Köpfe 2019

Auftritte, Wechsel, Abgänge

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Wer tritt an, wer tritt ab, von wem wird man in diesem Jahr noch hören? Ein Überblick über die wichtigsten Personalien 2019 im Kunstbetrieb

Andreas Beitin wird ab 1. April 2019 neuer Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg. Der promovierte Kunsthistoriker leitete bisher das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Beitin, Jahrgang 1968, studierte Kunstgeschichte, angewandte Kulturwissenschaften, Neuere und Neueste Geschichte. Er promovierte zum Motiv des Schreis in der Kunst und Grafik des 20. Jahrhunderts. Der Kunsthistoriker und Kurator arbeitete in verschiedenen Funktionen am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. 2017 erhielt er den Justus-Bier-Preis für Kuratoren, die von ihm kuratierte Ausstellung "Flashes of the Future: Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen" wurde von der deutschen Sektion des internationalen Kunstkritikerverbands AICA zur Ausstellung des Jahres 2018 gekürt, außerdem zeichnete der Verband das Ludwig Forum als Museum des Jahres aus. Dass der bisherige Direktor Ralf Beil das Haus verlassen musste, war eine Überraschung. Eigentlich sollte sein Vertrag bis 2020 laufen, und es wurde darüber spekuliert, ob die Kündigung mit Beils programmatischer Arbeit zusammenhängt. Er sagte dazu im Monopol-Interview mit Blick auf die Kunststiftung Volkswagen, der Trägerin des Kunstmuseums Wolfsburg: "Es gab keinen Streit, denn dazu bräuchte es ja eine Diskussionskultur. Bei VW und seinem Umfeld wird alles eher hinter verschlossenen Türen geregelt."

Die Österreicherin Tulga Beyerle ist neue Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Die bisherige Leiterin des Dresdner Kunstgewerbemuseums folgte zum 1. Dezember auf Sabine Schulze. "Ich freue mich sehr über diese Wahl", so Schulze. "Tulga Beyerle war immer meine Wunschkandidatin! Ihr Engagement für zeitgenössische Gestaltung bewundere ich, ihre Begeisterung ist ansteckend. Sie wird das Museum für Kunst und Gewerbe in eine gute Zukunft führen."

Der deutsche Kurator Klaus Biesenbach, bislang Leiter des MoMA PS1 in New York, wird im Frühjahr neuer Direktor des Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles. Der 1966 in Bergisch-Gladbach geborene Biesenbach gründete Anfang der 90er in Berlin-Mitte gemeinsam mit anderen Enthusiasten den Ausstellungsort Kunst-Werke (heute KW Institute of Contemporary Art). Seit 1996 arbeitete er als Kurator für das PS1 in New York, 1998 leitete er die erste Berlin Biennale. Seit 2010 leitet er das inzwischen dem MoMA angegliederte PS1. Vor zwei Jahren wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Daneben war er viele Jahre Kolumnist für Monopol. Das 1976 von Sammlern gegründete MOCA gehört zu den wichtigsten Institutionen für Gegenwartskunst in den USA. Biesenbach folgt auf Jeffrey Deitch (2010-2013) und Philippe Vergne (seit 2014).

Der französische Kurator, Kunstwissenschaftler und Autor Nicolas Bourriaud wird die 16. Istanbul-Biennale kuratieren. Der 1965 geborene Bourriaud leitet das von ihm gegründete Ausstellungshaus Montpellier Contemporain (MoCo) und ist Mitbegründer des Palais de Tokyo in Paris. 1998 erschien sein Buch "Esthétique relationnelle", das lange Zeit die Rezeption der Kunst der 90er-Jahre prägte. Darin beschreibt er eine Kunst, die keine Gemälde, Skulpturen oder Videoinstallationen kennt, sondern nur Beziehungen: Spiele, Feste und Begegnungsstätten als ästhetische Objekte.

