wieder darauf hin, dass diese Grundsätze nicht für die Geflüchteten gelten, die in griechischen Auffanglagern ausharren. Das Bündnis "We'll Come United" erinnerte Anfang September mit 13.000 leeren Stühlen vor dem Berliner Reichstag an die ebensovielen Personen, die zu diesem Zeitpunkt im heillos überfüllten Lager Moria auf Lesbos lebten - und an die Bereitschaft mehrerer deutscher Städte und Kommunen, Geflüchtete aufzunehmen.

Die Installation bekam durch den Brand in Moria, der das Lager völlig zerstörte, noch einmal neue Dringlichkeit. Die EU rang um eine gemeinsame Lösung und fand keine, die Bundesregierung sagte zu, 3000 Menschen aufzunehmen. Passiert ist bisher wenig. Die Stühle sind verschwunden, die Nöte der Menschen nicht.

Vor dem Bundestag in Berlin standen Anfang September 13.000 Stühle vor dem Bundestag. Diese symbolisierten die Menschen, die zu der Zeit im Flüchtlingslager Moria lebten, sowie den Platz und die Aufnahmebereitschaft der Städte, Länder und Zivilgesellschaft. Organisiert wurde die Aktion gemeinsam von den Intiativen Seebrücke, Sea-Watch, #LeaveNoOneBehind und Campact
Foto: dpa

Vor dem Bundestag in Berlin standen Anfang September 13.000 Stühle vor dem Bundestag. Diese symbolisierten die Menschen, die zu der Zeit im Flüchtlingslager Moria lebten, sowie den Platz und die Aufnahmebereitschaft der Städte, Länder und Zivilgesellschaft. Organisiert wurde die Aktion gemeinsam von den Intiativen Seebrücke, Sea-Watch, #LeaveNoOneBehind und Campact