Kulturmanager und Eventbude – das waren die Schlagworte, mit denen gegen Chris Dercons Intendanz an der Berliner Volksbühne polemisiert wurde und gegen die sich der Belgier stets verwahrte. Ein wenig nach Stockholm-Syndrom klingt deshalb der neue Job des 60-Jährigen: Seit dem 1. Januar hat Dercon für fünf Jahre die Leitung der französischen Staatsmuseen im Grand Palais übernommen – ein Prunkbau, in dem neben Wechselausstellungen auch Modeschauen und die Kunstmesse Fiac stattfinden. In Paris wird Dercon den Umbau des Hauses steuern: Nach einer vierjährigen Generalsanierung soll das neue Grand Palais ab 2020 als "Weltmonument" mit Restaurants und Läden "noch größeren Appeal als event hosting venue" versprühen und "Weltklasse-Events aus Kunst, Mode, Sport und Lifestyle" vereinen, wie das Museum meldet. Die Kosten werden auf 460 Millionen Euro beziffert, 25 Millionen stellt das Modehaus Chanel bereit.

Die 30-jährige Kunsthistorikerin Diandra Donecker tritt beim Berliner Auktionshaus Grisebach die Nachfolge von Florian Illies an. Sie ist seit dem 1. Januar sowohl Partnerin wie auch leitende Geschäftsführerin im Unternehmen. Der Kulturjournalist und Monopol-Gründer Florian Illies ("1913"), bereits als Nachfolger von Firmengründer Berndt Schultz designiert, hatte im Sommer überraschend seinen Rückzug erklärt. Der 47-Jährige trat zum 1. Januar bei Rowohlt die Nachfolge von Verlegerin Barbara Laugwitz an, deren Rauswurf bei den Autoren für heftige Kritik gesorgt hatte. Seine Grisebach-Nachfolgerin Donecker war zuvor beim Auktionshaus Christie's, beim Metropolitan Museum in New York und an anderen Stationen des internationalen Kunsthandels. Seit zwei Jahren leite sie bei Griesebach "höchst erfolgreich" die Abteilung Fotografie, heißt es aus dem Auktionshaus.

Hartmut Dorgerloh (55) steht als neuer Generalintendant des Humboldt Forums in Berlin 2019 im besonderen Fokus: Das Prestige-Projekt im teilrekonstruierten Berliner Schloss wird Ende des Jahres mit dem Ausstellungsbereich zur Geschichte des Ortes eröffnet. In dem für 600 Millionen Euro geplanten Kultur- und Museumszentrum sollen vor allem die ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gezeigt werden.

Nadine Droste folgt als Direktorin des Bielefelder Kunstvereins auf Thomas Thiel, der den Posten im März nach zehn Jahren abgibt. Droste studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und schloss daran ein Studium in Frankfurt am Main an. An der Städelschule und der Goethe-Universität absolvierte die 1982 geborene Droste den Studiengang im Fach Curatorial Studies. Nadine Droste "überzeugte die Auswahlkommission mit einem Konzept, das die kritische Kraft der Kunst ins Zentrum stellt, sich zu aktuellen Diskursen positioniert und den Kunstverein als Raum ästhetischer Experimente aktualisiert", hieß es in der Stellungnahme der Auswahlkommission. 

Die Mannheimer Kunsthallen-Chefin Ulrike Lorenz wird als erste Frau an die Spitze der Klassik Stiftung Weimar rücken. Sie folgt zum August 2019 auf Hellmut Seemann, der die Stiftung seit 2001 leitet. Lorenz kündigte einen "Perspektivwechsel" an. Sie wolle den Blick weg von der "reinen Konstruktion und Rekonstruktion" hin zu dem richten, "was uns unmittelbar in der Gegenwart beschäftigt".

Die Programmchefin des Jüdischen Museums Berlin, Léontine Meijer-van Mensch, wird ab Februar 2019 Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen innerhalb der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Niederländerin tritt die Nachfolge ihrer Landsfrau Nanette Snoep an, die zum Jahresende ans Rautenstrauch-Joest-Museum Köln wechselt. Meijer-van Mensch übernimmt damit auch die Leitung des Grassi Museums für Völkerkunde zu Leipzig.

Der Historiker Gorch Pieken wird den Auftritt der Humboldt-Universität im künftigen Berliner Schloss kuratieren. Die Hochschule will ab 2019 in einem sogenannten Humboldt-Labor auf rund 1000 Quadratmetern neue Wissenschaftsformate präsentieren. Der Niedersachse war zehn Jahre Kurator am Deutschen Historischen Museum. Später zeichnete er für die Neukonzeption des Militärhistorischen Museums in Dresden verantwortlich. 

Der Historiker und Publizist Ulrich Raulff ist seit Oktober neuer Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Er folgte auf den 2017 verstorbenen Martin Roth.

Der Austellungsmacher Ralph Rugoff kuratiert die 58. Kunstbiennale von Venedig, die im Mai beginnt. Der gebürtige New Yorker ist seit elf Jahren Direktor der Hayward Gallery in London, einem renommieren öffentlichen Museum für zeitgenössische Kunst am Themseufer. Der 60-Jährige verriet im Monopol-Interview, dass er der Großausstellungen wie der Venedig-Biennale skeptisch gegenübersteht. Seinen Äußerungen gegen außerdem Anlass zur Vermutung, dass auch diesmal viele deutsche Künstler vertreten sein werden. 

Der deutsche Direktor der Uffizien, Eike Schmidt, wechselt in der zweiten Jahreshälfte 2019 aus Florenz nach Wien zum Kunsthistorische Museum. Er will das Haus ins digitale Zeitalter führen. In Florenz hat der gebürtige Freiburger seit seinem Amtsantritt die Ticketpreise von 8 auf 12 Euro in der Nebensaison und auf 20 Euro in der Hauptsaison erhöht. Außerdem hat er die Ausstellungsstücke im berühmten Museum neu arrangiert. Die Maßnahmen sollten die Besucherströme besser leiten und Wartezeiten verkürzen. Konservative Teile Italiens sperrten sich gegen diese Innovationen.

Zuletzt machte die Documenta Schlagzeilen mit einem riesigen Finanzloch. Die neue Geschäftsführerin Sabine Schormann – seit November im Amt – soll die Kunstausstellung nun wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen. Ende Februar  wird der neue künstlerische Leiter bekanntgegeben.

Anfang April 2019 wird der Ausstellungsmacher Thomas Thiel Direktor des Kunstmuseum Siegen. Die seit 14 Jahren amtierende Künstlerische Leiterin Eva Schmidt gibt auf eigenen Wunsch den Posten auf. Der designierte Direktor Thiel ist ein Experte für Gegenwartskunst. Er leitete seit 2008 den Bielefelder Kunstverein, wo er ein vielbeachtetes Ausstellungsprogramm und Projekte im öffentlichen Raum in Gang brachte. 

Der Direktor der Hamburger Kunsthalle Christoph Martin Vogtherr ist seit dem 1. Januar neuer Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Die Stelle ist vakant, weil der bisherige Generaldirektor Hartmut Dorgerloh im Sommer zum Generalintendanten des Humboldt Forums Berlin berufen wurde. Er hatte das Amt 15 Jahre inne. Zur Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gehören 30 Schlösser und Gebäude aus dem 17. bis 20. Jahrhundert sowie rund 800 Hektar Parkanlagen. Sie wird gemeinsam vom Bund und den beiden Ländern Berlin und Brandenburg finanziert.

Moritz Wesseler ist seit dem 1. November neuer Direktor des Fridericianum in Kassel. Der ehemalige Direktor des Kölnischen Kunstvereins folgte auf Susanne Pfeffer, die jetzt das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) leitet. 

Franciska Zólyom wird den deutschen Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig gestalten. Die 1973 in Budapest geborene Kunsthistorikerin arbeitete im Rahmen eines vom ifa vergebenen Rave-Stipendiums am Hamburger Bahnhof in Berlin und am Ludwig-Museum für zeitgenössische Kunst in Budapest. Sie war drei Jahre lang Direktorin des Institute of Contemporary Art – Dunaújváros in Ungarn. Seit 2012 ist sie Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (GfzK), außerdem ist sie Mitglied im Universitätsrat der Bauhaus-Universität Weimar und im Sächsischen Kultursenat. Die Künstlerin für den deutschen Pavillon hat Zólyom bereits bekanntgegeben: Sie heißt Natascha Süder Happelmann. Oder auch nicht.

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